Das Originaldokument ist offline in Überarbeitung.
Hier ein vorläufiger, unverbindlicher Auszug vorab (noch ohne Fotos und durchgängige Verlinkungen).




www.jswrobel.de

Mein autobiografisches Nachschlagewerk
gegen das (mein) Vergessen


Rückblicke, Teil I (bis 1996) –
Jugend oder Wie man Idealist wird


2015/2016 | 17.08.2020 | laufende Version 2021, Stand 16.09. (refresh ).

1953 – 1959

Einleitung
Zerbrochene Heimat ohne Erinnerungen
Erste Heimat

1959 – 1963

Einleitung
Der kleine Mann und das Meer
Schüler und Bücherwurm
Unter Künstlern
Mission Impossible – Projekt "Lila Winkel"
Wie ich Bibel-Forschender werde
''Ich bin ein Berliner!"

1964 – 1967

Einleitung
Drei Länder, vier Gastfamilien – meine Sommereltern in Schweden, Österreich und Spanien

1968 – 1969

Einleitung
Sehnsucht und Geheimnis

1970 – 1972

Einleitung
Kein alltägliches Lebensentwurf eines "Idealisten"
Farben-Baer und Psychologie
Lebenszäsur
Reisefieber

1972 – 1977

Einleitung
"Bethel"-Mitarbeiter
Wissensdurst und Reiselust
… und was man(n) sonst noch hat

1977 – 1978

Einleitung
Schreibtischarbeiten

1979 – 1983

Einleitung
In der Redaktionsabteilung
Ein Bücherwurm lernt Schreiben
Ich 'beobachte die Welt'
Spannende Recherchen und Interviews

1984

Einleitung
Ein "Paradies"
Gute Erinnerungen
Exkurs: Sie traf Albert Einstein (Interview)

1985 – 1989

Einleitung
Lebensberichte als Schlüsselerlebnis
Quellen als Kulturerbe
Zeitgeschichte im Fokus

1989 – 1994

Einleitung
Unter Beobachtung
Ein Standardwerk und viele Privatforscher

1995

Einleitung
Eine Filmdokumentation nimmt Gestalt an

1996

Einleitung
Die Videodoku und die Öffentlichkeit
Die Welturaufführung, eine "Weltpremiere"
Wie geht es weiter?

1997 – 2007

Einleitung
Massenhaft "Standhaft"-Events
Veranstaltungen im Ausland
Wachsende Aufmerksamkeit
Bleibendes Gedenken
Weitere Höhepunkte

2008

Einleitung
Der Widerstand nimmt zu
Eine zweite Lebenszäsur

2009 – 2018

Einleitung
Neuer Lebensabschnitt
Unter Schwaben und Bayern
Nürnberger Erdapfel und "unser" Papst
Noch immer "Berliner!"



VORWORT | PREFACE – Teil I


Auf die Lebensabschnitte in West-Berlin (1960 – 1972) Wiesbaden (1972 – 1984) und Selters/Taunus mit einem Zwischenaufenthalt in Brooklyn, New York (1985 – 2008) blicke ich mit etwas "Stolz" zurück und gehe darauf in zwei autobiografischen Rückblicken ein – hier Teil I, der die Jugendzeit und damit die Beweggründe für eine Lebenszäsur (1970) und den Beginn eines altruistischen Lebensweges (1972 bis 2008) als "Idealist" beschreibt.

Meine Motivation für diese autobiografischen RÜCKBLiCKE ist vielschichtig. Worauf ich noch eingehe. Ebenso intensiver auf die zeithistorische Fachthematik, um die es mir beim Verfassen ursprünglich hauptsächlich ging und für die ich dann mit Teil II, verpackt in Lebensrückblicken, ein eigenes Dokument schuf. Wobei die Verlinkungen zu meinen Manuskripten und Texten helfen sollen, sich dem zeitgeschichtlichen Nischenthema zu nähern und Forschenden die Materialsuche zu erleichtern. Externe Links (☞ Wikipedia) sollten ursprünglich in beiden autobiografischen Teilen bei Bedarf ebenfalls zum Nachschlagen und persönlichem Informieren dienen.

Wie 'das Verständnis der eigenen Geschichte zur Identitätsbildung jeder Nation beiträgt' (☞ Deutscher Bundestag, 2008), so bilden Menschen Identität durch ihre eigene Lebensgeschichte. Und wenn sie darüber reden oder schreiben können, dann tragen sie zum eigenen und zum Verständnis anderer bei – warum bin ich eigentlich so wie ich heute als Persönlichkeit erscheine? ☺

Die Autobiografie dient mir selbst zum Nachschlagen von Daten und Ereignissen – ich bin scheinbar mit keinem guten spontanen Datengedächtnis gesegnet worden (was dem Erfinder des Internets als Motivation für seine Erfindung nachgesagt wird – schneller Nachschlagen, und meine Arbeitsweise als wahrscheinlich hochsensibler Mensch war seit jeher, nicht Antworten zu WISSEN, sondern zu FINDEN). Ähnlich ergeht es mir mit meiner Fotokünstlerseite als "Stephan Castellio" auf Facebook – so finde ich dort meine jahrelang geknipsten Fotos "Augen-Blicke" mit zeitnahen Beschreibungen relativ schnell wieder, wenn ich sie brauche. ("Es wird Zeit, eine Auswahl der Bilder online zugänglich zu machen", so schrieb ich hier 2016 – inzwischen längst als eigene ☞ Webseite realisiert!)

Also dann, auf geht's, wennst magst ...
(Richtig ausdrücken konnte ich mich schon immer schriftlich besser als mündlich, verbale Vermittlung blieb manchmal Stückwerk. Doch "was man schreibt, das bleibt ...")



RÜCKBLiCKE, 1953 – 1959

Die Berge und das Meer ziehen mich an. Vor allem war ich schon immer mit Flüssen und Gewässern verbunden (affin), also mit dem Element Wasser. Und mag gern an Stränden, Ufern, Waldbächen und in Häfen schlendern. Oder auf Kanälen gondeln mit dem Wasserbus (Vaparetto) in Venedig. Oder über ein Meer. Und sei es heute das Bayerische Meer, der Chiemsee. Meeresrauschen – 👍 gefällt mir. (Ebenso wie die Laute und Farben des Waldes.)

Kein Wunder, denn frühe Babyfotos zeigen mich im Kinderwagen am Wasser – am Hafenkai eines Flusses. (Heute fahre ich meinen Wagen selbst, einen Fiat. 😎 )

Mein Geburthaus liegt in der Nähe eines kleinen Binnenhafens in Oppeln (Opole) an der Oder in ☞ Oberschlesien (seit 1945 Polen) bei Breslau (Wrocław).* Wir sind eine deutsche Familie, was uns einige Jahre später gleich nach der Umsiedlung von Schlesien in der neuen Heimat West-Berlin vom Senat beurkundet werden wird (klare Ansage über unsere Volkszugehörigkeit).

* Gemeint ist der Hafenkai von Sakrau ☞ (Zakrzów), ein Ortsteil von ☞ Opole, wo mein Geburtshaus steht, ein von meinen Eltern selbst erbautes Häuschen mit Hühnerstall, Garten und kleinen Obstbäumen. ☞ Google Maps zeigt hier die geografische Lage des Hauses. (Bei Interesse, klick mich! Manches habe ich mir hier zum schnellen Nachschlagen eingerichtet, falls ich Lust auf Online-Schnuppern und Surfen verspüre 😏  ... "Was man schreibt, das bleibt!")

Geboren im Dezember 1953, dank meiner Eltern. Und dabei mit den biblischen Vornamen "Johannes" (Johann) und "Stephan" versehen, also mit zwei Vornamen, und beide sind in Gebrauch, auch beim Publizieren. "Stephan Wrobel" vor allem seit der Lebenszäsur Ende 2008, "Johannes Wrobel" davor, worauf ich noch eingehe. Nicht wundern, wenn ich das mit den beiden Vornamen gleich am Anfang erwähne – das hat seinen Grund und ist etwas kompliziert. Wen es interessiert, hier eine Anmerkung dazu.*

* Der Namenstag meines Vornamens ☞ "Johannes" (poln. "Jan") ist gemäß dem katholischen Kalender am 27. Dezember, der meines Vornamens "Stephan" (poln. "Stefan") am 26. Dezember. Meine Eltern planten für mich beide Vornamen aus dem katholischen Namenskalender in deutscher Sprache ein, ungeachtet ob ich am 26. Dezember (Stephan) oder am 27. Dezember (Johannes) das Licht der Welt erblicken würde – der zeitliche Unterschied war ja nur eine Frage von Stunden. Die deutsche Schreibweise meiner Vornamen, wie von den Eltern gewünscht, ließen die Polen beim Ausstellen der Geburtsurkunde in Oppeln (Opole) nicht zu. Erst nach der Umsiedlung der Familie nach Deutschland wurden die Papiere von Anfang an auf die deutsche Schreibweise meiner beiden Vornamen ausgestellt, zunächst mit der Übersetzung "Johann", was später vom Amt auf "Johannes" geändert wurde. Als "Johann Wrobel" fühlte ich mich schon als Kind nicht unbedingt wohl, und die Eltern riefen mich zuerst "Hans", auch "Hansel", was sogar in mein erstes Schulzeugnis Einzug hielt, was ich aber überhaupt nicht mochte.

So kam es, daß ich mich als Schüler unter Freunden "Johnny" nannte, was mir gefiel und auch gut von meinem Umfeld angenommen wurde, auch von den Eltern, und sogar noch viele Jahre nachwirkte, so dass ich für einige der "Johnny Wrobel" blieb, nicht nur für Klassenkameraden. Die Schreibweise meines mit der Zeit eingebürgerten Namens "Johannes Stephan Wrobel" (statt Johann Stephan) beurkundete das Ordnungsamt Wiesbaden am 29. April 1983. Mit den Vornamen "Johannes" und "Stephan" fühle ich mich ganz wohl. Seit November 2018 kann man in Deutschland laut Personenstandsgesetz die Reihenfolge der Vornamen amtlich ändern lassen, wenn man mehrere davon hat und zum Beispiel den Zweitnamen als Rufnamen verwendet, worauf ich bislang verzichtet habe.

Ich habe schon Menschen getroffen, bei denen ebenfalls zwei Vornamen in Gebrauch sind, wie bei mir. Und dieser Tage (2021) sah ich in einer TV-Nachtshow ein Interview mit der bekannten Schauspielerin Uschi Glas, die von Geburt an "Helga Uschi Glas" heißt und erzählte, wie ihre Mutter eines Tages über ihre Tochter sagte: "Das ist keine Helga, das ist eine Uschi!". Von da an wurde der Vorname "Uschi" benutzt. So geht das ...

Zerbrochene Heimat ohne Erinnerungen

Keine Erinnerungen mehr an meine Lebenszeit in Oberschlesien, an die "zerbrochene Heimat", die ich nie richtig kennengelernt hatte. Verschüttet. Meine Bilder im Kopf an den Ort hängen heute an Fotos, Erzählungen der Eltern und an zwei Besuchen in Oppeln Jahre später, der letzte auf dem Rückweg von Auschwitz.*

* Meine Erinnerungen an Oppeln beruhen hauptsächlich auf einem Besuch dort im Oktober 1963 zusammen mit den Eltern bei der Urgroßmutter (die "Oma", wie die Urgoßmutter in der Familie genannt wurde – sie hatte meine Muter in Schlesien in meinem Geburtshäuschen großgezogen, während ihre eigentliche Mutter, unsere "Omi", wie sie in der Familie genannt wurde, damals in Großberlin in einem vornehmen Haushalt arbeitete und lebte).

Mein zweiter und letzter Besuch in Opole war 40 Jahre später, und er schließt sich 2004 nach einem Referat zu einer Ausstellungseröffnung im ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager und heutigem staatlichen Museum und der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau an. Auf dem Rückweg mit dem Pkw mit einem Bekannten dann eine Stippvisite in Opole. Gleich am Ortseingang kaufte ich einen Stadtplan, um mich zurechtzufinden.

Ich besuchte ein Archiv in der Stadt, und anschließend suchte und fand ich mein Geburtshaus in unserer Straße in Zakrzów!

Meine Großtante "Ditha" (Traudel) aus Oppeln (geb. 2.08.1932), auf die ich auch unten eingehe, erzählte mir vor einigen Jahren eine unglaubliche Geschichten über mich – über meine frühkindliche Anhänglichkeit zu ihr als junge Frau. Wir wohnten damals in derselben Straße (Prudnicka) in Oppeln-Zakrzów. Ihre Eltern hatten eine Bieberzucht, ihr Bruder Günther war Boxer; über ihren Vater, meinen Onkel Richard, weiß ich nicht viel, ihre Mutter, unsere "Tante Lucie", war eine resolute Frau, doch uns Kindern gegenüber (meinem Bruder und mir) warmherzig und großzügig, wir mochten sie ebenfalls sehr, eigentlich alle Glieder dieser Familie. Heute telefonieren meine Großtante und ich ab und zu miteinander, was mich freut; und sie erzählt immer wieder gern von meiner damaligen großen Anhänglichkeit:

Wie ich jeden Tag auf sie vor ihrem Haus Prudnicka 20 in Sakrau (Zakrzów) gewartet hatte bis ich sie schließlich aus der Arbeit kommen sah. Oder auch schon morgens früh nach dem Aufstehen auf sie wartete, schon angezogen von der Mutter, um sofort zu ihr unter einem dummen Vorwand gelaufen kam ("Die geben mir nicht zu essen!"). Um mit ihr zu frühstücken, und dann ein kleines Stück Weges gemeinsam mit ihr zur Arbeit zu gehen. Also als Bub unzertrennlich von ihr schien – ich habe leider überhaupt keine Erinnerungen daran ... schade. Vielleicht ein Schlüsselerlebnis? Ich weiß es nicht.

Menschen suchen, solange sie leben. Andere suchen nicht, sie finden. Erst kürzlich entdeckte ich diesen Text des deutschen Schriftstellers Wilhelm Raabe (1831–1910):

"Vorgestern stand ich auf einem Berg – einer kahlen, nur mit kurzem Gras und vereinzeltem Gestrüpp bewachsenen Höhe, erhaben über allen Wipfeln und Gipfeln bis in die blaueste Ferne. Ich stand und blickte hinab auf das nahe Grün und das ferne Blau und achtete auf das Aufblitzen der Gewässer in der Ebene, die südwärts hinter dem Gebirge sich dehnt. Da stand plötzlich ein alter grauer Mann, der seine Holzaxt auf der Schulter trug, neben mir und redete mich so unversehens an und grüßte mich, daß ich ordentlich erschrak. Er kam mir aber grade recht, um mir die Gegend zu deuten. Manche Berggipfel und Höhenzüge, manche Kirchtürme nannte er mir mit Namen, und endlich sagte er: "Ja, Herr, ist das nicht so schön, daß man seine Braut daraus holen möchte?"

Ich blickte den Alten, betroffen über das sinnige Wort, an. Er wußte gewiß selbst nicht, wie recht er das Gefühl getroffen hatte, welches an einer solchen Stelle die Menschenbrust bewegen kann. Eine schöne, gute Braut ist wohl das höchste Glück, welches einem Menschen auf Erden zuteil werden mag, und nun stehst du, und ein Erdenwinkel liegt vor deinen Augen hingebreitet in wonniger Schönheit, in Duft und Glanz, süß und milde; – und du bist einsam und allein, und ein unbekanntes Glück, das du ahnst, wohnt drunten im Tal. –

Man möchte seine Braut daraus holen!"

("Eine Brautschau." Wilhelm Raabe: Nach dem großen Kriege. Eine Geschichte in zwölf Briefen (17. Aug. – 27. Dez. 1860), I, 3; 385 f.)

Die Ferne bringt Ahnen, Sehnsucht – Geheimnisse, Mysterien, auch mir. Die Ferne reizt zu Fernweh nach fremden Ländern und Orten, wie die Distanz zu Träumen über das "fremde" andere Geschlecht – die dann an der Realität und Nähe zerschellen können, wie ich unten bemerke. "Heirate auf jeden Fall!", soll der griechische Philosoph Sokrates (469 – 399 v. Chr.) gesagt haben. "Wenn du eine gute Frau bekommst, wirst du glücklich. Wenn du eine schlechte Frau bekommst, wirst du Philosoph." (Das Zitat habe ich bislang nicht überprüft.)

Der Mensch sucht Nähe, solange er lebt, möchte teilen, was ihn bewegt, auch ich. Jeder Mensch darf – ja muss – für sich ein eigenes, freies Leben finden, auch ich. Was werde ich suchen, was finden? Life is beautiful, und Freiheit ist bunt.

Erste, neue Heimat

Als deutsche ☞ Aussiedler reiste die Familie Wrobel, meine Eltern, mein älterer Bruder (geb. 24.08.1950) und ich, per Eisenbahn von Oppeln (Opole) nach Westdeutschland. Und dort mit der Zeit über die Aussiedlerheime ☞ Friedland und Uelzen (November 1958) sowie über Kirchzarten und St. Blasien (Krankenhausaufenthalte meines Vaters, siehe unten) schließlich nach Berlin, wo Verwandte im Ostteil (kommunistisch), andere im Westteil (demokratisch) der geteilten Stadt lebten.*

* Mein autobiografischer Bericht geht in der Regel nicht näher auf Angehörige ein, was ich zu respektieren bitte.

In ☞ Ost-Berlin (DDR), hinter dem Eisernen Vorhang, wohnte meine "Omi", Großmutter Magdalena mütterlicherseits. In ☞ West-Berlin lebten meine Tante Lucie und mein Onkel Richard und ihre Tochter Ehrentraud (Traudel), das war meine geliebte Großtante "Ditha" (Editha), worüber ich oben berichte, und die alle schon vor uns nach Deutschland umgesiedelt waren. Die Familie hatte angeboten, uns vorerst bei sich in ihrer ziemlich großen Etagenwohnung im Kronprinzendamm im freien Westteil der geteilten Stadt aufzunehmen. Das war im obersten Stockwerk eines ehrwürdigen altberliner Gebäudes von 1894, Kronprinzendamm, Hausnummer 1. Ein Teil des vier Etagen großen Gebäudes ist seit 1984 das Hotel "Kronprinz", der Rest mit dem großen Treppenhaus sind noch immer Wohnungen; das Haus selbst ist ein Berliner Kulturdenkmal geworden.

Es war schon Nacht als wir am 19. Juni 1959 im Haus Kronprinzendamm 1 eintrafen. Und wir werden nach einer stürmischen Begrüßung bei "Tante Ditha" einquartiert, im größten Zimmer mit Balkon der Etagenwohnung (die noch ein stilles älteres Ehepaar im hinteren Bereich bewohnte). Vom Balkon aus konnte man rechts die nahe beleuchtete S-Bahnbrücke Halensee und links in der Ferne den Berliner Funkturm erkennen, worauf ich schon gespannt war!

Gleich nach der Ankunft am nächsten Morgen konnte ich es kaum erwarten, und laufe erwartungsvoll die vier Etagen über das große runde Treppenhaus die vielen Stufen hinunter vor die Tür auf den Kronprinzendamm, und dann zum nahen ☞ Kurfürstendamm, um dort von der ☞ S-Bahn-Brücke Halensee aus den Berliner Funkturm besser sehen und bestaunen zu können – frei, voller Zukunftserwartung. Vielleicht eine vorweg genommene Neugier, Sehnsucht nach Weite, Ferne, Reiseabenteuern und Entdeckungen? Ein kleiner schüchterner Bub "beobachtet die Welt" auf der Halenseebrücke mit schönster Aussicht nach Norden und Süden. Und mit diesen Bildern im Kinderkopf haben eigentlich schon immer meine bewussten Lebenserinnerungen begonnen – nicht mit Oppeln in Oberschlesien oder in Aussiedlerheimen in Westdeutschland, sondern im grandiosen Berlin!

Das freie West-Berlin, die damalige ☞ Zweimillionenstadt unter dem regierenden Bürgermeister ☞ Willy Brandt (☞ 1957–1966), wird mir, dem Heimatlosen, zur ersten wirklichen Heimat(stadt). Und als West-Berliner wohne ich jetzt sogar an zwei Flüssen, zwischen ☞ Havel und ☞ Spree!


RÜCKBLiCKE, 1959 – 1963

Wir blieben vier Monate im Kronprinzendamm 1 bei Tante und Onkel bis wir endlich eine eigene Wohnung gefunden und bezogen hatten.

Das war eine Zweizimmerwohnung in einem Hinterhaus in der ☞ Joachim-Friedrich-Staße 26 in ☞ Charlottenburg, quasi um die Ecke vom ☞ Kurfürstendamm, der West-Berliner Flanier- und Ausgehmeile ☞ (City West) und schon damals eine Haupteinkaufsstraße. Später zogen wir in die Kreuznacher Straße (☞Wilmersdorf) am Breitenbachplatz, Ecke Südwestkorso, unten mehr darüber, meine eigentliche Wohngegend in West-Berlin.

Der kleine Mann und das Meer

Rund sieben Monate lebe ich zwischenzeitlich ohne Eltern zur Erholung auf der Nordseeinsel Föhr in einem Kinderkurheim am Südstrand der Stadt Wyk (Hinfahrt am 12. Mai – Rückfahrt am 14. Dezember 1960).*

* Ursprünglich waren es "ausgebombte" unterernährte Kinder aus Großfamilien, die ab 1947 mit extra bereitgestellten Bussen, zum Beispiel als "Kindertransport Evangelisches Hilfswerk", zur Erholung ins damalige "Marienhof Kinderkurheim" gebracht wurden.

Meine Eltern sind derweil in West-Berlin, die Mutter hochschwanger, Vater damals mehr in Krankenhäusern als zu Hause aufgrund einer Kriegsverwundung noch als Wehrmachtssoldat im Zweiten Weltkrieg, ein "Lungensteckschuss", wie er sagte, der Splitter einer "russischen" Granate, der ständiges Fieber bei ihm verursachte – ein Krieg trifft immer Menschen. (Ich selbst bin anerkannter Kriegsdienstverweigerer.) Seine Kriegsverletzung war übrigens unter anderem der Grund für unsere Übersiedelung nach Deutschland gewesen. Vater wollte sich den Granatsplitter auf jeden Fall in Deutschland und nicht in Polen durch eine OP entfernen lassen. (So kam es auch, daß er auf unserem Reiseweg in Westdeutschland mehrere Zwischenaufenthalte in Kliniken hatte, zum Beispiel in St. Blasien im Schwarzwald, während wir, der Rest der Familie, im Lager Friedland warteten.)

Nach der Geburt des zweiten Bruders am 29. Mai bittet meine zarte Mutter das Amt in West-Berlin, ich glaube mehrmals, um Verlängerung meines Erholungsaufenthaltes auf Föhr, um sich besser meinem älteren Bruder und vor allem der Säuglingspflege widmen zu können. Also blieb ich länger als erwartet auf der nordfriesischen Insel Föhr und das so lange allein, musste ohne meine Familie auskommen.

Das Kinderkurheim Marienhof in Wyk auf Föhr ist ein großes Haus direkt am Nordseestrand mit Blick auf das "große" Meer (Wattennmeer) und den "unendlichen" Himmel (über Schleswig-Holstein) – ich kann durch die Fenster in der Ferne die Schiffe sehen, die regelmäßig vorbeifahren. Heimweh und Fernweh vermischen sich bald in meiner Wahrnehmung. Alle Kinder essen gemeinsam in einem Speisesaal, nächtigen in Schlafsälen, werden beschäftigt und unternehmen ausgedehnte Inselspaziergänge mit Begleitung. Natürlich verbringen wir Kinder bei schönem Wetter viel Zeit vor der Tür, am Sandstrand mit Schaufel und Eimer, das sanfte Rauschen der Meereswellen im Ohr. Daher wohl noch heute mein Hang zum Meer und zur Farbe Blau. (Auch wenn das Meer dort nicht immer blau, sondern oft grau ist, was vom Wetter abhängt.)

