Kurzer Auszug vorab des Dokuments (ohne Fotos und durchgängige Verlinkungen). Das Originaldokument ist offline und noch in der Überarbeitung.




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Mein autobiografisches Nachschlagewerk
gegen das (mein) Vergessen


Rückblicke, Teil I –
Jugend oder Wie man Idealist wird


2015/2016 | 17.08.2020 (refresh!)


  • Vorwort, Teil I (Vorwort, Teil II)
  • Inhaltsverzeichnis, Teil I; (Inhaltsverzeichnis, Teil II)
  • Rückblicke, 1953 – 1959 | 1959 – 1963 | 1964 – 1967 | 1968 – 1969
  • Rückblicke, 1970 – 1972 | 1972 – 1977 | 1977 – 1978
  • Rückblicke, 1984 | 1985 – 1989 | 1989 – 1994 | 1995
  • Rückblicke, 1996 | 1997 – 2007 | 2008
  • Rückblicke, 2008 – 2016/2018
  • Anhang


VORWORT | PREFACE – Teil I


Auf die Lebensabschnitte in West-Berlin (1960 – 1972) Wiesbaden (1972 – 1984), Selters/Taunus und Brooklyn, New York (1985 – 2008) blicke ich mit etwas "Stolz" zurück und gehe darauf in zwei autobiografischen Rückblicken ein – hier Teil I, der die Jugendzeit und damit die Beweggründe für eine Lebenszäsur (1970) und den Beginn eines altruistischen Lebensweges (1972 bis 2008) als "Idealist" beschreibt.

Meine Motivaton für diese autobiografischen RÜCKBLiCKE ist vielschichtig. Worauf ich noch eingehe. Ebenso intensiver auf die zeithistorische Fachthematik, um die es mir beim Verfassen ursprünglich hauptsächlich ging und für die ich dann mit Teil II, verpackt in Lebensrückblicken, ein eigenes Dokument schuf. Wobei die Verlinkungen zu meinen Manuskripten und Texten helfen sollen, sich dem zeitgeschichtlichen Nischenthema zu nähern und Forschenden die Materialsuche zu erleichtern. Viele externe Links (Wikipedia) sollen in beiden autobiografischen Teilen ebenfalls bei Bedarf zum Nachschlagen zum persönlichen Informieren dienen.

Wie 'das Verständnis der eigenen Geschichte zur Identitätsbildung jeder Nation beiträgt' (☞ Deutscher Bundestag, 2008), so bilden Menschen Identität durch ihre eigene Lebensgeschichte. Und wenn sie darüber reden oder schreiben können, dann tragen sie zum eigenen und zum Verständnis anderer bei – warum bin ich eigentlich so wie ich heute als Person erscheine? ☺

Die Autobiografie dient mir selbst zum Nachschlagen von Daten und Ereignissen – ich bin scheinbar mit keinem guten Datengedächtnis gesegnet worden (was dem Erfinder des Internets als Motivation für seine Erfindung auch nachgesagt wird – schneller Nachschlagen). Ähnlich ergeht es mir mit meiner Fotokünstlerseite auf Facebook – so finde ich dort meine jahrelang geknipsten Fotos "Augen-Blicke" mit zeitnahen Beschreibungen relativ schnell wieder, wenn ich sie brauche. ("Es wird Zeit, eine Auswahl der Bilder online zugänglich zu machen", so schrieb ich hier 2016 – inzwischen längst als eigene ☞ Webseite realisiert!)

Also dann, auf geht's, wennst magst ... ☺
(Richtig ausdrücken konnte ich mich schon immer schriftlich besser als mündlich, verbale Vermittlung blieb manchmal Stückwerk. Doch "was man schreibt, das bleibt ...")




RÜCKBLiCKE, 1953 – 1959

Zerbrochene Heimat ohne Erinnerungen

Die Berge und das Meer ziehen mich an. Vor allem war ich schon immer mit Flüssen und Gewässern verbunden (affin), also mit dem Element Wasser. Und mag gern an Stränden, Ufern, Waldbächen und in Häfen schlendern. Oder auf Kanälen gondeln mit dem Wasserbus (Vaparetto) in Venedig. Oder über ein Meer. Und sei es heute das Bayerische Meer, der Chiemsee. Meeresrauschen – 👍 gefällt mir. (Ebenso wie die Laute und Farben des Waldes.)

