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Hier ein Auszug vorab (leider noch ohne Fotos und durchgängige Verlinkungen).




www.jswrobel.de

Mein autobiografisches Nachschlagewerk
gegen das (mein) Vergessen


Rückblicke, Teil I (bis 1996) –
Jugend oder Wie man Idealist wird


2015/2016 | 17.08.2020 | laufende Version 2021 (refresh )




VORWORT | PREFACE – Teil I


Auf die Lebensabschnitte in West-Berlin (1960 – 1972) Wiesbaden (1972 – 1984), Selters/Taunus und Brooklyn, New York (1985 – 2008) blicke ich mit etwas "Stolz" zurück und gehe darauf in zwei autobiografischen Rückblicken ein – hier Teil I, der die Jugendzeit und damit die Beweggründe für eine Lebenszäsur (1970) und den Beginn eines altruistischen Lebensweges (1972 bis 2008) als "Idealist" beschreibt.

Meine Motivation für diese autobiografischen RÜCKBLiCKE ist vielschichtig. Worauf ich noch eingehe. Ebenso intensiver auf die zeithistorische Fachthematik, um die es mir beim Verfassen ursprünglich hauptsächlich ging und für die ich dann mit Teil II, verpackt in Lebensrückblicken, ein eigenes Dokument schuf. Wobei die Verlinkungen zu meinen Manuskripten und Texten helfen sollen, sich dem zeitgeschichtlichen Nischenthema zu nähern und Forschenden die Materialsuche zu erleichtern. Viele externe Links (Wikipedia) sollten ursprünglich in beiden autobiografischen Teilen bei Bedarf ebenfalls zum Nachschlagen und persönlichem Informieren dienen.

Wie 'das Verständnis der eigenen Geschichte zur Identitätsbildung jeder Nation beiträgt' (☞ Deutscher Bundestag, 2008), so bilden Menschen Identität durch ihre eigene Lebensgeschichte. Und wenn sie darüber reden oder schreiben können, dann tragen sie zum eigenen und zum Verständnis anderer bei – warum bin ich eigentlich so wie ich heute als Persönlichkeit erscheine? ☺

Die Autobiografie dient mir selbst zum Nachschlagen von Daten und Ereignissen – ich bin scheinbar mit keinem guten spontanen Datengedächtnis gesegnet worden (was dem Erfinder des Internets als Motivation für seine Erfindung nachgesagt wird – schneller Nachschlagen, und meine Arbeitsweise als wahrscheinlich hochsensibler Mensch war seit jeher, nicht Antworten zu WISSEN, sondern zu FINDEN). Ähnlich ergeht es mir mit meiner Fotokünstlerseite als "Stephan Castellio" auf Facebook – so finde ich dort meine jahrelang geknipsten Fotos "Augen-Blicke" mit zeitnahen Beschreibungen relativ schnell wieder, wenn ich sie brauche. ("Es wird Zeit, eine Auswahl der Bilder online zugänglich zu machen", so schrieb ich hier 2016 – inzwischen längst als eigene ☞ Webseite realisiert!)

Also dann, auf geht's, wennst magst ... ☺
(Richtig ausdrücken konnte ich mich schon immer schriftlich besser als mündlich, verbale Vermittlung blieb manchmal Stückwerk. Doch "was man schreibt, das bleibt ...")



RÜCKBLiCKE, 1953 – 1959

Zerbrochene Heimat ohne Erinnerungen

Die Berge und das Meer ziehen mich an. Vor allem war ich schon immer mit Flüssen und Gewässern verbunden (affin), also mit dem Element Wasser. Und mag gern an Stränden, Ufern, Waldbächen und in Häfen schlendern. Oder auf Kanälen gondeln mit dem Wasserbus (Vaparetto) in Venedig. Oder über ein Meer. Und sei es heute das Bayerische Meer, der Chiemsee. Meeresrauschen – 👍 gefällt mir. (Ebenso wie die Laute und Farben des Waldes.)

Kein Wunder, denn frühe Babyfotos zeigen mich im Kinderwagen am Wasser – am Hafenkai eines Flusses. (Heute fahre ich meinen Wagen selbst, einen Fiat. 😎 ) Mein Geburthaus liegt in der Nähe eines kleinen Binnenhafens in Oppeln (Opole) an der Oder in Oberschlesien (seit 1945 Polen) bei Breslau (Wrocław).* Wir sind eine deutsche Familie, was uns einige Jahre später gleich nach der Umsiedlung von Schlesien in der neuen Heimat West-Berlin vom Senat beurkundet werden wird (klare Ansage über unsere Volkszugehörigkeit).