Übrigens, es gibt eine Farbe, die mich damals weit mehr als Blau faszinierte. Und das war leuchtendes Gelb – für mich die Farbe der Sonne, Gelb als Farbe des Strandes und eines Lieblingsbuntstiftes, den ich als Kind und Erstkläßler besaß! Das freundlich helle Löwenzahngelb und die Farbe der Zitronenfalter empfinde ich als wunderschön! (Vielleicht war ich später deswegen so gern im freien Schweden, weil die Landesfarben Blau und Gelb sind?* Und heute spielen Zitronen in meinem Leben eine gewisse Rolle als Vitaminspender ... lach.) ☺

* Erst dieser Tage stellte ich fest, daß die ☞ Wappenfarben meiner Geburtsstadt Oppeln in Oberschlesien Gold (das wie Gelb wirkt) und Blau sind, ebenso wie die Farben von ☞ Oberschlesien!

Gelb und Blau machen mich bis heute fröhlich, gehören zur (angestrebten) Leichtigkeit des Seins.

(Doch da waren noch die Farben des Grauens, des Hungers, Durstes und Frierens, der brutalen Schläge und des Mordens, erschossen von der SS wegen einer Nichtigkeit, erschlagen, zertreten, erhängt, vergast, verhungert, die Farben des Todes, die Menschen vor allem in deutschen Konzentrationslagern und Vernichtungslagern, aber auch in Zuchthäusern, Gefängnissen, Kinderheimen und Kliniken während der Diktatur bis zuletzt sahen, weil sie ihren religiösen Überzeugungen treu blieben, mit denen ich sehr viel später als Geschichtsforschender intensiv zu tun haben sollte, die aber das Blau und das Gelb, die Liebe, die Hoffnung und die Sehnsucht, nicht auslöschen dürfen, solange wir am Leben sind!)

Jedenfalls liebe ich bis heute das Meer – die Nordsee und die friesischen Inseln, mag das wärmere Mittelmeer und seine Gestaden und Strände, die ich damals bald kennenlernen sollte: Als Teenager in Spanien (Barcelona), als junger Mann in Italien (Venedig), als Erwachsener in Griechenland (Samos), Italien (Laigueglia) und Israel (Tel Aviv). Und als alter Mann in ... (Moment, noch ist es nicht ganz soweit.)

Richtig, hinzu kommen ja noch die Reisen, die mich an die Ostsee (Rügen, Bad Doberan, Danzig, St. Petersburg), den Kattegat (Hälsingborg / Hälsingör) oder zu den großen Ozeanen brachten – dem Pazifischen Ozean (San Franzisko) und Atlantischen Ozean bei Florida (Fort Lauderdale) und New York, an der Nordwestküste Afrikas bei Agadir (Marokko) oder an der Westküste Irlands und Südküste Englands, oder in die glitzernde Karibik (Puerto Rico und Virgin Islands, USA) und an ein Nebenmeer des Indischen Ozeans – das Rote Meer (Elath). (Heute reise ich nicht mehr so weit. In den letzten Jahren kamen nur noch Kurztrips mit faszinierenden Meerblicken dazu, in Cala Ratjada/Mallorca, Bibione/Italien und Rovinj/Kroatien.)

Soweit so gut das Meer, das heißt ein weiterer MeerBLiCK soll noch erwähnt werden, bevor die Zeitreise wieder zurück an den Anfang geht, wo alles begann:

Vor allem begeisterte mich die ostfriesische Insel Wangerooge, die ich 1997 fast wie Christoph Columbus von der Seeseite aus (für mich) "entdecke". Und das kam so: Zusammen mit Onkel Fritz und seinem Kahn schipperte ich auf einer abenteuerlichen privaten Bootsfahrt von Hooksiel (bei Wilhelmshaven) entlang der Küste des Jadebusens in Richtung offenes Meer. Bei Ebbe fischten wir Granat, kochten und verputzen die Krabben gleich an Bord. Gegen Abend legten wir mit dem Boot an einer Kaimauer von Wangerooge (unerlaubterweise) an. Während "Kapitän Fritz" sicherheitshalber in der Kajüte blieb (wo wir dann übernachteten) kletterte ich auf die Kaimauer und eroberte mit den Augen auf Landgang vorerst ein kleines Stück der Dünenlandschaft unter dem Himmel der wunderschönen Insel Wangerooge.

Die Schönheit der Nordseeinsel beeindruckte mich so sehr, dass ich beschloss, bald auf dem Landweg und per Überfahrt auf der Fähre nach Wangerooge zurückzukehren. Was dann auch mehrmals gelang (1997 und 1998, 2005 und 2006). Inseln wie Wangerooge, ebenso wie Helgoland (1978), haben eine Bedeutung für meine Geschichte (worauf ich vielleicht einmal später eingehe). Erlebnis Naturbusen, quasi vom "Jadebusen" an der Nordsee (ich war noch oft in Wilhelmshaven) zum "Hexenbusen" in den Alpen (die Rotofentürme im Lattengebirge zwischen Untersberg und Staufen bilden die markante Silhouette einer liegenden, "schlafenden" Frau mit jugendlichem Brüsten), den ich heute täglich vor Augen habe, wenn ich aus der Tiefgarage oder aus dem Haus in Freilassing komme und in Richtung Süden zu den prächtigen Alpengebirgsmassiven blicke. Darüber auch am Schluss etwas.

Schüler und Bücherwurm

Im Mai 1961 bezieht die Familie Wrobel, die Eltern mit inzwischen drei Söhnen, eine größere, helle, freundliche West-Berliner Wohnung, dritter und letzter Stock, in der Kreuznacher Straße 70, Ecke Südwestkorso, die uns zugewiesen worden war.

Die recht dunkle Hinterhofwohnung in der Joachim-Friedrich-Straße am Kurfürstendamm ist nun Vergangenheit. Nur ein späterer Reim in Form eines Kindergedichts betitelt "Im Keller" (wir wohnten im zweiten Stock) erinnert mich heute noch daran:

Im Keller
(Berlin-Wilmersdorf, September 1969)

Der Morgen war endlich wieder da
Und die Sonne schien hell.

Ich lief hinunter die Treppen schnell,
Dort, wo die Kohle war.

Oh weh, hier war es dunkel und schwarz.
Da durchfuhr mich der Schreck:
Hier versteckt sich die Nacht – da hab' ich
Schnell die Tür zugemacht.

Am Abend ist die Nacht dann schließlich
Doch wieder gekommen –
Hat bestimmt die Tür aufbekommen!

Der neue helle Lebensmittelpunkt am ☞ Breitenbachplatz macht uns zufrieden und läßt uns erwartungsvoll in die Zukunft blicken! (Mein Vater war viele Jahre später, nach dem Tod meiner Mutter, ein zufriedener Mieter einer anderen schönen hellen Wohnung in Wilmersdorf – in der in Deutschland einzigartigen ☞ Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße! Er verstarb in Berlin 2013 im Alter von 91 Jahren.)

Wir wohnten also inzwischen in der Kreuznacher Straße 70 im letzten Stock, mit einem fantastischen Blick auf den Breitenbachplatz (U-Bahnhof, (Foto) und am Himmel auf die ankommenden Flugzeuge in Richtung Flughafen Tempelhof. (Heute höre ich über mir einige der Flugzeuge beim Anflug auf den Airport Salzburg, aber Fluggeräusche machen mir wie damals nichts aus. Es ist ein schwarze Ruß, der sich bei geöffneten Fenstern in der Wohnung niederlässt und mich stört, der Feinstaub stammt sicherlich auch vom Straßenverkehr. Während der Corona-Pandemie, als der Airport Salzburg lahmgelegt war, verschwand der schwarze Staub aus der Wohnung.)

Den Breitenbachplatz zieren große schlanke Pappeln, die sich im Wind neigen, gut vom Kinderzimmer aus anzuschauen. Eines Tages verschwanden die schönen Bäume, was mich bewegte, den Prosatext "Der Platz" zu schreiben, und später dazu eine kleine, tiefsinnige Betrachtung über Leben und Tod:

DER PLATZ
(Berlin 33, den 17. Februar 1970)


DA IST EIN SCHÖNER PLATZ IN BERLIN.
– ER IST SEHR STOLZ.


DENN AUF IHM STEHEN WUNDERSCHÖNE PAPPELN,
UND IN DER MITTE LIEGT EIN GRÜNER RASEN,
DER IM SOMMER BLÜHT.
WENN VIELE LEUTE KOMMEN UND IHN BEWUNDERN,
DANN STRAHLT ER UND FÜHLT SICH GANZ GEHOBEN.

ABER DIE GROSSEN PAPPELN MACHEN SICH WIRKLICH
GUT AUF DEM RUNDEN PLATZ.
– ER IST SEHR EINGEBILDET.


WENN ES HOCH OBEN IN DEN KRONEN RAUSCHT, DANN
BLEIBEN DIE LEUTE STEHEN.
DIE PARKBÄNKE SIND IMMER GUT BESETZT, DOCH
WENN KINDER AUF DEM GEPFLEGTEN RASEN GEHEN,
DAS SIEHT ER GARNICHT GERN.

DAS MUSS MAN ANERKENNEN,
ER IST ERHABEN ÜBER ALLEN PLÄTZEN DER UMGEBUNG.
– JA, DIE SCHÖNEN PAPPELN.


WEISST DU, DASS SIE GESTERN VERMESSEN KAMEN?

DIE AUTOBAHN SOLL ÜBER DEN PLATZ.
– UND DER PLATZ?

ER WAR SEHR STOLZ.
VIELE LEUTE KAMEN
UND DIE PAPPELN WAREN HOCH UND MAJESTÄTISCH.


Auf meiner Seite "Poesie & Literarisches" habe ich dazu einmal folgendes notiert:
"Der Blick aus unserem Kinderzimmer in Berlin-Wilmersdorf ging hinaus auf den Breitenbachplatz (Foto), damals mit prächtigen Pappeln umsäumt – bis sie für die Stadtautobahn geopfert wurden [an anderer Stelle des Platzes blieben sie bis heute erhalten]. Das empfand ich als Verlust, wobei mir die Vergänglichkeit alles Seins (auch des Gewohnten) bewusst wurde, und was mir etwas vor Augen führte: Die Notwendigkeit von Bescheidenheit (was bedeutet, sich seiner Grenzen bewusst zu sein) und Demut (ohne Stolz, Sanftmut, sich Herabbeugen [d.h. bei Menschen das Niedriggesinntsein; vgl. die Demut Gottes laut Psalm 18,35, der sich gewissermaßen zu Menschen herabneigt], was eine Stärke ist). Mir kam außerdem eine bekannte Pop-Melodie in den Sinn, die ich aus dem Radio kannte: "Mein Freund der Baum | Ist tot | Er fiel im frühen Morgenrot" (1968, YouTube) von Alexandra. Noch ein anderer ihrer Verse begleitet mich: "Illusionen blüh'n im Sommerwind, treiben Blüten, die so schön, doch so vergänglich sind" (Quelle). Die Schlagersängerin selbst kam tragischerweise bei einem Autounfall einige Monate zuvor, im Juli 1969, ums Leben. (Sie ist unter ihrem Künstlernamen auf dem Westfriedhof in München begraben). Damals war für mich der Tod noch kein Thema, das mich berührte, sondern eher der Verlust durch Weggang oder Abschied."

(Der Bau der ☞ Breitenbachplatzbrücke, dem die Pappeln zum Opfer fielen, ist längst umstritten, und eine Bürgerinitiative setzt sich für die Wiederherstellung des Platzes ein.)

Besuch der Grundschule am Rüdesheimer Platz in West-Berlin, eine Schule zum Wohlfühlen in Pavillonbauweise für die Klassenräume, gleich daneben ein Sportplatz mit Turnhalle, etwas besonderes in der Stadt. Und ich habe Klassenkameraden, aus denen später "was geworden" ist – Beamte, Ärzte, Künstlerinnen ... (ob sie auch glücklich geworden sind, weiß ich nicht).

Neben meiner Grundschule und dem Sportplatz liegt eine öffentliche Jugendbücherei, die zu meinen liebsten Aufenthaltsorten damals als Kind gehörte. (Neben dem Berliner Grunewald – ab ins Grüne mit einem alten Damenfahrrad!) Ob die Bücherei damals schon "Eberhard-Alexander-Burgh-Bibliothek" hieß (benannt nach dem Berliner Jugendbuchautor), entzieht sich meiner Erinnerung.

Meine Mutter (ob mein Vater dabei war, weiß ich nicht mehr) besuchte eine Familie in Friedenau und hatte mich mitgenommen. Jetzt saßen wir um den Küchentisch herum. Alle plauderten. Ich saß stumm daneben, wusste nichts zu sagen, langweilte mich, und da entdeckte ich über mir auf dem Bücherregal ein gebundenes Buch mit dem Titel Durch die Wüste. Griff es mir, begann zu lesen, und ich war für die nächsten Jahre gefesselt – von Karl May. So sehr, dass mir mein Mutter später verbot, diese Bücher weiter aus der Jugendbücherei nach Hause mitzubringen. Über die Faszination an seinen Reisegeschichten im Wilden Westen, in Südamerika oder sonstwo auf der Welt konnte ich alles andere um mich herum vergessen!

Also las ich heimlich Karl May's Werke in der Jugendbücherei. (Natürlich las ich dort nicht nur Karl May, Enid Blyton, Pippi Langstrumpf und manch anderes. Ich stöberte auch in vielen Sachbüchern über das Universum, die Erde, Tiere und Pflanzen, Weltgeschichte und Themen mehr.) Eines Tages musste ich leider enttäuscht feststellen – Karl Mays Reiseabenteuer waren "nur" erfunden, Reiseerzählungen eben. Und dennoch – die Lust an Reiseabenteuern und sein Appell an das Gute und Edle im Menschen selbst unter widrigen Umständen durch seine Romanfiguren wie Kara Ben Nemsi/Old Shatterhand, Winnetou, Old Firehand und Old Surehand sowie andere heldenhafte Begleiter, das hatte mich bereits irgendwie im Herzen positiv geprägt. (Danke, Herr May!)

Auf jeden Fall – Bücher, ihre Inhalte und ihre Herstellung faszinierten mich. (Was mein späteres Leben viele Jahre lang ziemlich entscheidend beeinflussen sollte!)

Mein erstes "Buch" hatte ich viel sehr früher, am 12. Mai 1960, auf der recht langen Busfahrt mit vielen Kindern von West-Berlin nach Schleswig Holstein, das Ziel war Wyk auf der nordfriesischen Insel Föhr, durch eine neben mir sitzende Betreuerin geschenkt erhalten. Vielleicht hatte sie mich gefragt, was ich denn haben möchte, weil mir die Zeit lang wurde, und ich sagte: ein Buch. Sie hatte nur ein kleines, in weißen Kunststoff eingebundenes Büchlein eines Arzneimittelherstellers bei sich (ich glaube, es war von der Firma Bayer, die das Asperin herstellt), das sie mir schenkte, damit ich darin malen konnte, wohl kaum "lesen" (ich war Erstklässler). Außerdem verstand ich fast kein Wort in dem fachmedizinischen Katalog, auch wenn ich mir noch so viel Mühe gab, die fremden Wörter und Namen von Medikamenten und Produkten zu entziffern, ... schade. Das war ziemlich frustrierend. (Naja, später ging's bei den ursprachlichen Wörtern der Bibel, die ich für die Beantwortung von "Leserfragen" und für Artikel anhand altgriechischer und althebräischer Fachwörterbücher untersuchte, zumindest etwas leichter beim Entziffern!)

Als Kind war ich stolz auf eine eigene Büchersammlung, und ich erfasste jedes Buch meiner "Bücherei" mit einem Kinderstempel und schrieb meinem Namen daneben. (Viele Jahre später sollte ich solche Arbeiten etwas professioneller in einer großen Bibliothek verrichten.)

Unter Künstlern

Unser Wohnhaus, Kreuznacher Straße 70, liegt parallel zum Südwestkorso und ist Teil der legendären, zeithistorischen ☞ "Künstlerkolonie Berlin" in Wilmersdorf, die noch eine ganz besondere Rolle für mich spielen sollte. Bei unserem Häuserblock befinden sich Einkaufsgeschäfte; darüber steht: "Läden der Künstler." Viele unserer Nachbarn hatten beruflich etwas mit Kunst, Bühne, Rundfunk, Fernsehen, Film oder Bildung zu tun oder waren inzwischen pensioniert.

Professor Wolfgang Benz von der TU Berlin wohnte nur einige Häuserblocks entfernt im Südwestkorso. Er war dort Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung. Viele Jahre später (1996) warf ich ihm meine Anfrage in den Briefkasten (möglicherweise hatte ich vorher geklingelt, ich weiß es nicht mehr), ob wir in seinem Zentrum die Premiere der "Standhaft"-Videodokumentation durchführen dürften (auf das Video gehe ich ebenfalls unten näher ein) – aber ich möchte jetzt nicht vorgreifen. Noch folgendes: Gleich neben uns, im Nachbarhaus Kreuznacher Straße 68, wohnte Dr. Gabriele Yonan, die sich für religiöse und ethnische Minderheiten engagierte, und die ich damals natürlich noch nicht kannte, aber viele Jahre später sollten wir gemeinsam referieren und publizieren!*

* Frau Dr. Yonan hatte an der FU Berlin über Thomas Mann promoviert, was später unter anderem ein Auslöser für ihr Interesse an der Verfolgungsgeschichte und der Haltung der Zeugen Jehovas oder Bibelforscher unter dem NS-Regime war. Denn es faszinierte sie, was der Nobelpreisträger darüber 1938 bewundernd in einem der Wissenschaft wenig bekannten Statement geschrieben hatte. (Darüber sollte ich Jahre später ebenfalls einen Fachartikel schreiben.) Sie kämpfte damals und sicher heute noch für benachteiligte Gruppen und auch ihre Assyrer. Nachdem ich mich 2008 zurückgezogen hatte, erreichte mich eines Tages ein Anruf von ihr als ich gerade mit dem Radl an der deutsch-österreichischen Grenze an der Saalach unterwegs war (meine Adresse und Telefonnummer standen damals im Telefonbuch), was mich freute; und wir sind auf "facebook" befreundet, aber ich verhalte mich nach 2008 ziemlich passiv im allgemeinen bei Kontakten – sorry, hatte einfach nicht die Zeit oder Ruhe für Kontaktpflege.

Im Nachbarhaus zum Südwestkorso hin (unsere Fenster im Häusereck direkt gegenüber, wir konnten uns zuwinken) wohnte ein süßes kleines Mädchen, meine Klassenkameradin in der Grundschule am Rüdesheimer Platz, Denise Gorzelanny. (Später wurde sie Sängerin, Künstlerin und Synchronsprecherin sowie Schauspielerin wie ihre Mutter Gitta Winter, die 1963 mit Rex Gildo, Heinz Erhardt u.a. Stars Filme drehte, was mir aber damals als Junge nicht bewusst war.) Ich mochte Denise wegen ihrer Heiterkeit (noch heute weiß ich einen Witz mit Klein Fritzchen und Klein Erna, den sie mir kichernd vor dem Haus erzählte). Mein heimlicher Schwarm aber waren Schulmädchen mit dem schönen Vornamen "Christine", der mir besonders gefiel.

Denise, meine Grundschulkameradin aus dem Nachbarhaus, nahm mich einmal zur Teilnahme an einem Fotoshooting in einem Studio in der Schloßstraße (Steglitz) für einen Kindermoden-Katalog mit. Wir posierten als Kindergruppe vor der Kamera (für welches Mode- oder Versandhaus weiß ich nicht mehr). "Entdeckt" wurde ich dabei nicht als Kindermodel, ich hatte auch nicht das Zeug und die Geduld dafür, glaube ich.

Als der Fotograf bei einer Szene plötzlich unentschlossen schien und überlegte, die Kinder anders anzuordnen, machte ich spontan den Vorschlag (obwohl ich sonst eigentlich schüchtern und still war), mich anders hinzustellen, also für einen geänderten Bildaufbau. Das behagte ihm nicht. Das konnte ich an seiner abweisenden Kopfbewegung sehen. Von Denise erfuhr ich, dass er danach gesagt hatte, sie braucht mich nicht mehr mitzubringen. Nein, ich war nicht enttäucht. In mir steckte aber etwas, was ich nicht erklären konnte. Den Eltern erschien mein Mundwerk "vorlaut", anderen erschien ich als "Besserwisser". Und war ich nicht oft ein "Fettnäpfchentreter", wenn ich schon mal den Mund aufmachte? (Sehr viel später sollte ich in Besprechungen, bevor überhaupt ausgeredet war, schon "Lösungen" für ein Problem präsentieren, ohne scheinbar überhaupt nachgedacht zu haben. Meine Gedanken eilten mir stets voraus, oder sprangen wie ein Gummiball, ein blitzschnelles Ahnen von Zusammenhängen, eine Intuition, auch für das Befinden anderer, ohne mir dessen bewusst zu sein oder gar zu wissen, was dahinter steckt. Das sollte ich erst rund 50 Jahre später anfangen zu entdecken – und langsam zu verstehen. Mit dem Thema Sensibilität bzw. Hochsensibilität habe ich vor, mich noch weiter zu beschäftigen.)

In der "Künstlerkolonie", wo wir im südlichen Zipfel in der Kreuznacherstraße Ecke Südwestkorso wohnten, haben also Künstler und andere begabte Menschen gewohnt, deren Namen ich heute dank Wikipedia weiß, wie Ernst Bloch (Philosoph), Franz Cornelsen (Verleger), Lil Dagover (Schauspielerin), Sebastian Haffner (Publizist), Klaus Kinski (Schauspieler), Walter und Willi Kollo (Komponisten), Klaus Schütz (ehem. reg. Bürgermeister von West-Berlin) und viele weitere. Nicht, dass ich wie solche Menschen berühmt werden will (nein, ich wollte damals schon nicht berühmt, sondern glücklich werden). Mir imponierte einfach, und das bis heute, was Herz, Verstand und Begabung von Menschen leisten und zu erreichen vermögen. Eine wundervolle Gesangstimme zum Beispiel – Gänsehautfeeling (bei mir)!

Ich selbst schien als Kind überhaupt keine Begabung oder eine Neigung zu besitzen, sei es handwerklich (wie mein Vater oder Bruder), sei es für Musik (wie etwa meine späteren "Glaubensgenossen" Michael Jackson oder Prince, sonst hätte ich ausgesorgt, andererseits bin ich lieber quicklebendig). Noch für das Schauspiel (wie meine Namensvetterin Katrin Wrobel, bin auch nicht so hübsch wie sie, unsere "Miss Germany 2002"). Oder sei es für sonst etwas. Mir fiel auch nichts passendes zu wünschen ein. Stand quasi mit leeren Händen und meist mit einem leerem Kopf da, wusste mich nicht zu entscheiden, was Beruf oder Ausbildung betraf. Hatte nichts, dem ich mich widmen konnte. Was mich aber auszeichnete – das war perfekte Unentschlossenheit! (Erst viel später entwickelten sich persönliche Neigungen – in ganz andere Richtungen, wie oben beschrieben, also anders als Musik oder Schauspiel.)

Mission Impossible – Projekt "Lila Winkel"

In der West-Berliner ☞ "Künstlerkolonie", wo ich wie oben erwähnt wohnte, wird an einigen Hauswänden mit Gedenktafeln der unter der Hitler-Diktatur politisch verfolgten und ermordeten einstigen Bewohner gedacht. So auch auf dem zentralen Laubenheimer Platz, der noch während meiner Kinderzeit, im für mich bedeutungsvollen Jahr 1963, in "Ludwig-Barnay-Platz" umbenannt wurde. (Ludwig Barnay war deutscher Schauspieler und später auch Theater-Intendant.) Auf dem Platz steht seit 1988 ein Mahnmal für die politisch Verfolgten. (Doch schon vordem, während meiner Zeit in West-Berlin, so meine ich mich zu erinnern, muss es dort bereits einen Hinweis auf politisch Verfolgte unter dem NS-Regime gegeben haben.)