Kein Wunder, denn frühe Babyfotos zeigen mich im Kinderwagen am Wasser – am Hafenkai eines Flusses. (Heute fahre ich meinen Wagen selbst, einen Fiat. 😎 ) Mein Geburthaus liegt in der Nähe eines kleinen Binnenhafens in Oppeln (Opole) an der Oder in Oberschlesien (seit 1945 Polen) bei Breslau (Wrocław).* Wir sind eine deutsche Familie, was uns einige Jahre später gleich nach der Umsiedlung von Schlesien in der neuen Heimat West-Berlin vom Senat beurkundet werden wird (klare Ansage über unsere Volkszugehörigkeit).

* Gemeint ist der Hafenkai von Sakrau (Zakrzów), ein Ortsteil von Opole, wo mein Geburtshaus steht, ein von meinen Eltern selbst erbautes Häuschen mit Hühnerstall, Garten und kleinen Obstbäumen. Google Maps zeigt hier die Lage des Hauses. (Bei Interesse, klick mich! Manches habe ich mir hier zum schnellen Nachschlagen eingerichtet, falls ich Lust auf Online-Schnuppern und Surfen verspüre 😏  ... "Was man schreibt, das bleibt!")

Geboren im Dezember 1953, dank meiner Eltern. Und dabei mit den biblischen Vornamen "Johannes" (Johann) und "Stephan" versehen, also mit zwei Vornamen, und beide sind in Gebrauch, auch beim Publizieren. "Stephan Wrobel" vor allem seit der Lebenszäsur Ende 2008, "Johannes Wrobel" davor, worauf ich noch eingehe. Nicht wundern, wenn ich das mit den beiden Vornamen gleich am Anfang erwähne – das hat seinen Grund und ist etwas kompliziert. Wen es interessiert, hier eine Anmerkung dazu.*

* Der Namenstag meines Vornamens "Johannes" (poln. "Jan") ist gemäß dem katholischen Kalender am 27. Dezember, der meines Vornamens "Stephan" (poln. "Stefan") am 26. Dezember. Meine Eltern planten für mich beide Vornamen aus dem katholischen Namenskalender in deutscher Sprache ein, ungeachtet ob ich am 26. Dezember (Stephan) oder am 27. Dezember (Johannes) das Licht der Welt erblicken würde – der zeitliche Unterschied war ja nur eine Frage von Stunden. Die deutsche Schreibweise meiner Vornamen, wie von den Eltern gewünscht, ließen die Polen beim Ausstellen der Geburtsurkunde in Oppeln (Opole) nicht zu. Erst nach der Umsiedlung der Familie nach Deutschland wurden die Papiere von Anfang an auf die deutsche Schreibweise meiner beiden Vornamen ausgestellt, zunächst mit der Übersetzung "Johann", was später vom Amt auf "Johannes" geändert wurde. Als "Johann" fühlte ich mich schon als Kind nicht unbedingt wohl, und die Eltern riefen mich zuerst "Hans", auch "Hansel", was sogar in mein erstes Schulzeugnis Einzug hielt, was ich aber überhaupt nicht mochte. So kam es, daß ich mich als Schüler unter Freunden "Johnny" nannte, was mir gefiel und auch gut von meinem Umfeld angenommen wurde, auch von den Eltern, und sogar noch Jahre nachwirkte, so dass ich für einige der "Johnny Wrobel" blieb, nicht nur für Klassenkameraden. Die Schreibweise meines mit der Zeit eingebürgerten Namens "Johannes Stephan Wrobel" (statt Johann Stephan) beurkundete das Ordnungsamt Wiesbaden am 29. April 1983. Mit den Vornamen "Johannes" und "Stephan" fühle ich mich ganz wohl. Seit November 2018 kann man in Deutschland laut Personenstandsgesetz die Reihenfolge der Vornamen amtlich ändern lassen, wenn man mehrere davon hat und zum Beispiel den Zweitnamen als Rufnamen verwendet, worauf ich bislang verzichte.