* Gemeint ist der Hafenkai von Sakrau (Zakrzów), ein Ortsteil von Opole, wo mein Geburtshaus steht, ein von meinen Eltern selbst erbautes Häuschen mit Hühnerstall, Garten und kleinen Obstbäumen. Google Maps zeigt hier die Lage des Hauses. (Bei Interesse, klick mich! Manches habe ich mir hier zum schnellen Nachschlagen eingerichtet, falls ich Lust auf Online-Schnuppern und Surfen verspüre 😏  ... "Was man schreibt, das bleibt!")

Geboren im Dezember 1953, dank meiner Eltern. Und dabei mit den biblischen Vornamen "Johannes" (Johann) und "Stephan" versehen, also mit zwei Vornamen, und beide sind in Gebrauch, auch beim Publizieren. "Stephan Wrobel" vor allem seit der Lebenszäsur Ende 2008, "Johannes Wrobel" davor, worauf ich noch eingehe. Nicht wundern, wenn ich das mit den beiden Vornamen gleich am Anfang erwähne – das hat seinen Grund und ist etwas kompliziert. Wen es interessiert, hier eine Anmerkung dazu.*

* Der Namenstag meines Vornamens "Johannes" (poln. "Jan") ist gemäß dem katholischen Kalender am 27. Dezember, der meines Vornamens "Stephan" (poln. "Stefan") am 26. Dezember. Meine Eltern planten für mich beide Vornamen aus dem katholischen Namenskalender in deutscher Sprache ein, ungeachtet ob ich am 26. Dezember (Stephan) oder am 27. Dezember (Johannes) das Licht der Welt erblicken würde – der zeitliche Unterschied war ja nur eine Frage von Stunden. Die deutsche Schreibweise meiner Vornamen, wie von den Eltern gewünscht, ließen die Polen beim Ausstellen der Geburtsurkunde in Oppeln (Opole) nicht zu. Erst nach der Umsiedlung der Familie nach Deutschland wurden die Papiere von Anfang an auf die deutsche Schreibweise meiner beiden Vornamen ausgestellt, zunächst mit der Übersetzung "Johann", was später vom Amt auf "Johannes" geändert wurde. Als "Johann Wrobel" fühlte ich mich schon als Kind nicht unbedingt wohl, und die Eltern riefen mich zuerst "Hans", auch "Hansel", was sogar in mein erstes Schulzeugnis Einzug hielt, was ich aber überhaupt nicht mochte.

So kam es, daß ich mich als Schüler unter Freunden "Johnny" nannte, was mir gefiel und auch gut von meinem Umfeld angenommen wurde, auch von den Eltern, und sogar noch viele Jahre nachwirkte, so dass ich für einige der "Johnny Wrobel" blieb, nicht nur für Klassenkameraden. Die Schreibweise meines mit der Zeit eingebürgerten Namens "Johannes Stephan Wrobel" (statt Johann Stephan) beurkundete das Ordnungsamt Wiesbaden am 29. April 1983. Mit den Vornamen "Johannes" und "Stephan" fühle ich mich ganz wohl. Seit November 2018 kann man in Deutschland laut Personenstandsgesetz die Reihenfolge der Vornamen amtlich ändern lassen, wenn man mehrere davon hat und zum Beispiel den Zweitnamen als Rufnamen verwendet, worauf ich bislang verzichtet habe.

Ich habe schon Menschen getroffen, bei denen ebenfalls zwei Vornamen in Gebrauch sind, wie bei mir. Und dieser Tage (2021) sah ich in einer TV-Nachtshow ein Interview mit der bekannten Schauspielerin Uschi Glas, die von Geburt an "Helga Uschi Glas" heißt und erzählte, wie ihre Mutter eines Tages über ihre Tochter sagte: "Das ist keine Helga, das ist eine Uschi!". Von da an wurde der Vorname "Uschi" benutzt. So geht das ...