Hier, auf dem Ludwig-Barnay-Platz, fasse ich anlässlich einer meiner späteren Berlinbesuche Mitte der 1980er Jahre einen feierlichen Entschluss. (Das muss meines Erachtens zwischen Ende 1985 und Frühjahr 1986 gewesen sein oder eben etwas später, wenn es dort am 1988 errichteten Mahnmal war.) Ich setze mir zum Ziel, die bis dato allgemein fast unbekannte religiöse Verfolgungsgeschichte und Unbeugsamkeit der Angehörigen der Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen (Ernste Bibelforscher) unter den beiden deutschen Diktaturen nachhaltig und öffentlichkeitswirksam historisch aufzuarbeiten sowie für ihre Bewahrung etwas zu tun. Die Forschungsarbeit sollte zunächst vor allem die NS-Zeit betreffen. Doch viele Zeitzeugen dieser Epoche waren nicht mehr am Leben. Die Zeit drängte, das Thema war allgemein verpönt (daher sollte es vertraulich sein) – was konnte man (ich) da schon ausrichten, dachte ich mir?

Das war damals die Geburtsstunde eines vertraulichen, sehr persönlichen "Lebensprojekts", das noch sehr verschwommen erschien, dem ich für mich den zielgerichteten Namen "Lila Winkel" gab, und später, als das Projekt reale, gigantische Formen annahm und um mich weiter zu motivieren, den Label "jwhistory". Unter "jwhistory" sammelte ich meine zwischenzeitlich zahlreichen veröffentlichten Manuskripte und unveröffentlichten Texte und das mit dem Ziel, sie eines Tages zu Nachschlagezwecken selbst zur Verfügung zu haben und für andere öffentlich zur Verfügung stellen zu können. (Ein großes Projekt, dem ich noch sehr viel, ja fast meine gesamte private Zeit von 1996 bis 2008 widmen sollte!)

Einige Besonderheiten der Thematik:

  • Öffentliche Proteste gegen Verbote und die Einschränkung der Religionsfreiheit und ihrer religiösen, unpolitischen Tätigkeit (durch den Berliner Sonderkongreß am 25. Juni 1933 und die Verbreitung der dort gefassten "Erklärung", zwei landesweite Flugblatt-Aktionen Mitte der 1930er Jahre, durch die Veröffentlichunge des unten erwähnten "Kreuzzug"-Buches 1938 in der Schweiz in Deutsch und Polnisch, und anderes mehr).
  • eine vielfach spektakuläre Untergrundtätigkeit der Gemeinschaft 1933 bis 1945 trotz Verbot und unmittelbarer Lebensgefahr (zB heimliche Vervielfältigung von Wachtturm-Schriften, die teilweise bis in die Konzentrationslager gelangten)
  • Verschleppung ihrer Kinder in "Erziehungs"-Heime (mit Zwangsarbeit), veranlasst durch deutsche Behörden (was zB bei der Familie Kusserow der Fall war)
  • Häftlingswinkel in der Farbe Lila für Zeugen Jehovas (Bibelforscher) in den Konzentrationslagern des braunen Regimes (also eine eigene KZ-Häftlingskategorie bis 1945, von denen es nicht viele gab)
  • Zahlreiche Hinrichtungen ihrer Kriegsdienstverweigerer ab 1939 (August Dickmann als erster und öffentlich im KZ Sachsenhausen erschossen, worüber sogar in den USA die New York Times vom 17. September 1939 berichtete)

Also ein bemerkenswerter Widerstand während der NS-Diktatur – gewaltlos, aus christlicher Überzeugung und auf der Grundlage eindeutiger Lehren der Bibel!*

* Vgl. zur Gewichtung des Themas den späteren Artikel im Tagesspiegel von Philipp Lichterbeck. Oder mein zusammenfassendes Referat vor dem Beirat der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin am 19. Juli 2001.

Wie ich Bibel-Forschender werde

Der nichttrinitarischen Religionsgemeinschaft "Jehovas Zeugen" (Zeugen Jehovas, Jehovah's Witnesses) hatte ich mich als Kind durch meinen Vater Gerhard (27.05.1923 – 17.12.2013) und am 26. Juli 1963 in München durch die Wassertaufe für Erwachsene (obwohl ich noch Kind war, was ich nicht wahrhaben wollte) freiwillig, begeistert und etwas spontan angeschlossen, dort zusammen mit meiner Mutter Helga (21.06.1929 – 8.06.1993). Beide hatten wir niemandem vorher Bescheid gesagt, was sonst üblich ist, worauf die Ortsgemeinde einen Blick auf die Taufbewerber wirft (das entfiel hier).

Damals in München, auf dem internationalen einwöchigen open-air Wachtturm-Kongress auf der Theresienwiese mit rund 100.000 Anwesenden – eine unglaublich bunte Schar von Menschen aus vielen Nationen, die dort täglich perfekt organisiert nicht nur Bibelvorträge bei schönstem Sommerwetter hörten, sondern sogar vor Ort verköstigt wurden! (Vertreter der Bundeswehr seien gekommen, um sich die reibungslose perfekte Massenabfertigung im Cafeteria-Stil anzuschauen, hörte ich dort erzählen.)

Zuvor, also bis Ende der 1950er-Jahre, war ich als Kind meist sonntags katholischer Kirchgänger gewesen (während die Mutter das Sonntagsessen vorbereitete; Vater war nicht an dieser Kirche interessiert), allerdings gleichzeitig mit gelegentlichen Besuchen zusammen mit meinem Vater bei den Gottesdiensten der Mormonen (1960), deren amerikanische Missionarinnen bei uns zu Hause eines Tages geklingelt hatten. Ein amerikanisches Mädel, die ich ganz nett fand, studierte mit mir das Buch Mormon; davon existiert noch ein Foto.

Um diese Zeit klingelten auch ein Ehepaar der Zeugen Jehovas an der Tür. Vater, geborener Katholik, dennoch Bibelleser und Wahrheitssucher, lud dann Vertreter beider Sondergemeinschaften zu einer Diskussion ein, worauf die Zeugen Jehovas aufgrund ihrer Bibelauslegung vor den Mormonen als Favoriten hervorgingen, und Vater wurde Ende 1962 ein getaufter Zeuge Jehovas (die Wassertaufe, die bei Jehovas Zeugen eine Gläubigentaufe ist und der daher eine Befragung oder Prüfung vorausgeht, sie wird übrigens durch vollständiges Untertauchen vollzogen, wurde mir versagt, weil ich dafür noch zu jung schien).

Mutter blieb zunächst "katholisch" bis zum erwähnten Massenkongress auf der Theresienwiese in München im Sommer 1963 – ein spontaner Entschluß unter dem Eindruck dieses phantastischen internationalen Kongresses und der dort gehörten Vorträge. Nach unserer Spontantaufe studierten wir noch weiterhin die Bibel mit dem kinderlosen Ehepaar, das uns regelmäßig besuchen kam, bis es Zeit wurde, dass mein Vater die Leitung unseres Familienbibelstudiums übernahm, was er zögerlich tat; er war zwar ein guter Leser, aber kein Redner.

Die Lehre der Zeugen sprach mich als jungen, freiheitsliebenden und opferbereiten Menschen sehr an (obowohl ich noch Kind war) – das heißt der biblische Glaube an die verheißene "kommende" (zu erwartende) gerechte, friedliche und brüderliche neue Weltordnung ohne Grenzen und Unterdrückung unter dem Königreich Gottes ("Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden", Matthäus 6,10), befreit von Krankheit, Altern und Tod (dort dann die irdische Auferstehung der Verstorbenen und ewiges Leben im erdenweiten "Paradies" für alle gehorsamen Menschen) – eine perfekte Welt mit perfekten Menschen (allerdings haben sie 1.000 Jahre Zeit zum weiteren Lernen, um bei der ebenfalls in der Heiligen Schrift, der Bibel, im letzte Buch "Offenbarung" prophezeiten Schlussprüfung nicht zu versagen).

Ich lebte fortan bereits als Kind in unmittelbarer Naherwartung dieser "neuen Welt", dem kommenden irdischen Paradies, nichts anderes schien mir wichtiger zu sein oder erste Priorität zu haben! Diese "Naherwartung" ist der Schlüssel, um meinen neuen Idealistmus und den darauf folgenden alternativen, altruistischen Lebensweg als junger Mensch zu verstehen – und das 36 Jahre lang.

Nach bzw. zu meiner Taufe 1963 erhielt ich von Gisela und Hans Voigt, die als Zeugen Jehovas mit unserer Familie zu Hause die Bibel studierten (über unsere Taufabsicht hatten Mutter und ich sie wie oben erwähnt allerdings nicht vorab informiert, sie war etwas spontan erfolgt), eine Bibel geschenkt, was mich sehr freute.

Das Ehepaar kümmerte sich auch sonst rührig um unsere Familie (blieb selbst aber kinderlos), packten handwerklich auch schon mal zu und setzen sogar unsere Sexualaufklärung bei den Eltern durch. (Das Thema Sexualität war sonst ein Tabuthema, quasi eine "lustfeindliche" familiäre Umgebung, wie das sicherlich in vielen, nicht nur katholischen Familien der Fall gewesen sein dürfte.)

Das Ehepaar Voigt schenkte mir also nach der Taufe eine texttreue Bibelübersetzung, die Elberfelder Bibel vom Brockhaus-Verlag, die in dieser Ausgabe durchweg das hebräische Tetragrammaton, den Gottesnamen JHWH nicht wie oft in anderen Bibelübersetzungen üblich mit HERR, sondern mit "Jehova" wiedergibt. Diese Bibel sah eines Tages beinahe so zerlesen aus wie die Lutherbibel meines Vaters! (Heute kann man im Internet sekundenschnell Bibeltexte finden, wenn man weiß, wie es geht ..., vergleichend in unterschiedlichen deutschen Bibelübersetzungen online lesen, zB auf Webseiten der EKD, der Deutschen Bibelgesellschaft oder in zahlreichen Sprachen in der Online-Bibel der Watchtower Society.)

Die Bibel als Geschichts- und Offenbarungsbuch faszinierte mich, doch ich wollte Dingen auf den Grund gehen: Mich interessierten dabei Realitätsbezüge und authentische Orte, an denen die in der Bibel erwähnten Personen, wie Abraham (Stammvater Palästinas durch Ismael und Israels durch Isaak), Moses (Zehn Gebote als Basis für Ethik), König David (übrigens ebenso ein erfolgreicher Poet wie sein Sohn Salomo), Jesus von Nazareth (der Christus und verheißene Messias) oder der Apostel Paulus (sein hebräischer Name war Saulus, sein römischer Name Paulus, beide Namen waren damals in Gebrauch) wirklich gelebt hatten – ich wollte keine "Erfindungen" lesen und glauben wie einst bei den Erzählungen von Karl May. (Winnetou hat nie gelebt, aber die Protagonisten der Bibel, und sie haben sicherlich irgend welche Spuren hinterlassen, die ich suchen konnte – in Museen oder wenn möglich, am authentischen Ort im Nahen Osten, zum Beispiel die Pontius-Pilatus-Inschrift von Caesarea.)

Im Laufe der Jahre besichtigte ich archäologische Exponate und Artefakte, die mit dem Alten und Neuen Testament verknüpft sind (zB in Museen in Ost-Berlin, Paris, London, New York, Athen und Jerusalem), Ausgrabungsstätten (zB Ephesus/Türkei [Museum] und Cäsarea/Israel) und Schauplätze (zB viele Stätten in Israel oder besuchte die Insel Patmos/Griechenland, wo der Apostel Johannes die apokalyptischen Visionen im letzten Bibelbuch, der Offenbarung, erhalten hatte).

Bereits als Teenager begann ich Bibelübersetzungen und Bibelkommentare sowie althebräische und altgriechische Wörterbücher zu sammeln (also in den Ursprachen der Bibel), auch Konkordanzen, wo ich Wörter nachschlug, um ihre biblische Bedeutung besser zu verstehen. Neben der Elberfelder Bibel benutzte ich zum Beispiel das Konkordante Neue Testament. Mich interessierten einfach Fakten rund um die Bibel!

In der Oberschule las ich einmal freudig erstaunt, "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!" (Johann Wolfgang von Goethe). Ja, diese Aussage entsprach meinem Empfinden als Mensch, nicht nur als junger Zeuge Jehovas, und wurde schließlich eine Lebensmaxime! Ich suchte natürlich wie oben erwähnt meinen Bibelglauben mit der Realität, säkularem Wissen und meinen Erfahrungen zu vergleichen und zu kombinieren. (Gebe zu, dass ich trotzdem zunächst etwas weltfremd blieb, was ich heute aber nicht mehr behaupten würde!)

"Ich bin ein Berliner!"

Am 26. Juni 1963, einen Monat vor dem Massenkongressbesuch in München und meiner Taufe dort, stand ich als Steppke mit zahllosen jubelnden Berlinern in der Schloßstraße und sah den US-Präsidenten John F. Kennedy vorbeifahren – "Ich bin ein Berliner!", sein vom Radiosender RIAS direkt übertragener Ausruf vor dem Rathaus Schöneberg als Symbol für (politische und persönliche) Freiheit nahm später mehr Bedeutung (siehe Blogspot) für mich an.

Übrigens, die Eltern von Kennedys Amtsvorgänger, General Dwight D. Eisenhower, dem 34. US-Präsidenten von 1953 bis 1961, waren ebenfalls Zeugen Jehovas (Jehovah's Witnesses, Bible Students, Bibelforscher). Es war Eisenhower, der als Oberkommandierender der Alliierten an der Westfront dazu beigetragen hatte, den Zweiten Weltkrieg zu beenden und Zigtausende von Häftlingen und Arbeitssklaven, darunter die verfolgten Bibelforscher oder Zeugen Jehovas, seine ehemaligen Glaubensbrüder, aus ihrem Elend zu befreien.

Über die NS-Verfolgungsgeschichte sollte ich später viel mehr erfahren, obgleich ich zur gleichen Zeit, ab 1963, bereits etwas damit in Berührung kam. Denn jeden Dienstagabend besuchte ich eine Bibelstunde ("Versammlungsbuchstudium" genannt) in der Ahrweiler Straße in Wilmersdorf in der Wohnung von "Schwester Kluge" (Vorname Klara?), und diese ältere Zeugin Jehovas war wegen ihres Glaubens unter Hitler verfolgt und inhaftiert worden, sprach darüber jedoch so gut wie garnicht in dieser Runde. Wenn ich mich recht erinnere, hat sie nur einmal kurz über die Verfolgungszeit berichtet als wir sie einmal privat besuchten.

Damals war für mich in West-Berlin die weitere, nach 1945 einsetzende heftige staatliche Verfolgung der Zeugen Jehovas (Bibelforscher) in Deutschland, diesmal in der DDR des SED-Regimes, weitaus präsenter, und ich erinnere mich, wie ich bald bei einem Aufenthalt in Schweden danach gefragt wurde.

Erst sehr viel später, nach dem Lesen des Jahrbuchs der Zeugen Jehovas 1974, das einen ergreifenden, umfangreichen Verfolgungsbericht unter den Diktaturen in Deutschland enthält (anonym verfasst von Konrad Franke und gekürzt weltweit veröffentlicht durch die Redaktion in Brooklyn N.Y., USA, was die Gemeinschaft auf der ganzen Erde für das Thema sensibilisierte; siehe mehr Details zum Jahrbuchbericht unten), begann mich das Thema tiefer zu berühren. Und erst nach einer Besichtigung der KZ-Gedenkstätte Dachau anlässlich eines Münchenbesuchs begann auf einmal die Verfolgungsgeschichte durch den authentischen Ort des Grauens und des Todes für mich lebendig, ergreifbar, folglich "begreifbarer" zu werden, ohne zu ahnen, wie tief ich in der Zukunft in diese Materie eindringen sollte!


RÜCKBLiCKE, 1964 – 1967

Mehrere längere Sommerferienaufenthalte als Berliner Schüler bei Gastfamilien im Ausland, organisiert von der Abteilung "Jugend und Sport" der West-Berliner Senatsverwaltung. Die ausgewählten Berliner Jungen und Mädchen gingen unter Aufsicht auf Gruppenreise und das mit der Eisenbahn bis zum Zielort, wo sie nach Ankunft vor Ort dann von der jeweiligen Gastfamilie abgeholt wurden.

Drei Länder, vier Gastfamilien – meine Sommereltern in Schweden, Österreich und Spanien

Die erste Sommerferienreise ins Ausland fand wahrscheinlich bereits 1962 statt, und ich wohnte bei Familie Ruth und Carl Wallin und ihren Kindern Karin und Peter (Foto), mitten in der schwedischen Stadt Lund, Trollebergsvägen. Dazu gehörte eine gemeinsame Ferienreise mit der Gastfamilie in den Norden des Landes nach Norrland, wahrscheinlich zu Verwandten. Erst heute kehren einige Erinnerungen zurück – war damals wohl achteinhalb Jahre alt. (Der Kontakt riss nach der Rückkehr nach Berlin mit der Familie in Schweden ab, was meiner damaligen religiös bedingten Geschäftigkeit geschuldet ist, obwohl Gastvater Carl mir damals zwei liebe Briefe in ausgezeichnetem Deutsch schrieb. Schade eigentlich. Tut mir leid.)

Im Jahr 1964 dann bei Familie Stjernfält auf dem Land. Sie wohnten in einem abgelegenen Haus an einem Waldrand mit ihrer Schafherde in Stora Ekshus, Ekeby bei Hälsingborg (Schweden) und ihrer deutschen Schäferhündin "Pia", mit der ich gern herumtollte. Wundervolle schwedische Sommer. Immer draußen an der Luft, trotz der vielen Mücken, die es leider in Südschweden reichlich gibt, sicherlich wegen die vielen Binnengewässer dort. Wenn im Fernsehen "Bonanza" lief, war ich im Haus, um die Westernhelden anzuschauen. Die ruhige, ausgeglichene nordische Mentalität machte einen bleibenden guten Eindruck auf mich. (Später zog die Familie nach Skånes-Fagerhult, wo ich sie viele Jahre später einmal besuchte. Wir konnten uns nicht gut verständigen, da die Familie Sternfält – Asta, Henry und Lennart – kein Deutsch sprachen und ich kein Schwedisch.)

Pias munteres Bellen ist meinem Ohr schon lange entschwunden und vergessen. (Merkwürdig, nachdem ich viele Jahre danach auf der CD-ROM "Gegen das Vergessen. Eine Dokumentation des Holocaust" als stetes Hintergrundgeräusch das scharfe Bellen der wachsamen, beißenden SS-Schäferhunde hören musste – wie wohl einst Tag und Nacht die zahllosen Häftlinge und Todeskandidaten im deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, Oświęcim, Polen –, kehrt heute das schreckliche Bellen der Wachhunde in mein Ohr zurück, wann immer ich an das ehemalige Todeslager denken muss, das ich 2004 als Referent anläßlich einer Ausstellungseröffnung besuchte und kennenlernte.)

Als nächstes 1965 in Österreich auf dem Bergbauernhof von Familie Eichberger, mit einem Dutzend Kühe bei Rachau, Glein 33, Post Knittelfeld, Steiermark (damals wusste ich noch alle Namen ihrer Kühe im Stall auswendig!), wo ich das Landleben kennenlernte, auch schon mal mitmachte, die Tiere zur Weide oder zurück zu treiben. Einmal schlenderte ich zum Gastvater auf die Wiese (auf dem Weg in den Wald, um Pfifferlinge/Schwammerl zu sammeln) als er gerade beim Sensenmähen war, und als er mich sah, begann er zu Jodeln. "Wie jodelt man?", fragte ich gespannt. "Das steckt im Blut", erwiderte er, "das kann man einfach so!" Ich versuchte es, aber ich konnte nicht jodeln – fand ich schade!

Schließlich 1968 in Spanien bei Familie Gras in Pedralbes, Avenida Espasa, Barcelona, bei einer Familie mit Anwesen. Ferienzeit als Freizeit mit Müßiggang im warmen Mittelmeerklima! Doch ich studierte mein englisches Schulbuch und (heimlich) Wachtturm-Schriften (die Zeugen Jehovas waren damals in Spanien als Religionsgemeinschaft verboten), las jeden Abend vor dem Einschlafen in meiner Elberfelder Bibel, versuchte im großen Garten am Klavier im Musikpavillon ohne Noten kurze Melodien zu "komponieren" (klimpern) und entdeckte Zeichnen vorübergehend als persönliche Ausdrucksform.

Einmal kam das junge Zimmermädchen Sarita Losada zum Putzen herein (ich hatte das Zimmer von Alberto Gras bekommen), und sie sah mich ein Portrait zeichnen (aus meiner Phantasie) und forderte mich auf, sie zu zeichnen – was ich vehement ablehnte! Ich war viel zu schüchtern, ungeduldig und überhaupt nicht überzeugt von meinem Zeichentalent! (Schade, wäre vielleicht eine Möglichkeit gewesen, etwas zu probieren, egal wie es ausgeht. Ich hätte das Portrait probieren sollen, auch wenn es eine Karikatur oder "moderne Kunst" geworden wäre! So versäumt man Möglichkeiten.)

Im Musikpavillon, dort im weitläufigen vom Gärtner und Hausmeister Rafael Bueno Salas gepflegten mediterranen Garten der Familie Gras, ein kleines "Paradies", konnte ich nicht aufhören, die toll illustrierten Bände mit den Abenteuern von Tintin und Milou/Snowy (Tim und Struppi) anzuschauen. (War viele Jahre ein Fan von ihnen gewesen bis Comics in Vergessenheit geraten.) Mein Klavierspiel und Lesen unterbrochen vom Ruf der Köchin Carmen Morales Lora, doch endlich zum Mittagessen zu kommen – Paella Valenciana! (Mhm, lecker – leider bekam ich das Reisgericht anderswo nicht mehr so gut und lange in der Pfanne zubereitet wie bei der spanischen Familie! Ich habe Paella mit Huhn und Meeresfrüchten nur noch einmal in sehr guter Erinnerung, und das war bei einem Besuch mit Gene Smalley von der Watch Tower Redaktionsabteilung und seiner deutschen Frau in einem spanischen Restaurant in Manhattan, New York City, viele Jahre später!)

Wenn Javier Gras, der älteste Sohn der Familie, aus der Schule kam, verbrachten wir Zeit miteinander am Swimmingpool, hörten zusammen mit seinem Freund Pedro Verges (der ebenfalls in Pedralbes wohnte) Rockmusiker wie Jimi Hendrix, liefen zu Fuß zum Vergnügungspark Tibidabo, um dort Livekonzerte von bekannten Musikgruppen und Sängern wie Johnny Hallyday mitzuerleben. (Durch den regen Kontakt, wir sprachen nur Deutsch, erhielt Javier die Möglichkeit, seine Deutschkenntnisse und Schulnoten für den Deutschunterricht zu verbessern.) Ebenso war ich mit Alberto, dem jüngsten Sohn der Familie Gras, zusammen, und wir spielten gern und viel Tischtennis, wobei Pepin Coca, der Nachbarjunge, manchmal mitspielte – so lernte ich zumindest auf Spanisch zählen, zumindest bis 12!

Peppins Familie bewohnte in Pedralbes in der Straße Montevideo gegenüber meiner Gastfamilie Gras ein riesiges verwildertes mediterranes Landareal mit einem verschlossenen, stillgelegten Stollen oder finsteren Brunnentunnel, wo wir "Abenteuer" bestanden. In dieser Wildnis hausten Eidechsen und Schlangen, auch die gefährlichen Skorpione, vor denen Pepin Coca mich warnte.