Keine Erinnerungen mehr an meine Lebenszeit in Oberschlesien, an die "zerbrochene Heimat", die ich nie kennenlernte. Verschüttet. Meine Bilder im Kopf an den Ort hängen heute an Fotos, Erzählungen der Eltern und an zwei Besuchen in Oppeln Jahre später, der letzte auf dem Rückweg von Auschwitz.*

* Meine Erinnerungen an Oppeln beruhen hauptsächlich auf einem Besuch dort im Oktober 1963 zusammen mit den Eltern bei der Urgroßmutter (die "Oma", wie die Urgoßmutter in der Familie genannt wurde – sie hatte meine Muter in Schlesien in meinem Geburtshäuschen großgezogen, während ihre eigentliche Mutter, unsere "Omi", wie sie in der Familie genannt wurde, damals in Großberlin in einem vornehmen Haushalt arbeitete und lebte).
Mein zweiter und letzter Besuch in Opole war 40 Jahre später, und er schließt sich 2004 nach einem Referat zu einer Ausstellungseröffnung im ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager (Todeslager) und heutigem Museum Auschwitz-Birkenau an. Auf dem Rückweg mit dem Pkw mit einem Bekannten dann eine Stippvisite in Opole. Gleich am Ortseingang kaufte ich einen Stadtplan. Ich besuchte ein Archiv und anschließend suchte und fand ich mein Geburtshaus in unserer Straße in Zakrzów!

Meine Großtante "Ditha" (Traudel) aus Oppeln (geb. 2.08.1932), auf die ich auch unten eingehe, erzählte mir vor einigen Jahren eine unglaubliche Geschichten über mich – über meine frühkindliche Anhänglichkeit zu ihr als junge Frau. Wir wohnten damals in derselben Straße (Prudnicka) in Oppeln-Zakrzów. Ihre Eltern hatten eine Bieberzucht, ihr Bruder Günther war Boxer; über ihren Vater, meinen Onkel Richard, weiß ich nicht viel, ihre Mutter, unsere "Tante Lucie", war eine resolute Frau, doch uns Kindern gegenüber (meinem Bruder und mir) warmherzig und großzügig, wir mochten sie ebenfalls sehr, eigentlich alle Glieder dieser Familie. Heute telefonieren meine Großtante und ich ab und zu miteinander, was mich freut; und sie erzählt immer wieder gern von meiner damaligen großen Anhänglichkeit:

Wie ich jeden Tag auf sie vor ihrem Haus Prudnicka 20 in Sakrau (Zakrzów) gewartet hatte bis ich sie schließlich aus der Arbeit kommen sah. Oder auch schon morgens früh nach dem Aufstehen auf sie wartete, schon angezogen von der Mutter, um sofort zu ihr unter einem dummen Vorwand gelaufen kam ("Die geben mir nicht zu essen!"). Um mit ihr zu frühstücken, und dann ein kleines Stück Weges gemeinsam mit ihr zur Arbeit zu gehen. Also als Bub unzertrennlich von ihr schien – ich habe leider überhaupt keine Erinnerungen daran ... schade. Vielleicht ein Schlüsselerlebnis? Ich weiß es nicht.

Menschen suchen, solange sie leben. Andere suchen nicht, sie finden. Erst kürzlich entdeckte ich diesen Text des deutschen Schriftstellers Wilhelm Raabe (1831–1910):