Keine Erinnerungen mehr an meine Lebenszeit in Oberschlesien, an die "zerbrochene Heimat", die ich nie richtig kennengelernt hatte. Verschüttet. Meine Bilder im Kopf an den Ort hängen heute an Fotos, Erzählungen der Eltern und an zwei Besuchen in Oppeln Jahre später, der letzte auf dem Rückweg von Auschwitz.*

* Meine Erinnerungen an Oppeln beruhen hauptsächlich auf einem Besuch dort im Oktober 1963 zusammen mit den Eltern bei der Urgroßmutter (die "Oma", wie die Urgoßmutter in der Familie genannt wurde – sie hatte meine Muter in Schlesien in meinem Geburtshäuschen großgezogen, während ihre eigentliche Mutter, unsere "Omi", wie sie in der Familie genannt wurde, damals in Großberlin in einem vornehmen Haushalt arbeitete und lebte).
Mein zweiter und letzter Besuch in Opole war 40 Jahre später, und er schließt sich 2004 nach einem Referat zu einer Ausstellungseröffnung im ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager (Todeslager) und heutigem Museum Auschwitz-Birkenau an. Auf dem Rückweg mit dem Pkw mit einem Bekannten dann eine Stippvisite in Opole. Gleich am Ortseingang kaufte ich einen Stadtplan. Ich besuchte ein Archiv und anschließend suchte und fand ich mein Geburtshaus in unserer Straße in Zakrzów!

Meine Großtante "Ditha" (Traudel) aus Oppeln (geb. 2.08.1932), auf die ich auch unten eingehe, erzählte mir vor einigen Jahren eine unglaubliche Geschichten über mich – über meine frühkindliche Anhänglichkeit zu ihr als junge Frau. Wir wohnten damals in derselben Straße (Prudnicka) in Oppeln-Zakrzów. Ihre Eltern hatten eine Bieberzucht, ihr Bruder Günther war Boxer; über ihren Vater, meinen Onkel Richard, weiß ich nicht viel, ihre Mutter, unsere "Tante Lucie", war eine resolute Frau, doch uns Kindern gegenüber (meinem Bruder und mir) warmherzig und großzügig, wir mochten sie ebenfalls sehr, eigentlich alle Glieder dieser Familie. Heute telefonieren meine Großtante und ich ab und zu miteinander, was mich freut; und sie erzählt immer wieder gern von meiner damaligen großen Anhänglichkeit:

Wie ich jeden Tag auf sie vor ihrem Haus Prudnicka 20 in Sakrau (Zakrzów) gewartet hatte bis ich sie schließlich aus der Arbeit kommen sah. Oder auch schon morgens früh nach dem Aufstehen auf sie wartete, schon angezogen von der Mutter, um sofort zu ihr unter einem dummen Vorwand gelaufen kam ("Die geben mir nicht zu essen!"). Um mit ihr zu frühstücken, und dann ein kleines Stück Weges gemeinsam mit ihr zur Arbeit zu gehen. Also als Bub unzertrennlich von ihr schien – ich habe leider überhaupt keine Erinnerungen daran ... schade. Vielleicht ein Schlüsselerlebnis? Ich weiß es nicht.

Menschen suchen, solange sie leben. Andere suchen nicht, sie finden. Erst kürzlich entdeckte ich diesen Text des deutschen Schriftstellers Wilhelm Raabe (1831–1910):

"Vorgestern stand ich auf einem Berg – einer kahlen, nur mit kurzem Gras und vereinzeltem Gestrüpp bewachsenen Höhe, erhaben über allen Wipfeln und Gipfeln bis in die blaueste Ferne. Ich stand und blickte hinab auf das nahe Grün und das ferne Blau und achtete auf das Aufblitzen der Gewässer in der Ebene, die südwärts hinter dem Gebirge sich dehnt. Da stand plötzlich ein alter grauer Mann, der seine Holzaxt auf der Schulter trug, neben mir und redete mich so unversehens an und grüßte mich, daß ich ordentlich erschrak. Er kam mir aber grade recht, um mir die Gegend zu deuten. Manche Berggipfel und Höhenzüge, manche Kirchtürme nannte er mir mit Namen, und endlich sagte er: "Ja, Herr, ist das nicht so schön, daß man seine Braut daraus holen möchte?"
Ich blickte den Alten, betroffen über das sinnige Wort, an. Er wußte gewiß selbst nicht, wie recht er das Gefühl getroffen hatte, welches an einer solchen Stelle die Menschenbrust bewegen kann. Eine schöne, gute Braut ist wohl das höchste Glück, welches einem Menschen auf Erden zuteil werden mag, und nun stehst du, und ein Erdenwinkel liegt vor deinen Augen hingebreitet in wonniger Schönheit, in Duft und Glanz, süß und milde; – und du bist einsam und allein, und ein unbekanntes Glück, das du ahnst, wohnt drunten im Tal. –
Man möchte seine Braut daraus holen!"