Pepin hatte zwei hübsche Schwestern, die etwas älter als wir waren, die manchmal zu uns zu Familie Gras herüberkamen, und mich dann am Swimmingpool verlegen machten durch ihre schon sichtbaren Busen oder Brüste – die eigentlich etwas ganz normales, natürlich weibliches, menschliches sind. Als eifriger Bibelleser war ich mit den geheimnisvollen Reizen der Weiblichkeit "theoretisch" vertraut, vgl. das Bibelbuch Hohelied 4,1-5 (zitiert laut Elberfelder Bibel 1905): "Meine Freundin, siehe, du bist schön: Deine Augen sind Tauben hinter deinem Schleier ... Deine beiden Brüste sind wie ein Zwillingspaar junger Gazellen, die unter den Lilien weiden."

Aber in der sozialen Praxis und Realität meiner damaligen Welt haperte es doch gewaltig – und um "nackte" Einblicke zu gewinnen, die es eigentlich schon umsonst am FKK-Strand oder in einer Sauna gibt, sollte man sich quasi auf eine Ehe einlassen, was jetzt nicht zu verallgemeinern oder gar auf eine Religionsgemeinschaft als Ursache zu projizieren ist – denn meine Situation war familiär und von der sozialen Herkunft bedingt. (Zu dem vor allem für junge Menschen interessanten Thema der geheimnisvollen Reize aus "männlicher" oder "weiblicher" Sicht, vor allem zum Thema Sex, dazu siehe unten einige Beobachtungen.)

Mit Pepins Schwestern hatte ich nichts im Sinn. Dagegen fühlte ich mich zu einem bereits älteren Mädchen hingezogen, Magdalena, die in der Nachbarschaft wohnte, einige Häuser weiter in der Straße Montevideo. Magdalena hatte schönes langes schwarzes Haar, und wir konnten uns ab und zu in Englisch vor ihrer Haustür brav unterhalten. Später schrieb mir Magdalena einen Brief in Spanisch nach Berlin, den ich nicht verstand. Ich gab ihren Brief einer Zeugin Jehovas, die aus Nicaragua stammte zum Übersetzen, worauf sie meine Mutter über meinen Kontakt zu einer weiblichen Person "informierte", die mir daraufhin Vorhaltungen machte. (Eine unzutreffende, übertriebene Verdächtigung meiner Mutter auf Unmoral in sittlicher Hinsicht von meiner Seite, eine sündige Tat in religiösem Sinne. In solch einer Atmosphäre wuchs ich im Elternhaus auf, was sicherlich auch mit der einfachen, konservativen Herkunft meiner Eltern ursächlich zu tun hatte und nicht mit ihrer Religion, sei es die ursprünglich römisch-katholische oder weil sie jetzt bei Jehovas Zeugen waren.)

Ein vorbildlicher unverheirateter Zeuge Jehovas vermied es nämlich, eine weibliche Person überhaupt sinnlich anzusehen oder zu berühren. Daran hielt ich mich, war aber neugierig und fasziniert von dem "Geheimnis" Weiblichkeit.* "Wie die Weiblichkeit einen Mann erfreuen kann, so kann die Männlichkeit eine Frau erfreuen", so oder ähnlich heißt es später in einem sachlichen, hilfreichen Aufklärungsbuch der Wachtturm-Gesellschaft für junge Leute, und auch die Bibel ist in ihren Jahrtausende alten sachlichen oder poetischen Beschreibungen des Themas nicht prüde. Feste Bekanntschaften ohne die Absicht zu heiraten, waren aber verpönt. Der Austausch von Zärtlichkeiten und Küssen war Paaren vorbehalten, die heirateten. Die Weiblichkeit an sich, der ich im Grunde mein Leben durch Zeugung und Geburt mit zu verdanken hatte, und die ich bewunderte, entschwand für mich als pubertierenden Jugendlichen in einen fernen romantisierten Raum unrealistischer Schwärmerei, die mit der Realität wenig zu tun hatte. (Ein echtes Hindernis für eine Beziehung.)

* Sex ist für Zeugen Jehovas, ähnlich wie weltweit für Millionen anderer strenggläubiger Menschen verschiedener Konfessionen, nur innerhalb der Ehe ehrbar, statthaft oder erlaubt. Geschlechtsverkehr ausserhalb der Ehe oder sexuelle Handlungen mit einer anderen Person (wie sie in einem Bordell üblich sein sollen) können dazu führen, dass sich der unschuldige Ehepartner, der Zeuge Jehovas ist, biblisch gültig und rechtlich scheiden lassen kann.

Ich weiß nicht (mehr), was in Magdalenas Brief stand – sicherlich nur harmlose und höfliche Nettigkeiten! Ich hatte mich mit Magdalena lediglich mehrmals unterhalten;* es war kein bewusster Flirt. (Natürlich wollte ich bereits damals als Teenager, glaube ich, später nicht zu früh eine Ehe eingehen oder Familie gründen und mir Zeit lassen.)

* Wir West-Berliner im freiheitlich-demokratischen Westen (von der DDR als "Westberlin" bezeichnet – man wollte uns von der "BRD", der Bundesrepublik Deutschland getrennt wissen), von einer Mauer und mit Schusswaffen bewachten Todesgrenze mit Schießbefehl der DDR des SED-Regimes eingeschlossen, dazu nicht selten Verwandte im rigiden sozialistischen Ost-Berlins (meine Großmutter lebte dort), hatten damit immer Gesprächsstoff im Ausland. Auch Magdalena befragte mich in Spanien nach den Verhältnissen in West- und Ost-Berlin im fernen Deutschland.

So lernte ich als Kind und Jugendlicher unterschiedliche soziale Lebens- und Verhaltensmuster in Familien in Schweden, Österreich und Spanien kennen. (Was mich als Weltbürger mit gepägt und zu einem diversen, pluralistischen Denken geführt hat, offen für andere Nationalitäten und Respekt vor Andersdenkenden, ohne ihre Ansichten akzeptieren zu müssen.)


RÜCKBLiCKE, 1968 – 1969

"Hoch am Berge, wo kein Halm noch Strauch, abseits – ja dort, dort setz ich mein' Fuß. Will die Stille hören, Einsamkeit und Ruh" (2. August 1967, Eisenärzt, mein erstes "Gedicht", ein Reim).

Eigene lyrische Texte, lustige Reime und verträumte Fantasy-Gedichte gehören inzwischen zu meinem Lebensinhalt, eigentlich "für mich" geschrieben, die Folge eines inneren Bedürfnisses, sich irgendwie auszudrücken (Kunst ist Ausdruck ... ☺). Dazu kommen einige Tinten- und Buntzeichnungen (womit ich in Spanien zaghaft begann – ich hoffe künftig hier einige zu zeigen, dauert aber noch ..., vgl. ersten Link im folgenden Absatz, wo eine Zeichnung in der Einführung zur Thematik "Poesie & Literarisches" zu sehen ist). So entdeckte ich jetzt meine Liebe zur Poesie bzw. einen Hang zur Schriftstellerei, später zum kreativen Schreiben und journalistischen Texten (dazu gehört das lexikalische Schreiben), worauf ich unten und in Teil II (in Arbeit) eingehe.*

* Ursprünglich schrieb ich hier: "Wen das Poetische interessiert, findet hier (hoffentlich) bald einen Link zu den Verschriftlichungen meiner Gedichte und Reime chronologisch nach Entstehung aufgereiht. Dauert noch ..." – inzwischen habe ich dem Thema "Poesie & Literarisches" eine Einführung/Übersicht und mit Textbeispielen meines bescheidenen poetischen "Schaffens" aus der Jugendzeit mit einfachen Mitteln eine eigene Homepage) gewidmet. Dort findet man auch das oben zitierte erste "Gedicht". ☺

Sehnsucht und Geheimnis

Neben dem Meer gehörte den Bergen meine verklärende Sehnsucht – und dem tiefen dunklem Wald, diesem geheimnisvollen und scheinbar mystischen Raum der Deutschen und ihrer Märchen, gesammelt durch die Gebrüder Grimm, die ich aufmerksam gelesen hatte.

Später waren für mich "märchenhafte" Wälder, ebenso wie schöne Gewässer, vor allem während der über dreißigjährigen Lebenszeit in Hessen, Kraftorte und Rückzugsgebiete zum Erholen, Nachsinnen und Beobachten (was mir heute in Bayern etwas fehlt [die Bemerkung bezieht sich auf die Zeit meiner Berufstätigkeit bis 2018]). Einige meiner Jugendgedichte entstanden durch idealisierte Walderlebnisse im Taunus. "Mein Herz war wie das Rehkitz dort. | Es lauscht und wartet hier. | Und wenn du kommst, | dann folgt es dir" (1. August 1973, Wiesbaden-Kohlheck, ein Reim).

Geheimnisse ziehen mich überhaupt in ihren Bann!

Zu gehört der geheimnisvolle Anfang, Sinn und schließlich das Ende allen Seins, und logischerweise – Gott! Das heißt – der Schöpfer, der Urheber, der Uhrmacher dieses unvorstellbar gigantischen genialen Weltall-Räderwerks, das kein Mensch wirklich richtig begreift. Das Schweigen Gottes irritiert mich. Aber über das eifrige Bibellesen gelangte ich damals zum "Wort" Gottes, das heißt ich "hörte" ihn (auch zu mir) reden; und ich WOLLTE an ihn glauben, so einfach kann Glaube sein.* (Einige Geheimnisse bleiben ein Leben lang unergründlich und werden nie gelüftet.)

* Ich bin bis heute nicht formell-religiös, dafür gläubig, und ich schätze weit mehr geistige als materielle Werte als "Idealist". Mit ein Grund für die radikale Zäsur in meinem frühen Leben, zu der ich mich als junger Mensch bald entschließen sollte, unter anderem deswegen, um nicht in die Tretmühle eines geldorientierten Materialismus zu geraten, der eine Verlockung war, wie ich das um mich herum beobachten konnte, vor allem in West-Berlin, dem "Schaufenster des Westens" – und so entwickelte sich meine Entscheidung nach der Schulzeit für eine unentgeltliche, gottesdienstliche Tätigkeit, die ich als "Idealist" dann jahrzehntelang ausüben sollte und die ich erst 2008 freiwillig aufgab und so ein anderes, zweites Leben begann.

In die Reihe der Geheimnisse gehört, wie erwähnt, für mich als Mann und Gegenpart, das schöne Geschlecht, eigentlich die Weiblichkeit per se, das "Mysterium Frau", und das bleibt (für mich, noch lange Zeit als junger Mensch) ein großes Geheimnis. Im Februar 1971 reime ich in meiner damaligen Heimatstadt als Junge: "Berlin ist eine tolle Stadt / die viele schöne Mädchen hat / Dunkle und Blonde / durch die Straßen geh'n / die oft alleine / in der U-Bahn steh'n. / Blaue Pupille / und warme Blicke / süße Idylle / doch kein wahres Glück. / Erleichtert steh ich / mittendrin. Nur gut / dass ich so schüchtern bin" (Gedicht).

Wie von der Natur, so habe ich (damals) vielleicht ein durchweg idealisiertes Bild vom anderen Geschlecht, was sich erst durch mehr Lebenserfahrung verändern wird. (Manche Geheimnisse bleiben ein Leben lang unergründlich, andere werden gelüftet.)

Durch den biblischen Glauben entdeckte ich damals für mich ein außergewöhnliches "Lebens(abschnitt)ziel", wobei eine "keusche", das heißt eine sittlich und moralisch reine Lebensweise im Sinne der Bibel die Bedingung für dessen Realisierung gewesen war. Auch wenn ich zugegebenermaßen als poetischer, also tiefe Emotionen empfindender Mensch ein Mädchen gern real geküsst oder entdeckt hätte, zudem das normale menschliche Grundbedürfnis "Zärtlichkeit" und "Berührung" habe (was keineswegs grenzwertig ist, auch wenn dieses Grundbedürfnis einigen Menschen irgendwie abhanden gekommen ist, nicht einmal in der Familie Nähe erfahren durften, manche Menschen sich selbst bei Begrüßung oder Verabschiedung ungern umarmen lassen, weil das angeblich nicht "üblich" bei ihnen wäre, sei es im familiären, sozialen oder religiösen Umfeld).

Bereits junge Zeugen Jehovas lernen beim Bibelstudium, dass Frau und Mann vor Gott als Menschen grundsätzlich gleich sind, zum Beispiel in der Schöpfunggeschichte, "männlich und weiblich erschuf er sie" (1. Mose 1,27, NWÜ) – jeweils anders und doch gleichwertig. (Etwas anders sieht es in der religiösen Gemeinschaft beim Lehramt in der Gemeinde aus oder laut biblischer Lehre in der Ehegemeinschaft, die eine Ehepartnerschaft sein soll, wobei es nicht zwei "Kapitäne" vor Gott geben kann; die Ehefrau könnte aber durchaus "Steuermann" werden ...)

Männliche Angehörige müssen dem anderen Geschlecht, Mädchen und Frauen, mit Anstand und Respekt begegnen und dürfen sie nicht als Sex-Objekt betrachten, also ihre menschliche und weibliche Würde achten. Dieser edle Standpunkt war für mich daher selbstverständlich. In der Religionsgemeinschaft werden sittliche Werte und Moral, "biblische Grundsätze" genannt, konsequent vertreten.

Natürlich sprach grundsätzlich für mich jungen Menschen damals überhaupt nichts dagegen, innerhalb der Religionsgemeinschaft zu heiraten, wie das um mich herum auch praktiziert wurde. Doch eine Bindung in einer Ehe hätte die Realisierung meines selbst gesteckten, außergewöhnlichen relativen "Lebens(abschnitt)ziels" (was so ganz anders als herkömmlich war, siehe nächste Unterüberschrift), das ich zu diesem Zeitpunkt nur als Single erreichen konnte, vereitelt oder ich hätte es aus den Augen verloren.*

* Dieser Tage hörte ich Eckart Axel von Hirschhausen in einem Radiointerview auf die Frage, was den Unterschied zwischen Verliebtheit und wahrer Liebe mache, trefflich antworten: "Verliebte schauen sich in die Augen, Liebende in dieselbe Richtung" (2021).

Mein gefasstes Ziel durch die Lüftung dieses "Geheimnisses" aus den Augen zu verlieren, das wollte ich nicht riskieren, und daher verzichtete ich freiwillig auf eine frühe Bindung mit einer Person des anderen Geschlechts, allerdings gleichzeitig auf Erfahrungen und Bedürfnisse auf dem interessanten Gebiet – das andere Geschlecht blieb ein "Geheimnis"! (Vorweg bemerkt: Verzicht bedeutet Opfer, und mein persönliches Opfer in dieser Dimension war von Anfang an für mich tragbar, weil das selbst gesteckte "Lebens(abschnitt)ziel" ein relatives war, zeitlich durchaus überschaubar, nicht für die Ewigkeit bestimmt, und ich als freier Mensch selbst entscheiden konnte, wann ich einen neuen Lebensabschnitt in welchem Rahmen und mit welchen neuen Zielen antreten wollte. So empfand ich zumindest, und ich ahnte nicht, dass darüber rund vierzig Jahre vergehen sollten!)


RÜCKBLiCKE, 1970 – 1972

So entsteht wie beschrieben ein "Idealist" wie ich, der laut Google-Definition eine Person ist, "die selbstlos, dabei aber auch die Wirklichkeit etwas außer Acht lassend, nach der Verwirklichung bestimmter Ideale strebt" (Definitionen von Oxfort Languages).

Kein alltäglicher Lebensentwurf eines "Idealisten"

Ich verlasse 1970 auf eigenen Wunsch die Schmidt-Ott-Oberschule in Berlin-Steglitz, obwohl ich Schule und Bildung liebe, trotz eines hervorragenden Schulzeugnisses, und trotz meines noch ungestillten, unbändigen Wissensdurstes. (Der sollte später "learning on the job" befriedigt werden, vor allem als ich in den 80er Jahren für eine große Bibliothek zuständig wurde und anfing, für meine Artikel und Beiträge zu diversen Sachgebieten zu recherchieren und zu schreiben.)

Mein Entschluß diente hauptsächlich dem Ziel, mein (spirituelles, religiöses) "Ideal" zu verwirklichen, eine halb- und dann hauptamtliche Laufbahn innerhalb der Religionsgemeinschaft antreten zu können; das hatte für mich als jungen Menschen höchste Priorität erlangt. Dafür trat ich keine herkömmliche Laufbahn an, wie sie andere junge Menschen gewöhnlich durch Schule und Ausbildung (oder Studium) einschlagen. (Und wie ich sie selbstverständlich auch von mir erwartete, ja forderte – hätte da nicht der "Idealist" in mir die Oberhand gewonnen und die Naherwartung einer neuen Welt, worauf ich unten eingehe.)

Also folgte in meinem Leben quasi eine erste Zäsur, Verzicht und Aufgabe, mit dem Ziel, dafür im biblischen Sinne der Verkündigung etwas weit Wertvolleres, ein spirituell sinnvolles, erfülltes, das "wirkliche" Leben, zu ergreifen. (Und dieses Ziel sollte ich erreichen, 36 Jahre ausleben, und darauf bis heute mit Befriedigung zurückblicken. Das schon mal vorweg erwähnt ... Allerdings nach einem Neuanfang, einer "zweiten" Zäsur sozusagen, worauf ich noch eingehe.)

Diese frühe Lebenszäsur war und blieb meine persönliche Entscheidung, und sie war keineswegs typisch für Angehörige der Glaubensgemeinschaft insgesamt, eher die Ausnahme. Das ist mir wichtig zu erwähnen, und daher gehe ich unten weiter auf das Thema "erste Lebenszäsur" ein.

Ich war jetzt gleichzeitig frei, in die "weite Welt" zu gehen, was meiner steten Reiselust entsprach, und mich zog es als erstes zur Bergwelt der Alpen, gleichsam ein optischer Vorgeschmack auf das (einst verlorene und nunmehr) verheißene irdische Paradies des ersten und letzten Buches der Bibel, wie es in den schönen Bildern der Wachtturm-Literatur vielfach illustriert wird. Es folgten zwei mehrmonatige Aufenthalte im Ausland jeweils als bereits in West-Berlin ernannter "Allgemeiner Pionier" oder halbamtlicher Vollzeitverkündiger der Zeugen Jehovas (der seinen Lebensunterhalt selbst bestritt), jeweils mit einer Privatunterkunft bei Einheimischen:

Zuerst in St. Johann in Tirol am grandiosen "Wilden Kaiser" in Österreich (1970).

Und dann im weiten Pustatal, in Bruneck in Südtirol, Italien (1971). Die Bergwelt fasziniert mich ja wie das Meer gleichermaßen – bis heute (was ich oben erwähne).*

* Von Bruneck aus erfolgte 1971 per Linienbus via Umstieg in Cortina d'Ampezzo mein erster Kurzbesuch der Lagunenstadt Venedig, der "unfassbaren" Stadt, die für mich bis heute zu den großartigen Reisezielen überhaupt zählt, wo man das Reiseerlebnis blaues Meer, Mittelmeerfeeling und historische Kulturstadt wundervoll verknüpfen kann. Mit dem Wasserbus über Venedigs Kanäle gondeln ... (darüber an anderer Stelle mehr).

Nach Ankunft auf dem Busbahnhof Piazzale Roma ging ich damals sofort ins Tourismusbüro. Dort war man sehr hilfreich, mir eine billige Unterkunft in der Nähe zu besorgen – in einer winzigen, sauberen Dachkammer des Hotels Olimpia mit Blick über einen Hof auf die roten Dächer der Lagunenstadt vom rückwärtigen Kammerfenster aus, so dass ich mir Flügel gewünscht hätte, um sie aus der Luft zu erkunden.

Mein (erstes) Stadtschlendern durch Venedig konnte jedenfalls beginnen – zu Fuß ... in Richtung Markusplatz und mit meiner ersten Pizza am nächsten Tag, die mir überhaupt nicht schmeckte. In meiner Ahnungslosigkeit und Sparsamkeit – die Pizzas schienen mir auf dem Markusplatz (schon damals) überhaupt etwas teuer zu sein – hatte ich eine Art bestellt, wie sich herausstellte, die mit nichts anderem als mit einem Spiegelei belegt war, also nicht einmal eine Pizza Margherita bekommen, und so war ich mit Pizzas erstmal für geraume Zeit bedient ...

(Schon damals war ich ein sparsamer, genügsamer Typ, zufrieden mit dem, was man hat, vielleicht eine Art Minimalist. Meine Kurzreisen waren Low-Budget-Reisen, denn über ein Vermögen verfügte ich nicht, wollte ich auch nicht, und ich kam mit dem, was ich materiell besaß, gut zurecht. Ich hatte als Teenager auf dem Hof der Bergbauern in der Steiermark Einfachkeit erlebt und gern angenommen, in Schweden bei Familien der Mittelschicht gelebt, und ich wusste gleichzeitig, was es für eine Familie bedeuten kann, finanziell aus dem Vollen schöpfen zu können als ich bei einer sehr begüterten Gastfamilie in Barcelona in einer schönen Villa mit herrlichem Park und Swimmingpool gewohnt hatte, wo sich Gärtner, Köchin und Hausmädchen um vieles kümmerten. Diese unterschiedlichen Lebensweisen kann ich daher als soziale Standards gut nachempfinden, akzeptieren und mich selbst dabei wohlfühlen.)

Auch in der übrigen Zeit der Jahre 1970/1971, die ich in meiner Heimatstadt West-Berlin verbringe und bei den Eltern wohne (mit einer Teilzeitbeschäftigung), arbeite ich als halbamtlicher "Vollzeitdiener" oder "Allgemeiner Pionier" (Vollzeitverkündiger), der wie erwähnt für seine Unkosten selbst aufkommt. Das waren meine ersten Schritte auf einer ungewöhnlichen, gottesdienstlichen Laufbahn mit dem begehrten Ziel, hauptamtlich in der Deutschlandzentrale in Wiesbaden als Sondervollzeitdiener arbeiten zu dürfen!

Mein persönlicher Lebensentwurf unterschied sich jetzt von herkömmlichen, allgemein vertrauten traditionellen Mustern – wie Geld verdienen, eine Familie gründen (möglichst mit Kindern), Vermögen schaffen, in Rente gehen, ein Testament machen und sein Begräbnis überdenken. Auf solche Erfahrungen wollte ich (zunächst) verzichten bzw. sie wären durch das bevorstehende Eintreffen der in der Bibel verheißenen "neuen Welt" (Wiederkunft und Millennium Christi, "Königreich Gottes" oder "Reich Gottes", das auf der Erde den Willen Gottes geschehen lässt), wie ich das als Kind gelernt hatte, ohnehin obsolet geworden.*

* Gemäß der Bibel (Neues Testament) hatte der auferstandene Christus gesagt: "Ich komme eilends [bald]" (Offenbarung 22,12). Und das vor über 2000 Jahren, perspektivisch gesehen eigentlich eine relativ kurze Zeit im Universum – richtig, es kommt auf die Sichtweise an. Das hatte ich damals noch nicht ganz verstanden. Für mich und sicher Millionen anderer Gläubiger war damals die Realisierung der "neuen Welt" durch das "Königreich Gottes", die Herrschaft Christi auf Erden, buchstäblich zum Greifen nahe! (Eigentlich wie das seit 2000 Jahren für alle Christen der Fall sein sollte, auch heute, also eine stete Naherwartung oder christliche Wachsamkeit im Gegensatz zu geistiger Schläfrigkeit und Unentschlossenheit.)

Und viel später lerne ich einen weiteren wichtigen Gesichtspunkt kennen, den Charles T. Russell (1852–1916), Hauptgründer und Präsident der Watch Tower Bible and Tract Society Society (kurz: Wachtturm-Gesellschaft, die religiöse Verlagsgesellschaft der Religionsgemeinschaft) einst geäußert hatte: "Wir leben als wenn das Ende schon morgen kommt, und wir planen als wenn das Ende erst in 100 Jahren kommt." (Ich kannte am Anfang nur den ersten Teil dieser Aussage und lebte und plante kurzfristig und nicht materialistisch. Durch meine spirituelle Denk- und Lebensweise sollte ich im Laufe der folgenden Lebensjahre aber keinen Schaden, sondern sehr viele glückliche Momente und bis heute innere Zufriedenheit haben.)