"Vorgestern stand ich auf einem Berg – einer kahlen, nur mit kurzem Gras und vereinzeltem Gestrüpp bewachsenen Höhe, erhaben über allen Wipfeln und Gipfeln bis in die blaueste Ferne. Ich stand und blickte hinab auf das nahe Grün und das ferne Blau und achtete auf das Aufblitzen der Gewässer in der Ebene, die südwärts hinter dem Gebirge sich dehnt. Da stand plötzlich ein alter grauer Mann, der seine Holzaxt auf der Schulter trug, neben mir und redete mich so unversehens an und grüßte mich, daß ich ordentlich erschrak. Er kam mir aber grade recht, um mir die Gegend zu deuten. Manche Berggipfel und Höhenzüge, manche Kirchtürme nannte er mir mit Namen, und endlich sagte er: "Ja, Herr, ist das nicht so schön, daß man seine Braut daraus holen möchte?"
Ich blickte den Alten, betroffen über das sinnige Wort, an. Er wußte gewiß selbst nicht, wie recht er das Gefühl getroffen hatte, welches an einer solchen Stelle die Menschenbrust bewegen kann. Eine schöne, gute Braut ist wohl das höchste Glück, welches einem Menschen auf Erden zuteil werden mag, und nun stehst du, und ein Erdenwinkel liegt vor deinen Augen hingebreitet in wonniger Schönheit, in Duft und Glanz, süß und milde; – und du bist einsam und allein, und ein unbekanntes Glück, das du ahnst, wohnt drunten im Tal. –
Man möchte seine Braut daraus holen!"
("Eine Brautschau." Wilhelm Raabe: Nach dem großen Kriege. Eine Geschichte in zwölf Briefen (17. Aug. – 27. Dez. 1860), I, 3; 385 f.)

Die Ferne bringt Ahnen, Sehnsucht – Geheimnisse, Mysterien, auch mir. Der Mensch sucht Nähe, solange er lebt, möchte teilen, was ihn bewegt, auch ich. Jeder Mensch darf – ja muss – für sich ein eigenes, freies Leben finden, auch ich. Was werde ich suchen, was finden? Das Leben ist schön, und Freiheit ist bunt.

Erste, neue Heimat

Als deutsche Aussiedler reiste die Familie Wrobel, meine Eltern, mein älterer Bruder (geb. 24.08.1950) und ich, per Eisenbahn von Oppeln (Opole) nach Westdeutschland. Und dort mit der Zeit über die Aussiedlerheime Friedland und Uelzen (November 1958) sowie über Kirchzarten und St. Blasien (Krankenhausaufenthalte meines Vaters, siehe unten) schließlich nach Berlin, wo Verwandte im Ostteil (kommunistisch), andere im Westteil (demokratisch) lebten.*
* Mein autobiografischer Bericht geht in der Regel nicht näher auf Angehörige ein, was ich zu respektieren bitte.

In Ost-Berlin (DDR), hinter dem Eisernen Vorhang, wohnte meine "Omi", Großmutter Magdalena mütterlicherseits. In West-Berlin lebten meine Tante Lucie und mein Onkel Richard und ihre Tochter Ehrentraud (Traudel), das war meine geliebte Großtante "Ditha" (Editha), worüber ich oben berichte, und die alle schon vor uns nach Deutschland umgesiedelt waren. Die Familie hatte angeboten, uns vorerst bei sich in ihrer ziemlich großen Etagenwohnung im Kronprinzendamm im freien Westteil der geteilten Stadt aufzunehmen. Das war im obersten Stockwerk eines ehrwürdigen altberliner Gebäudes von 1894, Kronprinzendamm Nr. 1. Ein Teil des großen Gebäude ist seit 1984 das Hotel "Kronprinz", der Rest mit dem großen Treppenhaus sind noch immer Wohnungen; das Haus selbst ist ein Berliner Kulturdenkmal geworden.

Es war schon Nacht als wir am 19. Juni 1959 im Kronprinzendamm Nr. 1 eintrafen. Und wir werden nach einer stürmischen Begrüßung bei "Tante Ditha" einquartiert, im größten Zimmer mit Balkon der Etagenwohnung (die noch ein stilles älteres Ehepaar im hinteren Bereich bewohnte). Vom Balkon aus konnte man rechts die nahe S-Bahnbrücke Halensee und links den Berliner Funkturm in der Ferne erkennen.

Gleich nach der Ankunft am nächsten Morgen konnte ich es kaum erwarten, und laufe erwartungsvoll über das große Etagentreppenhaus die vielen Stufen hinunter vor die Tür auf den Kronprinzendamm, und dann zum nahen Kurfürstendamm, um dort von der S-Bahn-Brücke Halensee aus den Berliner Funkturm besser sehen und bestaunen zu können – frei, voller Zukunftserwartung. Vielleicht eine vorweg genommene Neugier, Sehnsucht nach Weite, Ferne, Reiseabenteuern und Entdeckungen? Ein kleiner schüchterner Bub "beobachtet die Welt" auf der Halenseebrücke. Und mit diesen Bildern im Kopf haben eigentlich schon immer meine bewussten Lebenserinnerungen begonnen – nicht mit Oppeln in Schlesien, oder in Aussiedlerheimen in Westdeutschland, sondern mit Berlin!