("Eine Brautschau." Wilhelm Raabe: Nach dem großen Kriege. Eine Geschichte in zwölf Briefen (17. Aug. – 27. Dez. 1860), I, 3; 385 f.)

Die Ferne bringt Ahnen, Sehnsucht – Geheimnisse, Mysterien, auch mir. Der Mensch sucht Nähe, solange er lebt, möchte teilen, was ihn bewegt, auch ich. Jeder Mensch darf – ja muss – für sich ein eigenes, freies Leben finden, auch ich. Was werde ich suchen, was finden? Life is beautiful, und Freiheit ist bunt.

Erste, neue Heimat

Als deutsche Aussiedler reiste die Familie Wrobel, meine Eltern, mein älterer Bruder (geb. 24.08.1950) und ich, per Eisenbahn von Oppeln (Opole) nach Westdeutschland. Und dort mit der Zeit über die Aussiedlerheime Friedland und Uelzen (November 1958) sowie über Kirchzarten und St. Blasien (Krankenhausaufenthalte meines Vaters, siehe unten) schließlich nach Berlin, wo Verwandte im Ostteil (kommunistisch), andere im Westteil (demokratisch) lebten.*

* Mein autobiografischer Bericht geht in der Regel nicht näher auf Angehörige ein, was ich zu respektieren bitte.

In Ost-Berlin (DDR), hinter dem Eisernen Vorhang, wohnte meine "Omi", Großmutter Magdalena mütterlicherseits. In West-Berlin lebten meine Tante Lucie und mein Onkel Richard und ihre Tochter Ehrentraud (Traudel), das war meine geliebte Großtante "Ditha" (Editha), worüber ich oben berichte, und die alle schon vor uns nach Deutschland umgesiedelt waren. Die Familie hatte angeboten, uns vorerst bei sich in ihrer ziemlich großen Etagenwohnung im Kronprinzendamm im freien Westteil der geteilten Stadt aufzunehmen. Das war im obersten Stockwerk eines ehrwürdigen altberliner Gebäudes von 1894, Kronprinzendamm, Hausnummer 1. Ein Teil des vier Etagen großen Gebäudes ist seit 1984 das Hotel "Kronprinz", der Rest mit dem großen Treppenhaus sind noch immer Wohnungen; das Haus selbst ist ein Berliner Kulturdenkmal geworden.

Es war schon Nacht als wir am 19. Juni 1959 im Haus Kronprinzendamm 1 eintrafen. Und wir werden nach einer stürmischen Begrüßung bei "Tante Ditha" einquartiert, im größten Zimmer mit Balkon der Etagenwohnung (die noch ein stilles älteres Ehepaar im hinteren Bereich bewohnte). Vom Balkon aus konnte man rechts die nahe beleuchtete S-Bahnbrücke Halensee und links in der Ferne den Berliner Funkturm erkennen, worauf ich schon gespannt war!

Gleich nach der Ankunft am nächsten Morgen konnte ich es kaum erwarten, und laufe erwartungsvoll die vier Etagen über das große runde Treppenhaus die vielen Stufen hinunter vor die Tür auf den Kronprinzendamm, und dann zum nahen Kurfürstendamm, um dort von der S-Bahn-Brücke Halensee aus den Berliner Funkturm besser sehen und bestaunen zu können – frei, voller Zukunftserwartung. Vielleicht eine vorweg genommene Neugier, Sehnsucht nach Weite, Ferne, Reiseabenteuern und Entdeckungen? Ein kleiner schüchterner Bub "beobachtet die Welt" auf der Halenseebrücke mit schönster Aussicht nach Norden und Süden. Und mit diesen Bildern im Kinderkopf haben eigentlich schon immer meine bewussten Lebenserinnerungen begonnen – nicht mit Oppeln in Oberschlesien, oder in Aussiedlerheimen in Westdeutschland, sondern im grandiosen Berlin!

Das freie West-Berlin, die damalige Zweimillionenstadt unter dem regierenden Bürgermeister Willy Brandt (1957–1966), wird mir, dem Heimatlosen, zur ersten wirklichen Heimat(stadt). Und als West-Berliner wohne ich jetzt sogar an zwei Flüssen, zwischen Havel und Spree!