Farben-Baer und Psychologie

Neben den Farben Blau und Gelb (siehe oben) liebe ich es überhaupt bunt – meine Teilzeitarbeit in West-Berlin war bei "Farben-Baer" in Zehlendorf (Farben, Tapeten, Bodenbeläge). Zusammen mit meinem Chef Joachim Baer, der den Flug nach Hamburg spendierte, folgten wir im Februar 1972 der Einladung des Farbenherstellers Glasurit in Hamburg-Hiltrup und besuchten gemeinsam ein Fach- und Einzelhandelsseminar mit Verkaufsberatung. (Meine Teilnahme-Urkunde vom 22. Februar 1972 wird auf "Herr Joh. S. Wrobel" ausgestellt, so wie ich meinen Namen angegeben hatte. Schon damals legte ich auf meine beiden Vornamen Wert.)

Als Referent diente damals der Unternehmensberater, Verkaufspsychologe und Duden-Autor Siegfried A. Huth aus Dillenburg. Er vermittelte einprägsame Erfolgs- und Lebensregeln. Sich wiederfinden zwischen Idealismus (sein Denken und Handeln maßgeblich an Idealen ausrichten) und Utilitarismus (dem Nützlichkeitsprinzip, auch bei idealen Werten, folgen), lehrte er. (Ob er da an mich gedacht hatte, weil mein Chef ihn vielleicht über meinen geplanten ungewöhnlichen und idealistischen Lebensweg informiert hatte? Erst jetzt, nach so vielen Jahren, kommt mir dieser spekulative Gedanke.) Einige der Sprüche von Siegfried A. Huth begleiten mich jedenfalls bis heute, zum Beispiel:

Hartnäckig sein, jedoch nicht stur. Mit jeder Situation durch körperliches und seelisches Stehvermögen fertig werden; unter erschwerten Bedingungen Aufgaben erfüllen. (Nur so sollte ich später meine Lebensaufgabe meistern. Leider wurde meine "Hartnäckigkeit" von Zeitgenossen auch manchmal missverstanden ...)

Unsere Zeit müsse heute aus (1) Arbeitszeit, (2) Informations- und Weiterbildungszeit und (3) Freizeit bestehen. (Information, Weiterbildung und Selbstanalyse erhalten von nun an einen wichtigen Platz in meinem Leben.)

Vom Ahnen zum Planen. Erfolg werde durch Organisation (zukunftsgerichtet) und Ordnung (gegenwartsgerichtet) gesteigert, durch Argumentation (Verstand), Demonstration (Sinne) und Suggestion (Gefühle) sowie durch Vorbereitung (Nutzen [Jeder fragt sich, "Was habe ich denn davon?"], Vor- und Nachteile durchdenken) und Proben/Üben (auf "Zu teuer!" antworten, "Im Vergleich womit?"). Durch unsere Stimme zeigen wir, wer wir sind und wie wir behandelt werden wollen. (Also ständig an sich arbeiten.)

Eine positive Ausstrahlung wird positiv reflektiert! Analysiere deine Umwelt (beruflicher, familiärer, öffentlicher Bereich), wobei Siegfried A. Huth drei Arten von Menschen aufzählt:

A-Menschen: Nette, vernünftige, aufgeschlossene Menschen.
B-Menschen: Menschen mit charakterlichen Webfehlern.
C-Menschen: Menschen, die wir nicht ausstehen können.
(Ich sollte im Laufe der Zeit feststellen, dass es überall solche und solche Menschen gibt. Ich nahm mir vor, ein A-Mensch zu sein, also eine verträgliche Person, war aber doch irgendwie ein B-Mensch. Und auf manche wirke ich vielleicht wie ein C-Mensch. Aber wem wird es nicht ähnlich nach diesem ABC ergehen?)

Anders als andere! (AAA). Zur Erfolgsanalyse, so "Dr. Huth", gehöre des weiteren Raum und Aufmachung. Der Kunde decke den Bedarf durch Vergleichen, also: "AAA". Oder "LLL" (Licht lockt Leute). Es gehe um hauchdünne Wettbewerbsvorteile. Großzügigkeit und Freundlichkeit seien unsere größte und beste Werbung, man nenne das "Echtes Image" (im Gegensatz zum "künstlichen Image", zB durch Inserate).

Mit diesem (theoretischen) Rüstzeug entlässt Siegfried A. Huth mich quasi wohlgemut und in die weite Welt!

"Hänschen klein | ging allein | in die weite Welt hinein ..." Wegen diesem ☞ Kinderlied mochte ich nicht "Hans", schon gar nicht "Hänschen" gerufen werden, weder zu Hause noch in der Grundschule, was man respektierte. (So wurde ich damals "Johnny". Heute bin ich Stephan. Zu meinem beiden Vornamen "Stephan" und "Johannes", siehe oben).

Vielleicht spiegelte das Lied meine "Fernsucht" (Fernweh) und ein (verborgenes?) "Lebensziel" wieder, in die Welt zu ziehen und sein Glück zu versuchen – warum mochte ich das Lied eigentlich nicht? Oder wollte ich wie das "Hänschen" nicht mehr zur Mutter zurückkehren? (Ich weiß es momentan nicht.)

Lebenszäsur

Die Schule zu verlassen und "Pionier" oder Vollzeitverkündiger der Zeugen Jehovas zu sein (und darauf zu verzichten, allgemein übliche Bildungswege in der "Welt" zu verfolgen, und den Lebensunterhalt nur durch eine Teilzeitbeschäftigung zu verdienen) war für mich eine freiwillige, folgenreiche Zäsur im Leben, die wie erwähnt von herkömmlichen Lebensentwürfen der Menschen um mich herum abwich. Dabei war mein Ziel (sobald ich das erforderliche Alter erreicht hatte), schnellstmöglich in die Dienste der deutschen Religionszentrale in Wiesbaden (Druckerei/Buchbinderei und Verwaltung) treten zu dürfen, "Bethel" genannt, und das geschah mit einer Endzeitnaherwartung, wie ich sie als junger Mensch auf Grund meines Bibelstudiums verstanden hatte.

Gern betone ich: Ich traf damals eine eigenverantwortliche Entscheidung, zu der ich stehe. Mein Klassenlehrer hatte einmal zu mir gesagt, "Man kann nicht zwei Herren dienen!" (Ich hatte mich zu einem Musterschüler gemausert mit einem Notendurchschnitt von 2,1, doch schien ihm, daß meine Religion stets Vorrang vor schulischen oder säkularen Zielen hatte.) Demzufolge entschied ich mich nur für einen einzigen Herrn, statt gleichzeitig zwei Lebenslinien zu verfolgen, wie das unter Zeugen Jehovas allgemein üblich ist – nämlich einen weltlichen Beruf auszuüben und sich selbst und ggf. für eine Familie zu sorgen sowie gleichzeitig für seine religiöse Überzeugung vor Ort zu leben. Das wäre natürlich auch für mich eine Option gewesen, doch ich entschied mich damals anders – in wollte im "Bethel" dienen.

Reisefieber

Vor Eintritt ins "Bethel" (ich hatte das erforderliche Alter für eine Bewerbung noch nicht erreicht) ging ich auf private Entdeckungsreise auf "Jugendherbergsweise" durch Israel im Sommer 1972 von den Quellen des Jordan bis zum Roten Meer, durch den Negev (u.a. Übernachtung in der "verlassenen" Jugendherberge in der Stadt Beersheba, dem Ort, wo einst Abrahams Brunnen war), einschließlich mehrerer Tage in Jerusalem (Besuch der Altstadt, Klagemauer, des Ölbergs u.a. Punkte in der Stadt).

Dabei inspizierte oder besuchte ich noch andere biblische Schauplätze in Israel. So die Ausgrabungsstätte Megiddo, nicht weit von Haifa.*

* Megiddo liegt in der Nähe einer Ebene, wo einst bedeutsame Entscheidungsschlachten geschlagen wurden, wovon der Begriff "(H)Armageddon" (Berg von Megiddo) im letzten Buch der Bibel als Metapher abgeleitet ist (Offenbarung 16,16) – ein wörtliches Symbol für den endgültigen Vernichtungskrieg des allmächtigen Gottes gegen alles Böse auf der Erde, ein Endpunkt der Geschichte sozusagen, das Ende einer alten Welt und der menschlichen Herrschaft, gleichzeitig der Beginn einer neuen, gerechten Welt, der Regierung Gottes ("Reich Gottes"), die durch die Herrschaft Christi ausgeübt werden wird (irdisches Paradies). So hatte ich das durch mein Bibelstudium bereits als Kind gelernt, und das war ein Teil meiner Endzeiterwartung, die mich ziemlich stark motivierte!

In Haifa lernte ich den Schweizer Martin Born aus Genf kennen, und wir verabredeten uns, bald ein Stück Weges gemeinsam zu reisen. Wir trafen uns später an der biblischen Negev-Oase En Gedi am Westufer des Toten Meeres, besuchten Masada (das letzte jüdische todesmutige, aber vergebliche Bollwerk der Widerständler gegen das römische Militär in Palästina) und Elath am Roten Meer mit Blick auf ägyptisches Gebiet, die Sinai-Halbinsel, wo Moses auf dem Berg Sinai einst die Zehn Gebote vom "HERRgott", eigentlich JEHOVA Gott (JAHWE, JHWH elohim), in Empfang genommen hatte. Mit Martin Born blieb ich viele Jahre verbunden; er schickte mir regelmäßig Ansichtskarten aus der ganzen Welt, während er für das kurz zuvor (1971) in der Schweiz gegründete "World Economic Forum" reiste, unter dessen Dach sich bekanntlich die Führer dieser Welt regelmäßig treffen.


RÜCKBLiCKE, 1972 – 1977

Wiesbaden, eine der charmanten Städte am Rhein, wird ab Oktober 1972 meine zweite Heimat. Wieder lebe ich nicht weit von einem berühmten Fluss – Wasser scheint mein Element zu sein!

"Bethel"-Mitarbeiter

Am 14. Oktober 1972 nehme ich meine hauptamtliche, gottesdienstliche, unentgeltliche (uneigennützige, altruistische) Tätigkeit als "Bethelmitarbeiter" im Zweigbüro der Watchtower Society / Wachtturm-Gesellschaft auf und habe vorläufig eine neue Adresse (bis zum Umzug der Gesellschaft nach Selters/Taunus): Wiesbaden-Dotzheim, Greifstraße/Am Kohlheck. Die Mitarbeiter sind Sondervollzeitdiener, die freiwillig ein gottesdienstliches Werk in der Druckerei und Buchbinderei, Verwaltung oder in anderen Bereichen verrichten. Innerhalb der Deutschlandzentrale bilden sie zunächst eine ordensähnliche Gemeinschaft für Sondervollzeitdiener, später und bis heute werden sie als ein religiöser Orden von staatlicher Seite anerkannt: "Orden der Sondervollzeitdiener der Zeugen Jehovas – Deutschland". (Inzwischen hat die Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen in Deutschland formal den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts in allen Bundesländern erlangt.)

Zunächst sorgte ich für klare Sicht im Haus (als Fensterputzer), das ich dadurch gut kennenlerne. Ab Dezember 1972 Arbeiten in der Großbuchbinderei (18 Monate an der Fadenheftmaschine und sechs Monate am Buchdeckenautomat), dann in der Expedition (1975, Versand und Literaturlager) und schließlich in der Handbuchbinderei (1976).

Ich erlerne als Handbuchbinder das Restaurieren und manuelle Einbinden von Büchern, zum Beispiel aus der Hausbibliothek, durch Buchbindermeister Harald Köhler. Danach erneut Arbeit an der Fadenheftmaschine (an die mich der neue Dispatch Peter Mitrega, der Nachfolger von Heinrich Schürg, versetzte), während ich für die Handbuchbinderei verantwortlich bleibe. (Zwischenzeitlich Einteilung als Nachtwächter und befristete, saisonbedingte Büroarbeit mit Handzettel-Bestellungen für die allgemeinen Zusammenkünfte in den Königreichssälen der Zeugen Jehovas, für Sondervorträge und das jährliche "Gedächtnismahl" oder Abendmahl des Herrn zusammen oder unter Aufsicht von Klaus Peinecke vom "Bethelbüro".)

Meine spezielle Büchersammlung, darunter ursprachliche biblische Handwörterbücher, hatte ich ins "Bethel" Wiesbaden mitgenommen. Eines Tages klopfte es an meiner Zimmertür, ein Mitarbeiter trat ein. Er habe erfahren (vermutlich durch eine der "Haushaltsschwestern", die unsere Zimmer putzten), dass ich verschiedene althebräische Wörterbücher besitze, und er würde sie gern haben wollen, da er (offenbar während seiner Arbeitszeit im Korrektorat, sicherlich auch in seiner Freizeit) Althebräisch lerne. In meiner Gutmütigkeit stimmte ich zu, er könne sich zumindest ein (seltenes) Exemplar als Geschenk heraussuchen, was er auch tat und dazu bemerkte: "Du brauchst die Wörterbücher ohnehin nicht!" Ich erwiderte: "Der Tag wird kommen, wo ich sie (ge)brauchen werde!" Er grinste daraufhin nur. (Einige Jahre später kam "der Tag", siehe unten, als ich für die Beantwortung "biblischer Fragen" für die Organisation in Deutschland zuständig wurde. Außerdem sollte ich mit dem Mitarbeiter arbeitsmäßig im Rahmen meiner Zeitgeschichts- und Gedenkarbeit 1996 bis 2008 noch zu tun bekommen, was leider nicht immer erfreulich werden sollte.)

Übrigens, nach der Verlagerung meines Wohnsitzes 1972 von West-Berlin nach Wiesbaden (Hessen) wurde ich wehrpflichtig, und am 12. Januar 1977 dann als Kriegsdienstverweigerer anerkannt.*

* Die Kriegsdienstverweigerung der Zeugen Jehovas in der Bundesrepublik Deutschland, also nicht nur unter den Diktaturen, hat eine bemerkenswerte Geschichte. Ein Forschungsthema, dem ich durchaus ebenfalls gern meine Aufmerksamkeit gewidmet hätte. Die meisten Zeitzeugen, die in der BRD als Wehrdienstverweigerer ihre Strafe im Gefängnis abgesessen hatten (die Haftbedingungen in der DDR für Zeugen Jehovas sind keineswegs mit denen in der BRD zu vergleichen), waren ja wohl noch am Leben, aber für dieses Thema reichte meine Zeit leider nicht mehr.

Als West-Berliner war ich allerdings zunächst vom Wehrdienst freigestellt und wurde später als "hauptamtlich tätiger Geistlicher" (Diakon) befreit. An meinem neuen Wohnsitz Wiesbaden bescheinigte mir der dortige "Prüfungsausschuß für Kriegsdienstverweigerer" am 12. Januar 1977 die Berechtigung, "den Kriegsdienst mit der Waffe zu verweigern". Meine Begründung für die Ablehnung des Wehr- und Kriegsdienstes lautete: "1. Dieser Dienst ist für mich eine untragbare Gewissensbelastung. 2. In strikter Neutralität halte ich mich allen 'Angelegenheiten dieser Welt' fern." Kurz darauf, am 23. März 1977, teilte mir das Bundesamt für den Zivildienst in Köln auf Grund einer Bescheinigung der Wachtturm-Gesellschaft mit, dass ich "gem. § 10 Abs. 1 Ziff. 3 Zivildienstgesetz [§10 Befreiung vom Zivildienst: "... hauptamtlich tätige Geistliche anderer Bekenntnisse, deren Amt dem eines ordinierten Geistlichen evangelischen oder eines Geistlichen römisch-katholischen Bekenntnisses, der die Diakonatsweihe empfangen hat, entspricht"] vom Zivildienst befreit bin und "auch nicht mehr der Zivildienstüberwachung gemäß § 23 Zivildienstgesetz" unterliege.

Wissensdurst und Reiselust

Vom 5. bis 25. September 1973, also bereits nur fast ein Jahr nach Beginn meiner Tätigkeit als "Bethelmitarbeiter", unternehme ich eine Privatreise zum internationalen Kongress der Zeugen Jehovas auf Puerto Rico mit einem Besuch der Jungferninseln (Virgin Islands, USA). (Für die besondere Kongress-Reise 1973 gewährte mir der damalige deutsche Leiter des Werkes, der Amerikaner und Gilead-Missionar Richard Kelsey, ausnahmsweise fehlende Urlaubstage im voraus, obwohl mir als neuem Mitarbeiter formal noch nicht die volle Urlaubslänge zustand.)

Das war sozusagen ein Reise-Schnäppchen, ich konnte nicht widerstehen, und die Gelegenheit, erstmals New York City, die Weltzentrale der Zeugen Jehovas dort und zusätzlich die Karibik kennenzulernen! Und das kam so:

Die enorm billige Watchtower-Kongreßreise (die ich mir problemlos leisten konnte) von New York nach Puerto Rico mit Ausflugsmöglichkeiten vor Ort war am Anschlagbrett im "Bethel" zusammen mit anderen Billigreisen für Mitarbeiter des Hauses als Kongreßdelegierte bekannt gegeben worden, und ich meldete mich einfach für den Kongreßbesuch in Puerto Rico als Delegierter an. Nun musste ich nur noch rechtzeitig die Reise von Deutschland nach New York und zurück schaffen!

Als Ausflüge vor Ort in San Juan, der Hauptstadt von Puerto Rico, neben dem Kongreßbesuch, wählte ich für ein paar Dollar einen Besuch der "Casa Bacardi" (Bacardi Rum Destillery) mit Besuch einer historischen Küstenfestung – der Blick von dort auf das weite blaue Meer unter dem scheinbar unendlichen blauen Himmel war grandios. Außerdem, mit Übernachtung bei Einheimischen, die angebotene billige Flugreise von Puerto Rico zu den Jungferninseln (Virgin Islands, USA). Die Inselgruppe war ein reizvolles Ziel, und die Erwartungen auf türkisblaues Meerwasser, palmengesäumte Strände und den Flair einer stillen kleinen Karibikinsel wurden auch nicht enttäuscht! (Abgesehen von einem heftigen Sonnenbrand an beiden Unterschenkeln als ich dort am Meer am Sandstrand im Schatten einer Palme lag, in der Hitze des Tags einschlief und nicht merkte, wie die heiße Sonne am Himmel wanderte, meine Beine dann nicht mehr im schützenden Schatten lagen und sie etwas "ansengten". Doch das ging auch vorüber, in New York waren die Schwellungen fast nicht mehr zu spüren ...)

Als Andenken an die paradiesischen Palmenstrände der kleineren Karibikinselgruppe kaufte ich mir damals für wenig Geld eine der dort angebotenen rosa Riesenmuscheln (Lambi, Fechterschnecke), noch mit unbearbeitetem, zerbrechlich rohem Rand. Folglich transportierte ich sie auf dem Rückweg mit großer Sorgfalt und Vorsicht im Handgepäck, zuerst ging es mittels Kleinflugzeug mit Propellerantrieb* zurück nach Puerto Rico und dann im Jet nach New York und Frankfurt/Main. (Das rosa schimmernde Gehäuse steht noch heute als Dekostück auf meinem Schrank, neben den russischen Matrjoschka-Puppen aus dem Kaufhaus GUM am Roten Platz in Moskau, Großmutters alter mechanischer Tischuhr im Holzkasten und anderen Erinnerungsstücken. Dazu gehört auch ein kleines Porzelankätzchen, das ich als West-Berliner Ferienkind Anfang der 60er Jahre von meiner schwedischen Gastfamilie in Lund mitbekommen hatte.)

* Zum Kleinflugzeug fällt mir gerade eine Episode vom Rückflug sein. Neben mir sitzt ein einheimischer Geschäftsmann, wie sich noch herausstellen wird. Ich sitze etwas eingeklemmt mit meinem Handgepäck zwischen den Knien, darin die Riesenmuschel, und mit schmerzendem Wadensonnenbrand an der Fensterseite neben der rechten Tragfläche, kann den lauten Propellerantrieb des Kleinflugzeuges sowie das weite blaue karibische Meer beobachten und genieße den nicht alltäglichen Überflug über manch kleine grüne karibische Trauminsel mit Palmen und weißem Sandstrand. So sehe ich auch aus dem Fenster auf meiner Seite, wie aus dem Propellerkasten der Tragfläche plötzlich Feuerstrahlen schlagen! Wenn wir jetzt abstürzen, denke ich, wie kriege ich meine Muschel heil nach Hause? Ich stoße meinen Sitznachbarn an, deute mit der Hand auf die Flammen, und der flucht etwas, glaube ich, ich selbst bleibe gelassen und ruhig dabei, das steckt in mir so drin. Wie die Flammen am Propeller aufkamen, so verschwanden sie auch wieder. Wir landeten sicher und problemlos auf Puerto Rico, und beim Verabschieden reichte mir der Mann neben mir freundlich seine Visitenkarte. Vielleicht ist es ja gang und gäbe, dass Propeller von Kleinflugzeugen ab und zu Feuer spucken? Ich weiß es nicht.

Mit einem ABC-Billigflug, wie die preiswerten Flüge seinerzeit bezeichnet wurden, reiste ich ebenfalls sehr kostengünstig zuerst nach New York, bevor es wie oben beschrieben nach Puerto Rico zum internationalen Kongreß weiterging. Dort im damaligen Watchtower-Hauptbüro in Brooklyn N.Y., in einem der zahlreichen Gebäude, Columbia Heights 107, durfte ich als Mitarbeiter frei übernachten, was übrigens auf alle Watchtower-Zweigbüros und "Bethel" weltweit zutraf, einschließlich auch den Kongreßsälen der Zeugen Jehovas in einem Land. So nutzte ich später zum Beispiel den Kongreßsaal in Fort Lauderdale für einen Urlaubsbesuch in Florida, USA. Man durfte also in Bethelheimen seine Urlaubstage verbringen und auch, wenn man wollte und es zeitlich passte, an den Mahlzeiten im "Bethel"-Speisesaal teilnehmen, was ich in der Regel aber nicht wahrnahm. (Solche freien Reiseunterkünfte als Bethelmitarbeiter in vielen Ländern waren natürlich etwas ganz Besonderes für mich, zumal es sich auch immer um sehr saubere mit Lokalkolorit dekorierte, gastfreundliche Einrichtungen mit sehr freundlichen Mitarbeitern handelte. Daran denke ich noch heute gern zurück.)

Begeistert schließe ich mich in der Weltzentrale den "Bethel"-Besichtigungstouren durch die große Druckerei, Buchbinderei, den Versand und viele andere Abteilungen in mehreren großen Gebäuden in Brooklyn an. Ein Watchtower-Redaktionsmitglied, Reinhard Lengtat, führte mich freundlicherweise privat nicht nur über die Brooklyn Bridge nach Manhattan den Broadway entlang zum Time Square und Theaterviertel (Jahrzehnte später sollte ich dort das Musical "Les Misérables" besuchen, "Phantom of the Opera" war leider ausverkauft – holte ich dann in London und Berlin nach), sondern auch durch die Redaktionsabteilung (engl. Writing Department, "Schreibabteilung" in Deutsch genannt) im Hauptbüro, Columbia Heights 124 (das historische Gebäude ist heute verkauft), zeigt und erklärt mir seinen interessanten Arbeitsplatz. Hier traf ich zum erstenmal Gene Smalley, einen weiteren Mitarbeiter der Schreibabteilung im Hauptbüro.

Die Bürotour weckt meine Wertschätzung und Begeisterung für diese Art Schreibarbeit oder Texten! Leider gab es eine solche Abteilung im deutschen "Bethel" in Wiesbaden (noch) nicht. (Der Kontakt zu Reinhard Lengtat kam anlässlich seines Besuches kurz zuvor in Wiesbaden zustande, "eingefädelt" durch eine langjährige, fürsorgliche Schweizer Mitarbeiterin, Alice Berner, die mit ihm bei der Übertragung der "New World Translation of the Holy Scriptures" ins Deutsche zusamenarbeitete, und mich, den Jüngling, in der großen Stadt New York etwas aufgehoben wissen wollte.)