Das freie West-Berlin, die Zweimillionenstadt unter dem regierenden Bürgermeister Willy Brandt (1957–1966), wird mir, dem Heimatlosen, zur ersten wirklichen Heimat(stadt). Und als West-Berliner wohne ich jetzt sogar an zwei Flüssen, zwischen Havel und Spree!


RÜCKBLiCKE, 1959 – 1963

Der kleine Mann und das Meer

Wir blieben vier Monate im Kronprinzendamm Nr. 1 bei Tante und Onkel bis wir endlich eine eigene Wohnung gefunden und bezogen hatten, in einem Hinterhaus in der Joachim-Friedrich-Staße (Charlottenburg) am Kurfürstendamm. Später zogen wir in die Kreuznacher Straße (Wilmersdorf) am Breitenbachplatz, Ecke Südwestkorso, unten mehr darüber, meine eigentliche Wohngegend in West-Berlin.

Rund sieben Monate lebe ich zwischenzeitlich ohne Eltern zur Erholung auf der Nordseeinsel Föhr in einem Kinderkurheim am Südstrand der Stadt Wyk (Hinfahrt am 12. Mai – Rückfahrt am 14. Dezember 1960).*

* Ursprünglich waren es "ausgebombte" unterernährte Kinder aus Großfamilien, die ab 1947 mit extra bereitgestellten Bussen, zum Beispiel als "Kindertransport Evangelisches Hilfswerk", zur Erholung ins damalige "Marienhof Kinderkurheim" gebracht wurden.

Meine Eltern sind derweil in West-Berlin, die Mutter hochschwanger, Vater damals mehr in Krankenhäusern als zu Hause aufgrund einer Kriegsverwundung noch als Wehrmachtssoldat im Zweiten Weltkrieg, ein "Lungensteckschuss", wie er sagte, der Splitter einer "russischen" Granate, der ständiges Fieber bei ihm verursachte – ein Krieg trifft immer Menschen. (Ich selbst bin anerkannter Kriegsdienstverweigerer.) Seine Kriegsverletzung war übrigens unter anderem der Grund für unsere Übersiedelung nach Deutschland gewesen. Vater wollte sich den Granatsplitter auf jeden Fall in Deutschland und nicht in Polen durch eine OP entfernen lassen. (So kam es auch, daß er auf unserem Reiseweg in Westdeutschland mehrere Zwischenaufenthalte in Kliniken hatte, zum Beispiel in St. Blasien im Schwarzwald, während wir, der Rest der Familie, im Lager Friedland warteten.)

Nach der Geburt des zweiten Bruders am 29. Mai bittet meine zarte Mutter das Amt in West-Berlin, ich glaube mehrmals, um Verlängerung meines Erholungsaufenthaltes auf Föhr, um sich besser meinem älteren Bruder und vor allem der Säuglingspflege widmen zu können. Also blieb ich länger als erwartet auf der Nordseeinsel und allein, ohne meine Familie.

Das Kinderkurheim Marienhof in Wyk auf Föhr ist ein großes Haus direkt am Nordseestrand mit Blick auf das "große" Meer (Wattennmeer) und den "unendlichen" Himmel (über Schleswig-Holstein) – ich kann durch die Fenster in der Ferne die Schiffe sehen, die regelmäßig vorbeifahren. Heimweh und Fernweh vermischen sich bald in meiner Wahrnehmung. Alle Kinder essen gemeinsam in einem Speisesaal, nächtigen in Schlafsälen, werden beschäftigt und unternehmen ausgedehnte Inselspaziergänge mit Begleitung. Natürlich verbringen wir Kinder bei schönem Wetter viel Zeit vor der Tür, am Sandstrand mit Schaufel und Eimer, das sanfte Rauschen der Meereswellen im Ohr. Daher wohl noch heute mein Hang zum Meer und zur Farbe Blau. (Auch wenn das Meer dort nicht immer blau, sondern oft grau ist, was vom Wetter abhängt.)

Übrigens, es gab eine Farbe, die mich schon damals weit mehr als Blau faszinierte. Und das war leuchtendes Gelb – für mich die Farbe der Sonne, Gelb als Farbe des Strandes und eines Lieblingsbuntstiftes, den ich damals besaß! Das freundlich helle Löwenzahngelb und die Farbe der Zitronenfalter empfinde ich als wunderschön! (Vielleicht war ich später deswegen so gern im freien Schweden, weil die Landesfarben Blau und Gelb sind? Und heute spielen Zitronen in meinem Leben eine gewisse Rolle als Vitaminspender ... lach.) ☺

Gelb und Blau machen mich bis heute fröhlich, gehören zur (angestrebten) Leichtigkeit des Seins. (Doch da waren noch die Farben des Grauens, des Hungers, Durstes und Frierens, der brutalen Schläge und des Mordens, erschossen von der SS wegen einer Nichtigkeit, erschlagen, zertreten, erhängt, vergast, die Farben des Todes, die Menschen vor allem in deutschen Konzentrationslagern und Vernichtungslagern, aber auch in Zuchthäusern, Gefängnissen, Kinderheimen und Kliniken während der Diktatur bis zuletzt sahen, weil sie ihren religiösen Überzeugungen treu blieben, mit denen ich sehr viel später als Geschichtsforschender intensiv zu tun haben sollte, die aber das Blau und das Gelb, die Liebe, die Hoffnung und die Sehnsucht, nicht auslöschen dürfen, solange wir am Leben sind!)

Jedenfalls liebe ich bis heute das Meer – die Nordsee und die friesischen Inseln, mag das wärmere Mittelmeer und seine Gestaden und Strände, die ich damals bald kennenlernen sollte: Als Teenager in Spanien (Barcelona), als junger Mann in Italien (Venedig), als Erwachsener in Griechenland (Samos), Italien (Laigueglia) und Israel (Tel Aviv). Und als alter Mann in ... (Moment, noch ist es nicht ganz soweit.) ☺

Richtig, hinzu kommen ja noch die Reisen, die mich an die Ostsee (Rügen, Bad Doberan, Danzig, St. Petersburg), den Kattegat (Hälsingborg / Hälsingör) oder zu den großen Ozeanen brachten – dem Pazifischen Ozean (San Franzisko) und Atlantischen Ozean bei Florida (Fort Lauderdale) und New York, an der Nordwestküste Afrikas bei Agadir (Marokko) oder an der Westküste Irlands und Südküste Englands, oder in die glitzernde Karibik (Puerto Rico und Virgin Islands) und an ein Nebenmeer des Indischen Ozeans – das Rote Meer (Elath). (Heute reise ich nicht mehr so weit. In den letzten Jahren kamen nur noch Kurztrips mit faszinierenden Meerblicken dazu, in Cala Ratjada/Mallorca, Bibione/Italien und Rovinj/Kroatien.)

Soweit so gut das Meer, das heißt ein weiterer MeerBLiCK soll noch erwähnt werden, bevor die Zeitreise wieder zurück an den Anfang geht, wo alles begann:

Vor allem begeisterte mich die ostfriesische Insel Wangerooge, die ich 1997 fast wie Christoph Columbus von der Seeseite aus (für mich) "entdecke". Und das kam so: Zusammen mit Onkel Fritz und seinem Kahn schipperte ich auf einer abenteuerlichen privaten Bootsfahrt von Hooksiel (bei Wilhelmshaven) entlang der Küste des Jadebusens in Richtung offenes Meer. Bei Ebbe fischten wir Granat, kochten und verputzen die Krabben gleich an Bord. Gegen Abend legten wir mit dem Boot an einer Kaimauer von Wangerooge (unerlaubterweise) an. Während "Kapitän Fritz" sicherheitshalber in der Kajüte blieb (wo wir dann übernachteten) kletterte ich auf die Kaimauer und eroberte mit den Augen auf Landgang vorerst ein kleines Stück der Dünenlandschaft unter dem Himmel der wunderschönen Insel Wangerooge.