Die Redaktionsmitarbeiter, darunter Gene Smalley, äußern sich bei meinem Besuch sehr beeindruckt über ein kurz zuvor aus dem Zweigbüro Wiesbaden eingetroffenes und von dem ehemaligen Landesleiter Konrad Franke (1909–1983) verfasstes Manuskript mit dem Geschichtsbericht Deutschland für das geplante Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974 – den Großteil nimmt die Verfolgungsgeschichte ein.

Nach meiner Rückkehr in Wiesbaden kann ich Konrad Franke über die positive Reaktion im Brooklyner Hauptbüro erzählen (wir sitzen gerade am selben zugeteilten Tisch im "Bethel"-Speisesaal). Darüber freut er sich sichtlich und mit strahlenden Augen. Ich verhehle nicht, was die Glaubensbrüder in Amerika gesagt hatten: Der Bericht sei sehr "glaubensstärkend", aber viel zu lang und müsse gekürzt werden, was Franke aber nichts ausmachte. (Zehn Jahre später erlebe ich, wie umfangreich Konrad Frankes Beschaffung und Auswertung von Originalquellen Verfolgter wirklich gewesen war, ein Kulturerbe von unschätzbarem Wert, das mein Leben nachhaltig beeinflussen sollte!)

Übrigens war der Übersetzer des zu langen deutschen Manuskriptes ins Englische ein Amerikaner und Gilead-Missionar der Zeugen Jehovas, der zu diesem Zeitpunkt in Deutschland als reisender Aufseher die Gemeinden ("Kreisaufseher" und "Versammlungen" genannt) besuchte und den Auftrag für die Übersetzungsarbeit neben seiner Reisetätigkeit erhielt. Sein Name: Ramon Templeton. Wie er mir später erzählte, saß er damals auf seinen dienstlichen Reisen zeitweise viele Stunden in seinem Auto während die besuchten Zeugen der Ortsversammlung von Haus zu Haus "predigen" (verkündigen) gingen, eine Reiseschreibmaschine auf den Knien, und tippte seine Übersetzungen ins Englische ab. Die Verfolgungsberichte berührten ihn stark und zehrten an ihm – er habe bald selbst im "Konzentrationslager" mitgelitten, meinte er. (Die Folge war, dass er fast nichts mehr von den NS-Verfolgungsberichten wissen wollte, was meiner Arbeit Jahre später eine unerwartete Wende geben sollte!)

Ich nehme in meiner Freizeit privaten Fernunterricht in Englisch, belege einen Kurs in Französisch, zwei VHS-Semester in Altgriechisch. Autodidaktische Beschäftigung mit Publizistik und Werbung. Erstmals eine Anzeige (eine Gefälligkeit von meiner Seite für einen Bekannten) in einer Fachzeitschrift für Büroartikel anonym, privat und unentgeltlich veröffentlicht (Mai 1977). (Irgendwie musste ich meinen Wissensdurst stillen, der durch das Bibelstudium im Haus, die Arbeit in der Großbuchbinderei oder in anderen Abteilungen (noch) nicht befriedigt wurde!)

… und was man(n) sonst noch hat

Wissens-Durst, Fern-Weh, Reise-Fieber, Liebes-Hunger – was man nicht alles hat. Und wie stand's um das Letztgenannte? Hier soviel zu diesem Thema: Christopher Freys Beobachtung, "Nichts kann so phantastisch sein wie die Wirklichkeit", erlebte ich in beeindruckender Weise zwar in der Natur und auf Reisen an fremde Orte, aber nicht beim anderen, "fremden" Geschlecht – die "Wirklichkeit" zerstört (noch) mein romantisches idealisiertes Frauenbild. (Bin nicht nur hochsensibel, sondern war damals dazu noch ein realitätsfremder "Träumer" sozusagen ... 😑)

Da ist ein hübsches Mädchen mit langem Haar in meinem Umfeld, die ich gar nicht (richtig) kenne, verliebt (nur) in ihr Lächeln, und mich trifft doch dann tatsächlich Amors Pfeil richtig – ein schmerzhafter Einschuss, ein Herzsteckschuss mit Fieber, denn die "Liebe" (Verliebtheit) ist quasi nicht vereinbart, einseitig, findet in Abwesenheit einer der beiden Personen statt. Und Ernüchterung tritt (bei mir) ein, wenn man sich real nähert. (Je weniger man miteinander zu tun hat, desto mehr und größer wurden die Träume. Aus der Ferne sieht eben vieles anders aus, wie hier bereits am Anfang angedeutet.)

Die Realität, bei näherem Kontakt, zerstörte also (noch) meine Romantik oder die realitätsfremden romantischen Gefühle, und ich reimte im Januar 1974: "Da ist ein Schmerz in dieser Brust. | Mein Bild von dir ist ausgelöscht. | Der süße Traum war weggewischt, | allein durch deine Gegenwart." Die Verliebtheit steigert sich nur in Abwesenheit des "geliebten" Objekts. (Das bleibt sehr lange so und ich bleibe nicht unverschont von Herz- und Brustschmerz, Herzsteckschüssen und Herzfieber, was zwar für die Gesundheit abträglich sein kann, die innere Chemie einer Verliebtheit baut sich ja nur sehr langsam ab, manchmal erst nach Jahren (bei Teenagern soll das dagegen manchmal sehr schnell gehen), ansonsten jedoch keine Folgen für den weiteren Lebensweg hat. Gut so, bin eh zu jung zum heiraten!)

Wenige Monate später erwartet mich eine große Aufgabe. Ein Vorrecht, das ich mir heimlich gewünscht oder besser erträumt (um viel mehr lernen zu können), doch nicht erwartet hatte!


RÜCKBLiCKE, 1977 – 1978

Unerwartet eine neue Arbeitszuteilung im "Bethel" durch das Zweigkomitee erhalten:

Wechsel aus der "Fabrik", wie man sagte, also aus der Buchbinderei, 1977 zu einer Sekretärs- und Bürotätigkeit in der "Dienstabteilung" (engl. Service Department).*

* Die sogenannte Dienstabteilung ist die administrative innere geistliche Verwaltung der Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen in Deutschland (inzwischen K.d.ö.R., Körperschaft des öffentlichen Rechts in allen Bundesländern) bei der Wachtturm-Gesellschaft (eine religiöse Verlagsgesellschaft innerhalb der Religionsgemeinschaft) in Wiesbaden (später, nach Umzug, in Selters/Taunus).

Diese Abteilung im Zweigbüro nimmt Verwaltungsarbeiten und die geistliche Aufsicht wahr in Verbindung mit den örtlichen Gemeinden, "Versammlungen" genannt, ihrer Gründung, ihren Gebietsgrenzen und ihren regelmäßigen Besuchen durch reisende Aufseher. Alle Versammlungen im Land sind in Kreise und Bezirke eingeteilt, und die Kreis-, Bezirks-, Sonder- und internationalen Kongresse werden ebenso von der Dienstabteilung aus organisiert.

Schreibtischarbeiten

Ab April 1977 bin ich also der Sekretär von Edmund Anstadt in der Dienstabteilung, die unter der Leitung des bereits erwähnten Konrad Franke stand, dem früheren Leiter des Werkes, der für seinen Glauben im Konzentrationslager der Nationalsozialisten gewesen war.

Nach Tonbanddiktaten von Edmund Anstadt schrieb ich als Sekretär unzählige Briefe, in denen auf Anfrage oder Notwendigkeit zum Beispiel Eheangelegenheiten, Probleme oder Schwächen von Menschen und Gemeinden ("Versammlungen" genannt, siehe oben) sowie biblische oder organisatorische Lösungsvorschläge behandelt wurden. (War aber selbst kein Entscheidungsträger.) Durch diese Korrespondenz und die Einsicht in die Fälle und ihre Behandlung profitierte ich nebenher selbst als junger Mensch und konnte menschlich reifen.

Dazu kam im Laufe der Zeit die Arbeit mit der Verschriftlichung von Briefen nach Tonbanddiktaten von Willi Konstanty, der damals innerhalb der Dienstabteilung Briefe mit "biblischen Fragen" beantwortete. Mich faszinierte seine Art der Recherche, wie er Fragen analytisch auf den Grund ging, die biblischen Kontexte und ursprachlichen Originaltexte berücksichtigte und die Antworten formulierte. (Viel später wurde ich im Haus selbst für solche Fragen zuständig und musste sie schriftlich beantworten – aber ich hatte ja einen guten Lehrer gehabt.)

Während dieser Zeit erstmals nach einer Ausschreibung im Haus (man suchte Schreibtalente) ein Manuskript für einem Artikel verfasst (1978), der dann in der Zeitschrift Awake! / Erwachet! im Januar 1979 anonym veröffentlicht wurde – ich war überzeugt: Das Schreiben und Forschen überhaupt oder journalistische Tätigkeiten waren mein(e) Beruf(ung)!


RÜCKBLiCKE, 1979 – 1983

Erst im Frühjahr 1979 sollte mein Traum, für die Watchtower-Redaktion arbeiten zu dürfen, Realität werden.

Die deutsche Redaktionsabteilung, intern "Schreibabteilung" genannt (Writing Department), war erst einige Zeit zuvor im Haus (noch in Wiesbaden) eingeführt worden. Der oben erwähnte Ramon Templeton, inzwischen bzw. erneut selbst ein "Bethelmitarbeiter" geworden (nach Beendigung seiner Reisetätigkeit als "Kreisaufseher" im Land), war vor mir eine Weile der einzige Mitarbeiter dieses neuen Bereichs und wurde nun mein Abteilungsaufseher.

In der Redaktionsabteilung

Aber so schnell bekam ich keinen eigenen Schreibtisch oder ein Büro von Ramon Templeton zugewiesen. Meine sieben Sachen, in einem Karton verstaut, standen zuerst einige Monate lang unter einem Fenster in der umfangreichen "Bethelbibliothek" (Hausbibliothek), wo ich erst beginnen sollte zu arbeiten, was ich natürlich als Bücherwurm bereitwillig und begeistert tat!

Ab Mai 1979 also die Erfassung von Büchern und Drucksachen in der großen Hausbibliothek bei der Wachtturm-Gesellschaft. Fortan verwaltete und erfasste ich als Bibliothekar ebenso alle neuen Bücher in den Haus- und Abteilungsbüchereien in Wiesbaden und nach dem Umzug der Gesellschaft dann in Selters/Taunus (ab 1984) mittels der Dezimalklassifikation für Bibliotheken.

Durch eine Schenkung zahlreicher äußerst wertvoller und seltener antiquarischer Bibelübersetzungen, Konkordanzen und Bibelkommentare durch den befreundeten Architekten und Bibelsammler Wolfgang Uhlmann aus Frankfurt/Main wurde 1993 die große Hausbibliothek in Selters/Taunus und meine Recherchemöglichkeiten bereichert, so dass sogar durch Baumaßnahmen eine räumliche Erweiterung auf der "Bethelbibliotheks"-Etage im Verwaltungsgebäude erforderlich wurde. (Dem Studium und der Erfassung dieser Bibeln zusammen mit dem belesenen Uhlmann hatte ich als junger Mann bereits in den 1970er Jahren viele Wochenenden in seinem Haus in Frankfurt/Main gewidmet – was eine kleine Universität für mich war. Danke, Wolfgang!)

Jetzt, nach der Erfassung aller Bücher im Haus, bekam ich einen Schreibtisch in einer Bürozelle zugeteilt und wurde "seßhaft". Dazu die Aufgabe, ein umfangreiches Zeitungsausschnittarchiv neu thematisch zu organisieren und durch Aktualisierungen zu pflegen, was meine allgemeinen Kenntnisse vieler Wissensgebiete ebenfalls sehr erweiterte. (Die Sammlung war ursprünglich von der Übersetzungsabteilung als deutschsprachliche Fundgrube für Fachwörter und Begriffe angelegt worden; diese Abteilung überträgt alle englischen Watchtower-Schriften ins Deutsche, die gedruckt werden.)

Wir waren neben den lokalen Tageszeitungen auf überregionale Zeitungen, wie Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Die Zeit und andere sowie Zeitschriften und Magazine, wie Der Spiegel, Focus, GEO, National Geographic, Times und viele andere abonniert, die ich regelmäßig für unsere genannten Ablagen und nach verwertbaren Stoff für unsere redaktionelle Arbeit durchging. (Nebenher besuchte ich die Stadtbibliotheken in Wiesbaden und Frankfurt/Main, wo ich Zugang zu weiteren Printmedien hatte, wie Fachzeitschriften.)

Ein Bücherwurm lernt Schreiben

Ab Dezember 1979 erhalte ich (neben der Bibliothek und der Pflege der Zeitungsausschnittsammlung) die Arbeit als Sachbearbeiter und bin nun für die nächsten Jahre hauptverantwortlich für "biblische Fragen", das heißt externe Korrespondenz mit der Beantwortung von Fragen zu Bibeltexten und ihrer Auslegung, Anfragen fast jeglicher Art von Außenstehenden sowie "Leserfragen" – Fragen zu veröffentlichten Artikeln oder Schriften der Wachtturm-Gesellschaft sowie zur Geschichte der Religionsgemeinschaft in Deutschland (oder USA).

Einmal kam ein ausländischer Besucher (ein "Zonenaufseher", der Watchtower-Zweigbüros im Auftrge der leitenden Körperschaft im Hauptbüro inspiziert) in mein Büro und sagte: "Here is the man who knows all the answers!" (Du bist also der Mann, der alle Antworten weiß!) Ich erwiderte: "My job is not knowing but finding answers." (Meine Aufgabe ist, Antworten zu finden und nicht sie zu wissen.) (Bestimmt wäre ich kein guter Quizkandidat, denn ich kann offenbar Wissen und Erinnerungen oft nicht (sofort oder augenblicklich) abrufen. Scheinbar habe ich mir nichts gemerkt oder nichts gelernt, was in der Grundschule ein Problem war, dagegen nicht unbedingt in der Oberschule, aber bis heute hapert's noch damit.* Für dieses Defizit bin ich schon geringschätzig behandelt worden.)

* Kürzlich bemerkte ich in einer Antwortmail: "Nein, ich weiß um die genannten Theorien nicht, ich funktioniere anders. Mein Kopf gleicht vielleicht einer fast besenrein hinterlassenen Mietwohnung. Ein neuer Mieter stattet sie aus, wohnt kurz darin, zieht dann aus, und hinterlässt sie leer geräumt. An meiner Liste der Veröffentlichungen siehst du, wie viele 'Mieter' ich schon hatte. Zurück bleibt (fast) nichts. So bin ich gestrickt (worden)." Und sie erwidert: "Das Bild von der leergefegten Wohnung erstaunt mich - ich bin eher ein 'Erinnerungssammler', wenn man das so nennen kann. Mir sind gleich die vielen (echten) Wohnung eingefallen, in denen ich schon gewohnt habe. Aber mit bestimmten 'Phasen' des Lebens so umzugehen, das hat schon was, wenn's denn gelingt." Vielleicht gehöre ich auch eher zu den visuell räumlichen Lerntypen, also denke "anders", nämlich hauptsächlich in Bildern, doch kann ich hier auf das interessante Thema nicht näher eingehen ohne mich vorher intensiver damit auseinander zu setzen.

Zu dieser Zeit fielen neben den bibelwissenschaftlichen und exegetischen Fragen, zum Beispiel zu englischen oder deutschen Wiedergaben der Neuen-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift aus den Ursprachen Althebräisch (Aramäisch) und Altgriechisch (Koine), weitere Sachgebiete in mein Ressort: Öffentlichkeitsarbeit/Presse (damals von geringfügigem Umfang), Biologie (zB Evolutionstheorie und Schöpfungslehre), Bräuche/Feste (heidnische Wurzeln von Weichnachts-, Geburtstags-, Osterbräuchen usw., die von den Zeugen nicht gefeiert werden), medizinische Aspekte (optimale medizinische Behandlungen ohne Blut / blutlose Chirurgie). Die Ergebnisse gründlicher Recherchen flossen in manche Artikel ein.

Ich 'beobachte die Welt'

Dazu kam ab Januar 1980 und dann bis einschließlich Dezember 1985, also sechs Jahre lang, zweimal im Monat das Verfassen von Kurzartikeln in Deutsch oder Zusammenfassungen von sogenannten vermischten Nachrichten und aus vielen Wissensgebieten für eine eigene Rubrik, "Wir beobachten die Welt", in der deutschen Zeitschrift Erwachet! (zwei Beiträge davon übersetzte ich jeweils monatlich ins Englische für die Ausgaben, die von Brooklyn N.Y. aus weltweit publiziert wurden, also für die englische Rubrik "Watching the World", die dann in andere Sprachen übersetzt wurde) – immerhin ist Awake!,* damals wie heute (2016), eine der am weitestesten verbreiteten Zeitschriften der Welt!

* Die Wikipedia bemerkt (abgerufen am 14.08.2016): "Awake! is the second most widely distributed magazine in the world (after the Public Edition of The Watchtower), with a total worldwide printing of over 57 million copies in 106 languages per issue.[1]" [1] = https://en.wikipedia.org/wiki/Awake!#cite_note-1 (☞ externe Website).

Die deutsche Rubrik diente explizit nicht in erster Linie der Verkündigung, sondern der Information – ich schrieb also über Erstaunliches oder Wissenswertes aus der Tier- und Pflanzenwelt, über wissenschaftliche, medizinische, technische, archäologische Entdeckungen usw. oder über die Gefährlichkeit des Rauchens, Vorzüge des Stillens an der Mutterbrust und vieles mehr.

Den Stoff für die Rubrik fand ich in Zeitungen und Fachzeitschriften, die für unsere Hausbücherei abonniert worden waren, durch regelmäßige Besuche in Stadtbibliotheken (Wiesbaden und Frankfurt am Main) oder ich erhielt Ausschnitte von beauftragten Zeitungslesern aus ganz Deutschland zugesandt; ebenso steuerten die damaligen Watchtower-Zweigbüros in Wien (Österreich) und Thun (Schweiz) regelmäßig clippings bei, das heißt Zeitungsausschnitte von ausgewählten Artikeln, die ich übernahm und redigierte, wenn der Stoff für unsere Rubrik geeignet war.

Die Arbeit für die Rubrik "Wir beobachten die Welt" prägte meine bevorzugte Arbeitsweise, nämlich mittels Information und Fakten einen möglichen Nutzen (eine message, Botschaft) Lesern zu vermitteln. Vorzugsweise sollte der Leser eine Botschaft hinter der Nachricht selbst herauslesen, zum Beispiel Achtung vor der Natur und dem Leben zu haben (zB keine Abtreibungen), den gesundheitsschädlichen Tabakgenuss aufzugeben oder sich gesünder zu ernähren und mehr zu bewegen – also jetzt bitte Computer abschalten (bzw. Handy oder Notebook beiseite), aufstehen und Gymnastik oder einen Spaziergang machen! (Diese Methode sollte dann 1996 ebenso meine Arbeitsweise beim Script einer zeitgeschichtlichen Film- oder Videodokumentation sein, die mein Leben verändern sollte!)

Spannende Recherchen und Interviews

Ab 1984 schrieb ich die ersten Artikel für den Watchtower / Wachtturm – Lebensberichte von Verfolgten unter dem NS-Regime. Ebenso andere Artikel, zum Beispiel über das Schlüsselthema, welchen Nutzen Religionsgeschichte hat, wobei es um Martin Luther und die Reformation ging (1987). Oder für Awake! / Erwachet!, beginnend mit einem Artikel über die Passionsspiele in Oberammergau (vgl. unten).

Ohne Zweifel, ich bekam mit der Zeit immer mehr zu tun, und die Arbeit als Sachbearbeiter, Journalist und Sachautor (writer & researcher) war befriedigend und machte mir Freude!

Ramon Templeton, mein Abteilungsaufseher, war der offizielle "Awake! correspondent in Germany"; wir beide, er und ich, arbeiteten regelmäßig als Watchtower- und Awake!-Artikelschreiber (Journalisten, Reporter), oder wir lieferten Manuskripte für andere Veröffentlichungen direkt an die amerikanischen Körperschaften der Zeugen Jehovas, also die Watchtower Society / Watch Tower Society, damals Brooklyn, N.Y. / Pittsburgh, PA., USA, die hauptverantwortlichen Redaktionen und Herausgeber aller Wachtturm-Publikationen.

Im Laufe der Jahre folgte die anonyme Veröffentlichung zahlreicher Beiträge und Artikel unterschiedlichster Thematik (Rewriting-Prinzip im Writing Department in Brooklyn N.Y., also dort die Schlussredaktion,* etwa wie seinerzeit beim Magazin Der Spiegel) für die genannten Zeitschriften, u.a. auch zur Neuen-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift (engl./dt.) und für die Wachtturm-Zeitschriftenrubrik "Fragen von Lesern". Die in Englisch eingesandten Manuskripte wurden nach der Schlussredaktion und Bearbeitung im damaligen Hauptsitz Brooklyn N.Y. (USA) in Hunderte von Sprachen, einschließlich in Deutsch, übersetzt, dann gedruckt und weltweit verbreitet und gelesen.

* Jeder Zeuge Jehovas könnte, theoretisch ungeachtet seines Geschlechts und seiner Berufung innerhalb der Gemeinschaft, selbst wenn der Inhalt über eine reine Information hinausgeht und der religiösen Belehrung dient (intern "geistige Speise" genannt), der Hauptredaktion mit einem Manuskript zuarbeiten, da aus biblischer Sicht der Zeugen Jehovas die Kernorganisation, vertreten durch bzw. inzwischen identisch mit der leitenden Körperschaft (intern "treuer und verständiger Sklave", Matthäus 24,45) für die Herausgabe und Verteilung der "Speise" unmittelbar verantwortlich ist, während die Recherche und Vorbereitung der geistigen "Speise" durchaus durch andere erfolgen kann. Der eingereichte Stoff, der letztendlich durch den "Sklaven" veröffentlicht wird, wird ohnehin vorher sorgfältig geprüft, bearbeitet, geändert, erweitert usw.

Die vielen Recherchen stillen meinen Wissensdurst und ich lerne dabei, learning by doing, Informationen zu sammeln, auf ihren Wahrheitsgehalt und Nutzen hin zu prüfen und in einem allgemeinverständlichen Manuskript mit dem Ziel der Veröffentlichung für eine weltweite, bunte Leserschaft zu verarbeiten.

Die Arbeiten als Erwachet!-Journalist oder Reporter waren mit Interviews interessanter Menschen verbunden, wie dem damaligen Leiter der Passionsspiele in Oberammergau, dem Holzschnitzer Hans Maier und mit einem seiner Jesusdarsteller, die sich bereitwillig sprechen ließen (1984).

Oder mit dem bekannten Gitaristen Ricky King alias Hans Lingenfelder (1988), eine sympathische Persönlichkeit, übrigens ein Zeuge Jehovas, ähnlich wie zwei andere bekannte Musiker und Sänger, zumindest deren Mütter und sie selbst wie ich waren eine Zeitlang aktive Zeugen Jehovas, nämlich Michael Jackson (1958–2009) und Prince (1958–2016). In diesen Kreis gehört auch Oliver Pocher, der als Sänger, Komiker, Moderator und Schauspieler bekannt ist.


RÜCKBLiCKE, 1984

Meine dritte Heimat wird durch den Umzug der Wachtturm-Gesellschaft Niederselters in der Gemeinde Selters/Taunus (ab Dezember 1983), diesmal nicht am Wasser gelegen – das heißt eigentlich doch, der Ort ist nämlich die Heimat von "Urselters" – im Englischen sagt man bis heute seltzer für Mineralwasser!

Ich lebte noch immer in Hessen, aber nicht unbedingt unter Hessen, da sich die große "Bethelfamilie" aus Angehörigen vieler Nationen und deutscher Bundesländer zusammensetzt. Natürlich lernte ich im Laufe der Zeit viele Hessen außerhalb meiner Arbeitsumgebung kennen und schätzen. Es gibt überall solche und solche Menschen, ich mag lieber solche.