Die Schönheit der Insel beeindruckte mich so sehr, dass ich beschloss, bald auf dem Landweg und per Überfahrt nach Wangerooge zurückzukehren. Was dann auch mehrmals gelang (1997 und 1998, 2005 und 2006). Inseln wie Wangerooge, ebenso wie Helgoland (1978), haben eine Bedeutung für meine Geschichte (worauf ich vielleicht einmal später eingehe). Erlebnis Naturbusen, quasi vom "Jadebusen" an der Nordsee (ich war noch oft in Wilhelmshaven) zum "Hexenbusen" in den Alpen (die Rotofentürme im Lattengebirge bilden die markante Silhouette einer liegenden Frau), den ich heute täglich vor Augen habe, wenn ich aus der Tiefgarage oder aus dem Haus in Freilassing komme und in Richtung Süden zu den Alpengebirgsmassiven blicke. Darüber auch am Schluss etwas.

Schüler und Bücherwurm

Im Mai 1961 bezieht die Familie Wrobel, die Eltern mit inzwischen drei Söhnen, eine größere, helle, freundliche West-Berliner Wohnung, dritter und letzter Stock, in der Kreuznacher Straße 70, Ecke Südwestkorso, die uns zugewiesenen worden war. Ein neuer Lebensmittelpunkt, der uns zufrieden machte und uns erwartungsvoll in die Zukunft blicken ließ! (Mein Vater war viele Jahre später, nach dem Tod meiner Mutter, ein zufriedener Mieter einer anderen schönen Wohnung – in der in Deutschland einzigartigen Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße! Er verstarb in Berlin 2014 im Alter von 91 Jahren.)

Die recht dunkle Hinterhofwohnung in der Joachim-Friedrich-Straße am Kurfürstendamm ist nun Vergangenheit. Nur ein späterer Reim in Form eines Kindergedichts betitelt "Im Keller" (wir wohnten im zweiten Stock) erinnert mich noch daran.*

*Im Keller
(Berlin-Wilmersdorf, September 1969)

Der Morgen war endlich wieder da
Und die Sonne schien hell.

Ich lief hinunter die Treppen schnell,
Dort, wo die Kohle war.

Oh weh, hier war es dunkel und schwarz.
Da durchfuhr mich der Schreck:
Hier versteckt sich die Nacht – da hab' ich
Schnell die Tür zugemacht.

Am Abend ist die Nacht dann schließlich
Doch wieder gekommen –
Hat bestimmt die Tür aufbekommen!

Wir wohnten also in der Kreuznacher Straße 70 im letzten Stock, mit einem fantastischen Blick auf den Breitenbachplatz (U-Bahnhof) und am Himmel auf die ankommenden Flugzeuge in Richtung Flughafen Tempelhof. (Heute höre ich über mir einige der Flugzeuge beim Anflug auf den Airport Salzburg, aber Fluggeräusche machen mir wie damals nichts aus. Es ist ein schwarze Ruß, der sich bei geöffneten Fenstern in der Wohnung niederlässt und mich stört, der Feinstaub stammt allerdings wohl auch vom Straßenverkehr.)

Den Breitenbachplatz zieren große schlanke Pappeln, gut anzuschauen, die sich im Wind neigen. Eines Tages verschwanden einige der schönen Bäume. Daran erinnert später ein anderes Gedicht oder Reim.*

* DER PLATZ
(Berlin 33, den 17. Februar 1970)


DA IST EIN SCHÖNER PLATZ IN BERLIN.
– ER IST SEHR STOLZ.


DENN AUF IHM STEHEN WUNDERSCHÖNE PAPPELN,
UND IN DER MITTE LIEGT EIN GRÜNER RASEN,
DER IM SOMMER BLÜHT.
WENN VIELE LEUTE KOMMEN UND IHN BEWUNDERN,
DANN STRAHLT ER UND FÜHLT SICH GANZ GEHOBEN.

ABER DIE GROSSEN PAPPELN MACHEN SICH WIRKLICH
GUT AUF DEM RUNDEN PLATZ.
– ER IST SEHR EINGEBILDET.


WENN ES HOCH OBEN IN DEN KRONEN RAUSCHT, DANN
BLEIBEN DIE LEUTE STEHEN.
DIE PARKBÄNKE SIND IMMER GUT BESETZT, DOCH
WENN KINDER AUF DEM GEPFLEGTEN RASEN GEHEN,
DAS SIEHT ER GARNICHT GERN.

DAS MUSS MAN ANERKENNEN,
ER IST ERHABEN ÜBER ALLEN PLÄTZEN DER UMGEBUNG.
– JA, DIE SCHÖNEN PAPPELN.


WEISST DU, DASS SIE GESTERN VERMESSEN KAMEN?

DIE AUTOBAHN SOLL ÜBER DEN PLATZ.
– UND DER PLATZ?

ER WAR SEHR STOLZ.
VIELE LEUTE KAMEN
UND DIE PAPPELN WAREN HOCH UND MAJESTÄTISCH.


Auf meiner Seite "Poesie & Literarisches" habe ich dazu einmal folgendes notiert:
"Der Blick aus unserem Kinderzimmer in Berlin-Wilmersdorf ging hinaus auf den Breitenbachplatz (Foto), damals mit prächtigen Pappeln umsäumt – bis sie für die Stadtautobahn geopfert wurden. Das empfand ich als Verlust, wobei mir die Vergänglichkeit alles Seins (auch des Gewohnten) bewusst wurde, und was mir etwas vor Augen führte: Die Notwendigkeit von Bescheidenheit (was bedeutet, sich seiner Grenzen bewusst zu sein) und Demut (ohne Stolz, Sanftmut, sich Herabbeugen [d.h. bei Menschen das Niedriggesinntsein; vgl. die Demut Gottes laut Psalm 18,35, der sich gewissermaßen zu Menschen herabneigt], was eine Stärke ist). Mir kam außerdem eine bekannte Pop-Melodie in den Sinn, die ich aus dem Radio kannte: "Mein Freund der Baum | Ist tot | Er fiel im frühen Morgenrot" (1968, YouTube) von Alexandra. Noch ein anderer ihrer Verse begleitet mich: "Illusionen blüh'n im Sommerwind, treiben Blüten, die so schön, doch so vergänglich sind" (Quelle). Die Schlagersängerin selbst kam tragischerweise bei einem Autounfall einige Monate zuvor, im Juli 1969, ums Leben. (Sie ist unter ihrem Künstlernamen auf dem Westfriedhof in München begraben). Damals war für mich der Tod noch kein Thema, das mich berührte, sondern eher der Verlust durch Weggang oder Abschied."

Besuch der Grundschule am Rüdesheimer Platz in Berlin, eine Schule zum Wohlfühlen in Pavillonbauweise für die Klassenräume, gleich daneben ein Sportplatz mit Turnhalle, etwas besonderes in der Stadt. Und ich habe Klassenkameraden, aus denen später "was geworden" ist – Beamte, Ärzte, Künstlerinnen ... (ob sie auch glücklich geworden sind, weiß ich nicht).

Fortsetzung folgt ...




Soweit ein sehr kurzer Auszug des Dokuments (ohne Fotos und durchgängige Verlinkungen). Das Originaldokument ist offline und noch in der Überarbeitung.




☞ Rückblicke, Teil II (Zeitgeschichte oder Ein Idealist beobachtet die Welt)

☞ Inhaltsverzeichnis, Teil I und II


Stephan Wrobel  😎
(Johannes Stephan Wrobel)

Stephan "Castellio" Wrobel

Freilassing/Salzburg - Berchtesgadener Land (BGL) seit 2011,
journalistisches Texten, Augenblicks­fotografie – Foto "Augen-Blicke" von "Stephan Castellio", Google Local Guide.


West-Berlin; Wiesbaden & Selters/Taunus (1972–2008),
researcher & writer since 1979, PR & historical publications 1996–2008 (heute im Ruhestand ;-)
jwhistory research & studies, 1996–2008, and present, is a private non-profit initiative
by Johannes Stephan Wrobel (jswrobel, jw).