Ein "Paradies"

Im Jahr 1984 fand also der Umzug der Wachtturm-Gesellschaft und ihrer Einrichtungen von Wiesbaden nach Selters/Taunus statt – in einen großflächigen neu erbauten Wohngebäude- und Bürokomplex mit parkähnlichen Grünanlagen, Wäldchen und einem kleinem Schwimmbad sowie mit moderner Druckerei, Großbuchbinderei und automatischen Buchfertigungsstraßen, Werkstätten (Installation, Malerei, Schlosserei, Kfz-Werkstatt u.a.), graphischen und anderen Abteilungen, Großküche mit geräumigem Speisesaal für die damals über 1.000 Mitarbeiter, Großwäscherei, Änderungsschneiderei u.a. mehr. Das war eine wunderschöne Arbeits- und Wohnstätte, ein kleines vorweg genommenes friedliches "Paradies"!

Etagen in einem der Wohngebäude in Selters/Taunus dienen der Kranken- und Altenbetreuung, so dass für die lebenslange Versorgung der Ordensangehörigen gesorgt ist (sofern sie den Orden nicht verlassen, was bei mir dann Ende November 2008 der Fall war).

Ein Werktag im "Bethel" begann damals mit dem Pflichtbesuch im riesigen lichten Speisesaal um 7 Uhr bei der Besprechung des "Tagestextes", eines Bibeltextes (15 Min.), und anschließendem Frühstück (15 Min.). Arbeitsbeginn war um 8 Uhr. Mittagessen im Speisesaal um 12 Uhr, die Pause verbrachte man auf seinem bewohnten Zimmer (ich brauchte oft ein Nickerchen) oder mit Kaffeebesuchen bei Mitarbeitern auf ihrem Zimmer. Weiterarbeit ab 13 Uhr, 17 Uhr Arbeitsende. Abendessen im Cafeteria-Stil im Speisesaal (sofern man das wolle, man konnte die Speisen ebenso auf sein Zimmer mitnehmen). Der geschmackvoll eingerichtete Speisesaal in Selters/Taunus war so groß, daß er den tausend "Bethelmitarbeitern" (m/w) Platz bot.

An den Abenden jeweils Besuch religiöse Zusammenkünfte: Im Haus montags Wachtturm-Studium der "Bethelfamilie" und ggf. anschließend ein biblischer Vortrag (insgesamt dann ein bis fast zwei Stunden). In den zugeteilten Ortsgemeinden, zu meiner Zeit noch Dienstag ("Versammlungsbuchstudium", inzwischen verkürzt am Sonntag) und Donnerstag oder Freitag ("Theokratische Predigtdienstschule" und "Dienstzusammenkunft", insg. fast zwei Stunden, inzwischen abgeändert), am Sonntag Öffentlicher (Biblischer) Vortrag und Wachtturm-Studium (insgesamt fast zwei Stunden).

Am Samstag (halber Arbeitstag) und an freien Abenden dann Verkündigungstätigkeiten in einem zugeteilten Wohngebiet der Ortsversammlung, "Predigtdienst" genannt (etwa zwei Stunden oder mehr, hinzu kommen die Fahrzeiten).

Ein ausgefüllter Zeitplan für "Bethelmitarbeiter"? Ohne Frage und doch blieb noch Zeit neben der gottesdienstlichen Tätigkeit (auf die man sich voll konzentrieren konnte, weil die Einrichtung uns häusliche Arbeiten, wie Wäschewaschen, Zimmerputzen und die Zubereitung von Mahlzeiten abnahm, was nach meinem Weggang im "Bethel" etwas anders gehandhabt wird) für viele private Aktivitäten, wie Lesen, Musik, Sport, Wandern, Radfahren usw.

Ich habe von Anfang an nie bestritten, dass der Lebensrhythmus im "Bethel" nicht dem meinigen entsprach, und doch habe ich sehr gerne persönliche Opfer gebracht, um meine Arbeit im "Bethel" tun zu dürfen.

Gute Erinnerungen

Die herrlichen tiefen Wälder des Hochtaunus, meine Wanderungen am schönen Rhein zwischen Rüdesheim und Boppard und die regelmäßigen Entdeckungsspaziergänge am Sonntag in der historischen Altstadt von Limburg an der Lahn (ich liebte den Fluss) mit seinen bunten Fachwerkhäusern und dem uralten Dom (erst 2008, als ich wegging, kam dort der später heftig umstrittene Franz-Peter Tebartz-van Elst bis 2014 ins Bischofsamt, was aber inzwischen sicher längst vergessen ist) verknüpfe ich mit meinem Leben in Selters/Taunus (Urselters). Und diese Bilder bleiben in angenehmer Erinnerung. (Heute habe ich neue schöne Ausflugsziele hier rund um Freilassing, Salzburg und im Landkreis "Berchtesgadener Land", an Saalach und Salzach, mit seinen geschichtsträchtigen Orten, worüber ich auf meinre Homepage "Stephan Wrobel" schreibe, wie es gegenwärtig Zeit und Umstände erlauben.)

Es gab natürlich auch Urlaubszeiten für die "Bethelmitarbeiter", die ich gewöhnlich mit Reisen verbrachte – wie 1977 eine Rucksackwanderung mit meinem Freund Jürgen entlang der irischen Küste im County Clare und zu den Cliffs of Moher (verbilligte Bahn- und Flugtickets von Wiesbaden zum Bahnhof Brüssel und von dort zum Shannon Airport; Rückreise über Paris, um meinen Freund Michael in Bourg la Reine und die "Mona Lisa" im Louvre zu besuchen).

Oder eine Autoreise mit Vier-Länder-Stationen (Schweiz, Spanien, Frankreich und Luxemburg), wobei die Costa Brava (mit einer wilden Zeltübernachtung) und Barcelona (mit Kurzbesuch bei Familie Gras) im Reisemittelpunkt standen – Übernachtungen jeweils in den "Bethel"-Heimen der Watchtower-Zweigbüros, bei Glaubensbrüdern, im Zelt oder in einer Frühstückspension. (Meine Reisen waren, wie oben bei Venedig erwähnt, stets Low-Budget-Unternehmungen!)

Ich denke vor allem noch gern an viele gute und liebe Menschen und Mitarbeiter dort und im "Bethel" Wiesbaden zurück, wie Maria Hombach, Trude und Konrad Franke, Gertrud und Martin Pötzinger (von 1977 bis 1988 ein Mitglied der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas im damaligen Hauptbüro in Brooklyn N.Y., engl. Governing Body), Elfriede Löhr, Änne und Heinrich Dickmann und viele viele weitere. Oder ich denke an Besucher und Menschen, die ich außerhalb des "Bethels" traf und später interviewte, wie Erich Frost, Ernst Wauer, Max Hollweg, Hans (Johannes) Neubacher, die Geschwister Kusserow und viele andere mehr.

Alle eben Genannten waren vom NS-Regime wegen ihres christlichen Glaubens, der mit den Forderungen im Nationalsozialismus unvereinbar war (zB mit "Heil Hitler" zu grüßen) verfolgt, inhaftiert, drangsaliert worden und knapp dem Tode entronnen, einige ihrer Verwandten ermordet, hingerichtet oder in Haft umgekommen! Und doch lernte ich sie als Persönlichkeiten kennen, die Freundlichkeit und Zufriedenheit ausstrahlten, die meisten von ihnen inzwischen verstorben. (Das bringt mich gleich wieder zum Thema Geschichtsaufarbeitung und Gedenkarbeit, zur Erinnerungskultur, der ich heute einige Webseiten für diese NS-Opfer und alle anderen NS-Opfergruppen widme, wie es meine Zeit und Umstände erlauben.)

Zuvor noch etwas: Durch den Ortswechsel von Wiesbaden nach Selters/Taunus war ich bald auch eine Zeitlang mit neuen Ortsversammlungen der Zeugen Jehovas als Ältester verbunden (neben meiner "Bethel"-Zugehörigkeit). Dazu gehörte Diez an der Lahn, wo ich vor Ort weitere Glaubensbrüder kennenlernte, eine Bereicherung – darunter die betagte Dorothea Karus, die einmal, noch als Schulmädchen, den berühmten Physiker Albert Einstein aus Ulm (1879–1955) getroffen hatte, die Anekdote gebe ich hier separat wieder. (Siehe ☞ Exkurs: Sie traf Albert Einstein. Ist Albert Einstein in der Schule "sitzengeblieben"?)

Erwähnenswert sind hier sicherlich ebenso die Angehörigen der Familie Schumann, die sich im Laufe ihres Lebens stets in Nachbarschaft von "Bethel"-Heimen oder Wachtturm-Zweigbüros ansiedelten, sei es in Magdeburg, Wiesbaden oder dann in Selters/Taunus, wie Gerhard Schumann, der wie sein Vater und Lehrmeister Wilhelm Schumann sowie sein (leider in Wiesbaden zu früh verstorbener) Bruder Günther begnadete Fähigkeiten in der Chiropraktik (Handheilverfahren durch Wirbeladjustierung) hatten – die freien Behandlungen von Günther und Gerhard Schumann waren mir gesundheitlich stets sehr hilfreich, was ich heute etwas vermisse. (Über Vater Wilhelm Schumann und andere schrieb ich später Biographien für das "Magdeburger Biographische Lexikon".)


RÜCKBLiCKE, 1985 – 1989

Noch 1984 begann ich auf Anweisung meines Abteilungsleiters Ramon Templeton den ersten Lebensbericht unter dem NS-Regime verfolgter Zeugen Jehovas für den Watchtower / Wachtturm zusammenzustellen.

Der Anstoß kam ursächlich durch ein Memo von der Hauptredaktion in Brooklyn N.Y., die an solchem Stoff aus Deutschland für ihre Zeitschrift sehr interessiert war und mehr davon von uns erhalten wollte; ab 1986 wünschten sie solche Lebensberichte von Verfolgten sogar für die Zeitschrift Awake! / Erwachet! (Ramon Templeton lag wie oben erwähnt der Verfolgungsstoff aus der brutalen NS-Zeit nicht, so daß er mir hier das Feld bei künftige Artikeln überließ; er schrieb dafür ausgezeichnete andere Artikel zu allen möglichen Themen.)

Lebensberichte als Schlüsselerlebnis

Bei meinem ersten zusammengestellten Lebens- und Verfolgungsbericht für eine Veröffentlichung handelte es sich um einen Artikel über die nationalsozialistische Verfolgung der gesamten Familie Kusserow aus Bad Lippspringe, und er erschien redigiert in Brooklyn N.Y. im Wachtturm am 1. September 1985, Seite 10 bis 15 unter dem Verfassernamen Magdalena Reuter geb. Kusserow (und übersetzt in zahlreichen anderen Sprachen weltweit in den entsprechenden fremsprachigen Ausgaben der Zeitschrift).

Ihre Schwester Annemarie Kusserow hatte seit der Befreiung aus der Haft 1945 zahlreiche Dokumente, Fotos, Briefe und andere Erinnerungsstücke über ihre verfolgte Familie aus der NS-Zeit sorgfältig gesammelt und archiviert. Die außergewöhnliche Sammlung in ihrem gastfreundlichen Haus in Eschborn ging weit über das hinaus, was der oben erwähnte Konrad Franke als Gesamtbericht von der Familie für seine Recherchen zum Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974 erhalten hatte!

Sieben Jahre später, 1991, greift Martin Smith in England (Starlock Pictures) in einer TV-Filmreportage für die BBC das Familienschicksal der Kusserows auf. Später erscheint sein ergreifender Filmbericht auf Video und DVD. Die Watchtower Society übernimmt sogar den Film in ihr Videoangebot, und so wird die Familie Kusserow nicht nur durch ihren Verfolgungsbericht im Watachtower / Wachtturm zahlreichen Menschen weltweit bekannt. (Der Videofilm von Martin Smith war quasi ein Vorläufer der Videodokumentation "Stand Firm"/"Standhaft trotz Verfolgung", an der ich dann Anfang 1996 in Brooklyn N.Y. arbeiten durfte und die mein Leben verändern sollte!)

Nach der Veröffentlichung des Artikels über die Familie Kusserow folgten weitere Recherchen und Artikel von meiner Seite über/von verfolgten Überlebenden und einst Inhaftierten, einige sogar als Doppeltverfolgte, also verfolgt unter beiden deutschen Diktaturen, zum Beispiel Richard Rudolph und andere, wie Eduard und Ruth Warter (1987), Charlotte Müller (1997), Maria Hombach (1989), Ernst Wauer (1991) und Josef Rehwald (1993). Einige wenige nach Brooklyn gesandte Artikel mit Lebensberichten wurden letztendlich nicht veröffentlicht, weil die Personen leider zwischenzeitlich verstorben waren, zum Beispiel Johannes Schindler (Frankfurt/Main) oder Erna Ludolph (Lübeck) bzw. mancher Stoff präsentiert sich heute umgearbeitet in der vielsprachigen Online-Bibliothek der Watchtower Society bzw. Wachtturm-Gesellschaft (jw.org).

Die Arbeit an den ersten Lebensberichten von Verfolgten war ein Schlüsselerlebnis für mich! Solche Artikel erforderten eine tiefere Beschäftigung mit dem Thema staatliche Verfolgung mit allen ihren Hintergründen und ihren Folgen für die betroffenen Bibelforscher (Zeugen Jehovas), damit die Ausarbeitungen sachlich und zeitgeschichtlich korrekt waren.

Ich beschließe und unternehme daher, um mich sachkundig zu machen (auch im Rahmen meiner Beantwortung von "Leserfragen", die geschichtliche Fragen betreffen konnten), intensivere persönliche Forschungen zur Geschichte der deutschen Bibelforscher in den USA und in Deutschland ab 1870 (Studium der in der "Bethelbibliothek" vorhandenen alten Jahrgänge von Wachtturm, Watchtower, Goldenes Zeitalter, Golden Age und anderen Watchtower-Quellen ab den ersten gedruckten Ausgaben).

Und dann vor allem Studium der vorhandene Quellen zu ihrer Verfolgung und Ermordung unter den Diktaturen der NS- und DDR-Zeit. Aus diesem Grund entschließe ich mich anläßlich eines Berlin-Besuches und auf dem Ludwig-Barnay-Platz, siehe oben, für mich das private Forschungsprojekt "lila Winkel" ins Leben zu rufen, um die Grundlagen für die Verwirklichung dieses Vorhabens zu schaffen – fast eine Lebensaufgabe!

Quellen als Kulturerbe

Neben den Lebensberichten geben noch andere Faktoren den Anstoß zur Geschichtsaufarbeitung: Ich bekomme im August 1985 einen Arbeitscomputer ins Büro gestellt! (Mit Computerhilfe gelang der enorme Arbeitsaufwand und die hilfreiche Verknüpfung von gesammelten Informationen, denn ich selbst verfüge sicher über kein gutes Erinnerungsvermögen.)

Und ich bekomme unerwartet Zugriff auf die größte Sammlung hand- und maschinenschriftlicher Originalberichte von Verfolgten mit Dokumenten (Primärquellen) – sie befinden sich im Nachlass des ehemaligen Leiters Konrad Franke und waren von ihm für den umfassenden Verfolgungsbericht im Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974 deutschlandweit gesammelt (wie oben erwähnt), mit Einbeziehung der Zweigbüros in der Schweiz und Österreich, und dann punktuell für sein Jahrbuch-Manuskript ausgewertet worden.

Nach dem Ableben von Konrad Franke am 31. Juli 1983 übernahm mein Arbeitsbereich, die "Schreibabteilung" (Redaktionsabteilung), seine Quellen-Sammlung (die Ordner waren in etlichen Kartons in seinem Büro unzugänglich für andere verstaut), um sie möglicherweise für Lebensberichte zur Veröffentlichung im Wachtturm zu verwenden, was dann, wie oben erwähnt, mit dem Kusserow-Artikel 1984/85 begann.

An eine Weitergabe dieser Quellen an Außenstehende, zum Beispiel Historiker, wurde nicht gedacht. Die Berichte aus Privathand, die vielfach zusätzlich die Zeit vor 1933 (oder auch nach 1945) behandelten, sollten ursprünglich nur dem Jahrbuchbericht 1974 dienen und galten als intern (d.h. sie sollten mit Sachverstand behandelt und von Gegnern nicht missbraucht werden können). Sie konnten ohnehin nicht vor der Sichtung und Erfassung, was aus Zeitgründen dann lange auf sich warten ließ, herausgegeben werden. (Konrad Franke hatte die Verfasser aufgefordert, das Original an ihn und jeweils eine Kopie oder Abschrift bei sich zu verwahren, folglich waren viele dieser Augenzeugenberichte der Zeitzeugen im ganzen Land verstreut in Privathänden vorhanden. Er sprach sein ungekürztes Jahrbuch-Manuskript zusätzlich auf Tonband und deponierte Kopien davon an mehreren Stellen außerhalb des "Bethels", offenbar aus Sicherheitsgründen, falls in Westdeutschland, wie in der DDR erfolgt, eine staatliche Verfolgung kommen sollte.)

Mein Abteilungsaufseher, Ramon Templeton aus Kalifornien (USA), war grundsätzlich überhaupt nicht davon begeistert, den gesammelten deutschen Verfolgungsberichten größere Beachtung zu schenken. Ich befürchtete sogar, dass die Unterlagen, wenn sie einmal in "falsche" Hände geraten würden, aus Unwissenheit oder Ignoranz verloren gehen könnten.*

* Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 sollen die Originale vieler Verfolgungsberichte aus Deutschland ins Hauptbüro gesandt (darunter sicherlich über das KZ Buchenwald), so wurde mir glaubhaft berichtet, jedoch später im Auftrag des damaligen Watchtower-Präsidenten Nathan H. Knorr (1905–1977) vernichtet worden sein, da er einen Schlußstrich unter diese Geschichte ziehen und Einzelpersonen nicht besonders hervorgehoben werden sollten. (Es war Knorr, der Theodore Jaracz 1974 einlud, ein Mitglied der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas oder "Governing Body" zu werden, und mit Jaracz sollte ich etliche Jahre später noch auf dramatische Weise zu tun bekommen, was die Geschichtsarbeit betraf.)

Abgesehen davon, daß der Redaktionsbereich Writing in Brooklyn nach neun Jahren seine Unterlagen ohnehin in den Papierabfall warf, auch Fotos, so dass zB der Original-Brief (siehe unten) von Nobelpreisträger Thomas Mann als positive Expertise über das 1938 von der Watchtower Society veranlasste und in der Schweiz gedruckte Buch Kreuzzug gegen das Christentum, ein unschätzbares Zeitdokument zur NS-Verfolgung, bislang als verschollen gilt (vgl. mein Essay zum "Kreuzzug"-Buch, 2001).

Anders die Handhabung im obersten Verwaltungsbereich Executive, wo man Schriftverkehr offensichtlich bleibend aufbewahrte, so daß ich zB die Briefe und konkreten Anweisungen von Anfang 1933 zwischen Watchtower-Präsident J.F. Rutherford und Paul Balzereit, dem Leiter des Zweigbüros in Magdeburg, zum Sonderkongreß in Berlin-Wilmersdorf am 25. Juni 1933 und der "Erklärung" (engl. Declaration of Facts) an die Reichsregierung zu Gesicht bekam als ich Anfang 1996 in Brooklyn arbeitete. (Was ein wertvoller Input war, um danach Falschdarstellungen und Desinformation in Verbindung mit dem Berliner Kongreß von 1933 noch besser entgegen zu treten.)

Bei der Beantwortung von Anfragen von außen, so hieß es intern, sollten der Verfolgungsbericht im "Jahrbuch 1974" und/oder andere Wachtturm-Veröffentlichungen zum Thema (zB Lebensberichte) quasi "genügen" und konnten ggf. als Fotokopien versandt werden. (Allerdings waren die Wachtturm-Quellen überwiegend mit der Absicht der religiösen Verkündigung und Ermutigung der Mitgläubigen verfasst worden. Diese Berichte waren aus der Sicht der Opfer geschrieben, was an sich überhaupt kein Problem darstellt, doch sie enthielten nicht unbedingt viele Details, die der zeitgeschichtlichen Forschung hätten dienlich zu können, weil bei ihrer Abfassung nicht an Gedenkstätten, Museen oder Historiker gedacht worden war, sondern an die religiöse Erbauung und an ein "Zeugnis" der Standhaftigkeit für Außenstehende.)

Eine andere Möglichkeit, Anfragen zur Verfolgung mit Quellen zu beantworten, gab es zu dieser Zeit nicht, abgesehen noch von externen Historiker- und Zeitzeugenarbeiten, die es in der zeitgeschichtlichen Literatur ab 1945 gibt, auch von Mithäftlingen der inhaftierten Bibelforscher. Erst ab 1993 steht das hervorragende Standardwerk Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im "Dritten Reich" von Dr. ☞ Detlef Garbe (externe Website) zur Verfügung, worauf ich in Teil II der Autobiografie kurz eingehe, also ebenfalls von einem Außenstehenden verfasst, dem langjährigen Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, heute Professor in Hamburg.

Außerdem wären die zeitaufwendigen unmittelbaren Befragungen von Zeitzeugen als Quellen in Frage gekommen, was zu diesem Zeitpunkt nicht praktikabel war, nicht zuletzt weil es dafür keinen Auftrag oder kein Projekt gab. Überhaupt galt intern eine geschichtliche Aufarbeitung der Verfolgungszeit als überflüssig. Viele Zeitzeugen schwiegen zu den ungeheuerlichen, heute beinahe unvorstellbaren Geschehnissen unter der braunen und der roten Diktatur in Deutschland. Und wenn überhaupt, war es ein kleiner Kreis oder vielfach erst die Generation der Enkel, die sich für das Schicksal ihrer verfolgten oder ermordeten Verwandten interessierten.

Dagegen sah ich jetzt eine einmalige Gelegenheit gekommen, meinen Jahre zuvor, Mitte der 1980er Jahre, gefassten Entschluß, eines Tages die Verfolgungsgeschichte der "vergessenen Opfer" öffentlichkeitswirksam aufzuarbeiten (privates Forschungsprojekt "Lila Winkel" bzw. "jwhistory", siehe oben) zu verwirklichen. Mit der Quellensammlung der Zeitzeugen bei Konrad Franke konnte ein wertvoller Fundus an ergreifenden und detaillierten Informationen aus erster Hand über die Verfolgung und zur Geschichte des Gemeinschaft insgesamt eingesehen und jeweils bei Bedarf ausgewertet werden. (Nämlich durch die nun vorhandenen zahlreichen Erinnerungsberichte von Augenzeugen aus Konzentrationslagern, Gefängnissen und dem Untergrundwerk sowie Berichte über die Anfänge der Verkündigungstätigkeiten und Versammlungsgründungen an vielen Orten in Deutschland vor und seit dem Ersten Weltkrieg.)

Das war meiner Meinung nach ein Kulturerbe von unschätzbarem Wert – sicher sogar ein Weltkulturerbe, das es dauerhaft zu bewahren und vor Ignoranten zu schützen galt! (Leider hätte in Selters/Taunus und in Brooklyn, das war klar, nicht jeder so empfunden und gedacht wie ich. Doch ich befand mich durch meine offizielle Arbeitszuteilung im "Bethel" in der glücklichen Position, mich nicht nur im Rahmen meiner Arbeit damit beschäftigen zu können, sondern auch in meiner Freizeit. Niemand sonst hatte zu den Unterlagen ohne weiteres Zugang, geschweige denn Interesse dafür, auch nicht mein Abteilungsaufseher, wie erwähnt.)

So werde ich zum Geschichtsforschenden (engl. historian, dt. Geschichtsschreiber, vgl. Historiker).

Zeitgeschichte im Fokus

Zur damaligen Zeit war das Interesse an der Thematik inzwischen enorm gestiegen, sowohl im allgemeinen (jüdische Enkel fingen an, ihre Großelternteile über den Holocaust zu befragen) als auch im besonderen innerhalb der Holocaust-Forschung, vor allem in den USA, und man rückte jetzt die "anderen Opfern" (the other victims) neben den jüdischen Opfern der Shoah besser ins Licht, was Zeugen Jehovas als NS-Opfergruppe einschloß. Darauf begann ein Mitarbeiter im Writing Department (Redaktion) in Brooklyn N.Y. zu reagieren – James N. Pellechia, der gleichzeiteig für die Public Relation Arbeit (Öffentlichkeitsarbeit) zuständig war. Er nahm Ende Oktober 1995 mit mir in Deutschland, dem Zusammensteller der Lebensberichte von Verfolgten für den Watchtowerse‪it 1984, telefonisch Kontakt auf – bei meinem Abteilungsaufseher Ramon Templeton traf er vorher auf wenig Resonanz, wie bereits oben angedeutet abzusehen war. Die Franke-Sammlung für das "Jahrbuch 1974" fiel ohnehin in meinen Bereich als Bibliothekar und Archivar (archivist) der "Schreibabteilung" oder Redaktionsabteilung im Zweigbüro, so dass sie für mich immer frei zugänglich war, auch in der Freizeit, woraus ich bereits bei Recherchen viele Informationen geschöpft und dank des Computers abrufbereit hatte. (Das sollte sich nun als sehr wertvoll und praktisch erweisen!)

Zu der Sammlung gehören die Untergrundberichte zu dem 1938 unter dem Verfassernamen Franz Zürcher veröffentlichten zeitgenössischen Schweizer Verfolgungsbericht und Buch Kreuzzug gegen das Christentum, das wie erwähnt einen bemerkenswerten Kommentar des Nobelpreisträgers Thomas Mann enthält. Er schrieb am 2. August 1938 über die Dokumentation der von den Nationalsozialisten an Zeugen Jehovas (Bibelforscher) verübten Verbrechen (Originalbrief verschollen, vgl. Kommentar oben):

"Ich habe Ihr so schauerlich dokumentiertes Buch mit grösster Ergriffenheit gelesen, und ich kann die Mischung von Verachtung und Abscheu nicht beschreiben, die mich beim Durchblättern dieser Dokumente menschlicher Niedrigkeit und erbärmlicher Grausamkeit erfüllte. [...] Auf jeden Fall haben Sie Ihre Pflicht getan, indem Sie mit diesem Buch vor die Öffentlichkeit traten, und mir scheint, einen stärkeren Appell an das Weltgewissen kann es nicht geben."

Thomas Mann brachte damit 1938 die Brisanz und den Wert der während der NS-Zeit unter Lebensgefahr in die Schweiz gebrachten Verfolgungsberichte der deutschen Bibelforscher oder Zeugen Jehovas auf den Punkt, und nach 60 Jahren waren sie nicht weniger wertvoll und wichtig!


RÜCKBLiCKE, 1989 – 1994

Dem Fall der Berliner Mauer und dem demokratischen Aufbruch in Osteuropa folgte die gesetzliche Anerkennung der Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen nicht nur in der DDR, sondern zum Beispiel auch in Polen, Ungarn (1989) und in weiteren Staaten, was die Aufarbeitung ihrer Verfolgungsgeschichte unter dem Kommunismus und Sozialismus beförderte (vgl. die Forschungen von Dr. Liddy Annegret Dirksen und das Standardwerk von Prof. Dr. Hermann Dirksen, während ich mich seinerzeit auf eine Facharbeit über Zeugen Jehovas im DDR-Strafvollzug konzentrierte).

Unter Beobachtung

Zuvor, noch während des Kalten Krieges, war eines meiner Anliegen, die gesteuerte perfide Desinformation und "Zersetzung [s.a. in Englisch und den Begriff im MfS-Lexikon]" des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS) gegen die Internationale Bibelforscher-Vereinigung und ihre Wachtturm-Gesellschaft, die Glaubensgemeinschaft Jehovas Zeugen, zu entkräften.

Denn durch die Beantwortung von "Leserfragen" und Anfragen aller Art wurde ich auch mit einer in Buchform in hoher Auflage und weit verbreiteten Pseudodokumentation im Auftrage des MfS gegen die Religionsgemeinschaft des öfteren konfrontiert und musste mich zwangsläufig bei meiner Arbeit damit auseinander setzen. Das DDR-Buch (Lizenzausgabe 1971 für die BRD) hatten/haben Pfarrer und Priester in Westdeutschland im Bücherregal stehen (was ich selbst beobachtet hatte), sicherlich froh etwas gegen die missionierenden, "lästigen" Zeugen Jehovas und ihre agile Wachtturm-Gesellschaft in der Hand zu haben.* Und zweifellos war das MfS-Machwerk in bundesdeutschen Bibliotheken und Schulbücherein vorzufinden, vielleicht noch heute (was zu überprüfen wäre [so schrieb ich ursprünglich vor Jahren hier und nehme an, dass dies heute nicht mehr der Fall sein wird!]).

* Das habe ich jetzt etwas überspitzt formuliert, um das Ausmaß der bösen "zersetzenden" Wirkung des sozialistischen DDR-Buches unter Menschen in der Bundesrepublik Deutschland aufzuzeigen und manche Vorurteile befeuerte, was mich damals ziemlich "gewurmt" hat. Im Laufe der Jahre traf ich natürlich objektive Geistliche und Mönche, die mit Respekt über die Rolle der Zeugen Jehovas während der NS-Diktatur und über ihren Missionseifer im allgemeinen gesprochen haben (das haben auch schon Päpste in Rom über die Zeugen zum Ausdruck gebracht). Und 1942 und 1945, während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, gibt es öffentliche lobende Äußerungen von Pastor Martin Niemöller (1890–1961) von der EKD und im Namen der Evangelischen Kirche in Deutschland über die Neutralität und das mutige(re) Bekenntnis der Bibelforscher oder Zeugen Jehovas während des Nationalsozialismus. Der Pastor wohnte übrigens in Dahlem in der Nähe meines West-Berliner Wohnsitzes und hatte in dem nicht weit entfernten Kirchlein von Schmargendorf gepredigt. Dazu gelegentlich mehr; hier vorab ein Zitat von Niemöller:

"Christen von heute stehen beschämt da vor einer sogenannten Sekte wie der der ernsten Bibelforscher, die zu Hunderten und Tausenden ins Konzentrationslager und in den Tod gegangen sind, weil sie den Kriegsdiest ablehnten und sich weigerten, auf Menschen zu schießen. Hier sollte es uns klar werden, wie an vielem anderen, daß wir, die Kirche und die Christen, heute zur Buße, zur Sinnesänderung aufgerufen sind, wenn wir weiterhin Gottes Wort verkündigen und Gottes Sache vertreten sollen!" (Ach Gott vom Himmel sieh darein: Sechs Predigten von Martin Niemöller, München 1946, zitiert nach Prof. Harold Marcuse, marcuse.faculty.history.ucsb.edu).

Seinerzeit war ein erklärtes MfS-Ziel, die in der DDR verbotene und verfolgte Religionsgemeinschaft (und ihre Leiter, zB Erich Frost [s.a. in Engl.], vgl. Literatur Dirksen, Hirch, Yonan) zu diskreditieren, zu schwächen oder zu vernichten, zumindest Leser zu verunsichern und Zweifel zu säen ("Zersetzung"). Schon den Nationalsozialisten und jetzt den Kommunisten wurde die Internationale Bibelforscher-Vereinigung/Jehovas Zeugen/Wachtturm-Gesellschaft wegen ihrer Internationalität, ihrem Hauptbüro in Amerika und ihrer politischen Neutralität und Nichtanpassung zum Hass-, Feind- und Verfolgungsobjekt.

Bei der Herausgabe der oben genannten Pseudodokumentation des MfS (Buch) hatte ein gewisser Stasi-Mitarbeiter aus Überzeugung (ehemaliger Zeuge Jehovas) und sein Name eine Rolle gespielt, dabei hatten die Autoren offenkundig Zugriff beim MfS zu internen Dokumentensammlungen und Gestapo-Verhörprotokollen gehabt (Abbildungen im Buch ohne Herkunftsangaben) und sie einseitig interpretiert, um von der Gestapo gefolterte leitende Zeugen Jehovas (im Untergrundwerk) als "Verräter" zu diskreditieren (während deren Integrität, zB von Erich Frost, während der KZ-Haft und danach unter den aktiven bzw. loyalen Zeugen Jehovas stets unbestritten gewesen war).

In Anbetracht der sozialistischen Ausdrucksweise und Diktion des Buches bemerkten oder ahnten manche DDR-Bürger beim Blättern darin sicherlich bald den Stasi-Hintergrund, doch im Westen war das offensichtlich anders und man nahm manche Sichtweise im Buch unbekümmert und meist ohne zu hinterfragen an, zum Beispiel über die angebliche "Anbiederung" der "WTG" (Wachtturm-Gesellschaft) an Hitler auf dem Sonderkongreß in Berlin-Wilmersdorf am 25. Juni 1933. Das Gegenteil war damals 1933 der Fall gewesen! Die Berliner Petition an die Reichsregierung, die von den anwesenden Kongreßdelegierten als Repräsentanten aus dem ganzen Reich angenommen wurde, war aus dem Englischen übersetzt worden (der Text stammte von Watchtower-Präsident Rutherford in Brooklyn N.Y., erschien später im englischen und deutschen Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1933 und war von seiner Diktion her biblisch-religiös und juristisch, nicht politisch formuliert), der erste Schritt der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung/Jehovas Zeugen in ihrem Kampf für Religionsfreiheit und gegen ihre Betätigungsverbote in Deutschland.*

* Danach, als die Verbote und Verfolgungen in Deutschland nicht aufhörten, und in den folgenden Jahren, sollten eine weltweite Protest-Telegrammwelle an die Reichskanzlei, zwei spektakuläre Flugblattaktionen aus dem Untergrund heraus organisiert und 1938 schließlich eine Verfolgungsdokumentation mit dem Schweizer Buch Kreuzzug gegen das Christentum in Deutsch und Polnisch veröffentlicht und verbreitet werden.

Und selbst nach der Wende und friedlichen Revolution in der DDR, vielleicht zur Rechtfertigung oder aus Gewohnheit, wurde Berufskritiker und die Zeugen-Jehovas-Opposition nicht müde, sich weiter "aufklärerisch" über bekannte Bibelforscher (Zeugen Jehovas), dabei quasi "voyeuristisch" und mit Häme, auf Webseiten und Foren öffentlich zu artikulieren, wobei Geschwätz, Halb- und Unwahrheiten auch über mich, Johannes Wrobel, kolportiert werden (und mir geschadet haben, vgl. Einführung) – einen (angeblichen) "Funktionär" der Wachtturm-Gesellschaft. Den "Kritikern", die erbittert (und verbittert) gegen die Zeugen Jehovas digital und analog ankämpften, und sich nicht scheuen, dabei die Intim- und Privatsphäre ihrer "Beobachtungsopfer" zu missachten, sollte man meiner Meinung nach nicht auf den Leim gehen und kann ihre "Aufklärung" getrost ignorieren. (Siehe zur Gesamtthematik der MfS-Desinformation gegen die Wachtturm-Gesellschaft die bereits oben verlinkten Forschungsarbeiten von Dr. Waldemar Hirch; vgl. ganz allgemein Stasi-Unterlagen und weiterführende Links & Quellen; www.stasi-museum.de; www.stasi-unterlagen-archiv.de).

Sicherlich wurde ich aufgrund meiner Arbeit, Art und Kenntnisse von vielen innerhalb und außerhalb der Wachtturm-Gesellschaft geachtet und geschätzt, doch war ich ohne Führungs- oder Entscheidungsposition innerhalb der Organisation und hatte lediglich Anfang 1996 das "Geschichtsarchiv" ins Leben gerufen, dessen Abteilungsleiter ich zwangsläufig wurde, wobei ich übrigens sehr viel Forschungsarbeit über die Geschichte der Gesellschaft und die Verfolgung ihrer Mitglieder unter beiden deutschen Diktaturen privat und in meiner Freizeit leistete.

Bereits ab 1980 hatte ich zwei "Leserbriefe" (privat) in externen Zeitschriften unter meinem Namen veröffentlicht. Mit der Zeit ergab es sich, daß angefragte und von mir verfasste Fachaufsätze zur staatlichen Verfolgung der Opfergruppe im Nationalsozialismus von den Herausgebern wie allgemein üblich namentlich gekennzeichnet veröffentlicht wurden. Hinzu kamen Beiträge in externen Lexika (ab 1993). Dazu sollte auch ein Beitrag im Marienlexikon, herausgegeben von den beiden Theologieprofessoren Dr. Remigius Bäumer und Dr. Leo Scheffczyk im Auftrag des Institutum Marianum Ratisbonense gehören (1994).*

* Der Herausgeber hatte um einen Text über Maria angefragt, dessen Beantwortung in meine Zuständigkeit fiel und den ich in gewohnter Weise brieflich und anonym, also mit meinem Sachbearbeiterkennzeichen "EC" beantwortete. Da der Wachtturm-Briefkopf meine Durchwahl angab (nach der Verleihung der Körperschaftsrechte änderte man den Briefkopf auf "Jehovas Zeugen Deutschland"), rief mich einer der Herausgeber unerwartet an, fragte kurz und bündig nach meinem Namen (womit das Gespräch schon beendet war) und setzte ihn später unter meinen Text im Lexikon; auf die Idee, statt dessen den Namen eines Vorstandsmitglieds der Wachtturm-Gesellschaft als "Verfasser" anzugeben, wie das oft praktiziert wird, kam ich bei dem Blitzgespräch nicht. (Originalaufsatz, Foto; Herausgeber und Download.)

Viele Veröffentlichungen erfolgten unter meinem Vornamen "Johannes" bzw. wie ebenso im Englischen üblich unter "Johannes S." (ursprünglich "Johann Stephan"; das Ordnungsamt Wiesbaden beurkundete am 29. April 1983 die Änderung meiner Vornamen auf "Johannes Stephan". (Falls es jemand interessiert, siehe meinen ausführlichen Kommentar zu den Vornamen oben.)

Namentlich mit "Johannes Wrobel" oder "Johannes S. Wrobel" gekennzeichnete Veröffentlichungen sind also in der Regel privater Natur, während durch die Wachtturm-Gesellschaft bzw. inzwischen "Jehovas Zeugen Deutschland K.d.ö.R." in der Regel anonym und damit in ihrem Namen veröffentlicht wird. (Diesen Unterschied hat die digitale Zeugen-Jehovas-Opposition nicht geblickt und selbst meine privaten Webseiten unter "Johannes Wrobel" der Wachtturm-Gesellschaft angedichtet. Einmal wollte ich damals eine hilfsbedürftige Witwe unterstützen, ihre Eigentumswohnung zu verkaufen und stellte eine Anzeige auf meiner privaten Webseite online – prompt veröffentlichte die deutsche Zeugen-Jehovas-Opposition diese Privatangelegenheit in Horch-und-Guck-Mentalität jahrelang im Internet,* eventuell noch heute – keine Lust nachzuschauen. ☺)

* Einschätzungen ergeben sich vielleicht auch [so schrieb ich hier vor Jahren] aus Online-Reaktionen in Deutschland und den USA aus der Gemeinde der Zeugen-Jehovas-Opposition auf meine Webseite mit der neuen literarischen Autobiografie – denn ihre "Beobachtungen" werden aus dem Deutschen ins Englische und Spanische übersetzt und dann in ihren Internet-Foren verbreitet. Welch eine Mühe ... Meine neue "alte" Webseite hatte bald nach ihrem Start zunächst täglich zwischen fünf bis zehn Internet-Besucher. Dann, am 25.08.2016 schnellte die Besucherzahl (keine Doppelzählungen) an einem einzigen Tag auf 120 Besucher hoch. An den zwei folgenden Tagen auf 40 User, dann auf 90 Zugriffe am 28.08.2016, schließlich auf rund 15 bis 20 Besucher täglich. Inzwischen hat sich die Besucherzahl wieder "normalisiert" wie am Anfang. (Dubiose Kontaktversuche von Unbekannten sind bereits [damals] bei mir erfolgt. Ich halte alle, die das interessieren sollte, ggf. hier auf dem Laufenden. [So schrieb ich hier wie oben erwähnt vor Jahren, inzwischen, denke ich, das ist Schnee von gestern; sicherlich bin ich auch nicht mehr "unter Beobachtung" ... ☺ Doch das interessiert mich nicht wirklich.])

Ein Standardwerk und viele Privatforscher

Es war ein Außenstehender, also kein Zeuge Jehovas, der 1993 das umfassendste Standardwerk zur Thematik veröffentlichte, das es gibt: Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im "Dritten Reich" von dem Historiker (und inzwischen zum Professor in Hamburg berufenen) Dr. Detlef Garbe, dem (einstigen) Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme (1989 bis 2019) und Lehrbeauftragten für Zeitgeschichte an der Universität Hamburg, inzwischen in der 4. überarbeiteten Auflage erschienen, zum Beispiel wird der angebliche "Anbiederungsversuch" 1933 an Kanzler Hitler, in Wirklichkeit ein Stasi-Konstrukt (siehe oben) als nicht mehr haltbar erklärt.

Das akribische gigantische akademische Werk von Dr. Detlef Garbe über diese "vergessenen Opfer" entstand praktisch unabhängig von der Wachtturm-Gesellschaft, die sich für solche Projekte (noch) nicht öffnen konnte. (Sicherlich auch dank einiger der Lebensberichte, die durch Konrad Franke von Verfolgten für die Erstellung des "Jahrbuchs 1974" erbeten worden waren und sich vielfach zur Sicherheit als Kopien oder Abschriften im Land vorfinden. Vgl. Kommentar oben.) Die Zusammenarbeit mit Historikern (und die Beantwortung ihrer Anfragen) entstand bei uns in der Redaktionsabteilung erst ab 1994 und dann vor allem durch das neu gegründete "Geschichtsarchiv" ab 1996 – ab diesem Zeitpunkt war meine Abteilung im Haus überhaupt in der Lage, zeithistorische Fachanfragen von Außenstehenden (Studenten, Historikern, Museen und Gedenkstätten) befriedigend oder verwertbar zu beantworten, da wir systematisch Opferlisten anfertigten und eine Archivsammlung anlegten. (Vgl. den Aufsatz von Ingrid Schupetta: "Die Verfolgung festhalten und der Öffentlichkeit mitteilen." Das Geschichtsarchiv der Zeugen Jehovas in Selters/Taunus, in: Merländer-Brief, Veröffentlichung des Villa Merländer e.V. - Förderverein der NS-Dokumentationsstelle Krefeld, Nr. 11, Juli 2004, S. 4.) Die Zusammenarbeit mit Dr. Detlef Garbe, an die ich gern zurückdenke, war in den folgenden Jahren sehr gut, und einige Informationen flossen in verbesserte Auflagen seines Werkes ein, wie oben erwähnt.

Mein Team und ich konnten ab 1996 alle Historiker und Studenten, die bei uns nach Material zur Verfolgung der Glaubensgemeinschaft im "Dritten Reich" anfragten nach besten Kräften unterstützten. Davon zeugen zahlreiche veröffentliche Danksagungen und in Form von Emails, die ich erhalten habe, was mich sehr gefreut hat.*

* Historiker und Oral History-Experte Alexander von Plato (Hagen) schreibt: "Die Adresse von Kasimir Jurcryk hatten wir (mit Dr. Alice von Plato hatte ich direkten Kontakt) von der Zentrale der Zeugen Jehovas in Selters, genauer von Johannes Wrobel bekommen [2002], mit dem wir bereits mehrmals zusammengearbeitet hatten. Herr Jurcryk hatte nur wegen der dringenden Aufforderung von Johannes Wrobel einem Interview zugestimmt, weil er sich nicht mit der Vergangenheit belasten wollte" (Alexander von Plato: Wege deutscher Häftlinge in das KZ Mauthausen, in: Alexander Prenninger (Hg.), Regina Fritz, Gerhard Botz, Melanie Dejnega: Deportiert nach Mauthausen. Europa in Mauthausen, Bd. 2. Wien 2021, S. 41, 42, Online-Ausgabe; http://d-nb.info/1215218087, mit Inhaltsverzeichnis).

Im Laufe der Zeit hatte ich Kontakte mit etlichen Privat- und Familienforschern zur NS-Verfolgung, deren Aktivitäten ich nun ebenfalls fördern oder ermutigen konnte. Dazu gehört der US-Amerikaner Robert Buckley* (ab Herbst 1987), der in der Nähe von Washington D.C. wohnte und bereits seit 1985 als Watchtower-Pressebeauftragter vor Ort engagiert und schließlich selbständig für das dortige United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) Verfolgungsberichte von Glaubensbrüdern sammelte.

* Als ich Robert Buckley vor vielen Jahren das letzte mal in Washington D.C. sah, gab er mir folgenden Fitness-Rat mit auf den Lebensweg: 'Jeden Tag Gymnastik und viel Wasser trinken!' Mein Hausarzt in Freilassing rät mir: 'Sich viel bewegen, wenig essen!' Ok, über Gesundheits- und Fitnessfragen vielleicht später einmal mehr hier ... ☺ [inzwischen habe ich diese Idee verworfen, habe genug allein damit zu tun, die regulären Themen meiner diversen Webseiten zu bearbeiten ...]

In Deutschland war es Berthold Mehm, der später die Verfolgungsgeschichte seines Hildesheimer Großvaters selbständig aufgearbeitet und veröffentlicht hat. Oder Karlo Vegelahn, der akribisch geschichtliche Quellen und Informationen online auflistet, auch Biografien von Verfolgten, ähnlich wie Historiker Timon Jakli in Österreich.

In Österreich ist es des weiteren Bernhard Rammerstorfer, den ich ebenfalls kennenlernte und der sich unabhängig und auf eigene Kosten um die Aufzeichnung und mediale Vermittlung der sehr bemerkenswerten Verfolgungsgeschichte von Leopld Engleitner (1904–2013) aufopferungsvoll kümmert. (Dr. Angela Merkel, kurz darauf deutsche Bundeskanzlerin, ließ es sich 2005 nicht nehmen, sich zusammen mit dem über hundertjährigen KZ-Überlebenden Engleitner aus Österreich anlässlich des Gedenktages zur Befreiung des KZ Buchenwald fotografieren zu lassen. Einige Jahre zuvor, im Juni 1997, hatte ich Leopold Engleitner, siehe unten, in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen interviewt; er verstarb 2013 mit 107 Jahren.)

Viele weitere Zeugen Jehovas beteiligten sich privat und in lobenswerter Weise an der Geschichtsaufarbeitung an verschiedenen Orten, zum Beispiel in Frankfurt am Main, München, Münster und Schleswig-Holstein. Auch in anderen Ländern, wie in Österreich (worauf noch weiter einzugehen ist).



Fortsetzung folgt ...


Soweit ein Auszug des Dokuments (ohne Fotos und durchgängige Verlinkungen). Das Originaldokument ist weiterhin offline und noch in der Überarbeitung.




☞ Rückblicke, Teil II (Zeitgeschichte oder Ein Idealist beobachtet die Welt) [vorläufig]

☞ Zur Entstehung von Teil I und II (Einführung)


Stephan Wrobel  😎
(Johannes Stephan Wrobel)


Stephan "Castellio" Wrobel

Freilassing/Salzburg - Berchtesgadener Land (BGL), mein Lebensraum seit 2011,
journalistisches Texten, Augenblicks­fotografie – Foto "Augen-Blicke" von "Stephan Castellio", Google Local Guide.


West-Berlin; Wiesbaden & Selters/Taunus (1972–2008),
researcher & writer since 1979, PR & historical publications 1996–2008 (heute im Ruhestand ;-)
jwhistory research & studies, 1996–2008, and present, is a private non-profit initiative
by Johannes Stephan Wrobel (jswrobel, jw).