RÜCKBLiCKE, 1959 – 1963

Der kleine Mann und das Meer

Wir blieben vier Monate im Kronprinzendamm 1 bei Tante und Onkel bis wir endlich eine eigene Wohnung gefunden und bezogen hatten, in einem Hinterhaus in der Joachim-Friedrich-Staße 26 in Charlottenburg, quasi um die Ecke vom Kurfürstendamm, der West-Berliner Flanier- und Ausgehmeile (City West) und schon damals eine Haupteinkaufsstraße. Später zogen wir in die Kreuznacher Straße (Wilmersdorf) am Breitenbachplatz, Ecke Südwestkorso, unten mehr darüber, meine eigentliche Wohngegend in West-Berlin.

Rund sieben Monate lebe ich zwischenzeitlich ohne Eltern zur Erholung auf der Nordseeinsel Föhr in einem Kinderkurheim am Südstrand der Stadt Wyk (Hinfahrt am 12. Mai – Rückfahrt am 14. Dezember 1960).*

* Ursprünglich waren es "ausgebombte" unterernährte Kinder aus Großfamilien, die ab 1947 mit extra bereitgestellten Bussen, zum Beispiel als "Kindertransport Evangelisches Hilfswerk", zur Erholung ins damalige "Marienhof Kinderkurheim" gebracht wurden.

Meine Eltern sind derweil in West-Berlin, die Mutter hochschwanger, Vater damals mehr in Krankenhäusern als zu Hause aufgrund einer Kriegsverwundung noch als Wehrmachtssoldat im Zweiten Weltkrieg, ein "Lungensteckschuss", wie er sagte, der Splitter einer "russischen" Granate, der ständiges Fieber bei ihm verursachte – ein Krieg trifft immer Menschen. (Ich selbst bin anerkannter Kriegsdienstverweigerer.) Seine Kriegsverletzung war übrigens unter anderem der Grund für unsere Übersiedelung nach Deutschland gewesen. Vater wollte sich den Granatsplitter auf jeden Fall in Deutschland und nicht in Polen durch eine OP entfernen lassen. (So kam es auch, daß er auf unserem Reiseweg in Westdeutschland mehrere Zwischenaufenthalte in Kliniken hatte, zum Beispiel in St. Blasien im Schwarzwald, während wir, der Rest der Familie, im Lager Friedland warteten.)

Nach der Geburt des zweiten Bruders am 29. Mai bittet meine zarte Mutter das Amt in West-Berlin, ich glaube mehrmals, um Verlängerung meines Erholungsaufenthaltes auf Föhr, um sich besser meinem älteren Bruder und vor allem der Säuglingspflege widmen zu können. Also blieb ich länger als erwartet auf der nordfriesischen Insel Föhr und das so lange allein, musste ohne meine Familie auskommen.

Das Kinderkurheim Marienhof in Wyk auf Föhr ist ein großes Haus direkt am Nordseestrand mit Blick auf das "große" Meer (Wattennmeer) und den "unendlichen" Himmel (über Schleswig-Holstein) – ich kann durch die Fenster in der Ferne die Schiffe sehen, die regelmäßig vorbeifahren. Heimweh und Fernweh vermischen sich bald in meiner Wahrnehmung. Alle Kinder essen gemeinsam in einem Speisesaal, nächtigen in Schlafsälen, werden beschäftigt und unternehmen ausgedehnte Inselspaziergänge mit Begleitung. Natürlich verbringen wir Kinder bei schönem Wetter viel Zeit vor der Tür, am Sandstrand mit Schaufel und Eimer, das sanfte Rauschen der Meereswellen im Ohr. Daher wohl noch heute mein Hang zum Meer und zur Farbe Blau. (Auch wenn das Meer dort nicht immer blau, sondern oft grau ist, was vom Wetter abhängt.)

Übrigens, es gibt eine Farbe, die mich damals weit mehr als Blau faszinierte. Und das war leuchtendes Gelb – für mich die Farbe der Sonne, Gelb als Farbe des Strandes und eines Lieblingsbuntstiftes, den ich als Kind und Erstkläßler besaß! Das freundlich helle Löwenzahngelb und die Farbe der Zitronenfalter empfinde ich als wunderschön! (Vielleicht war ich später deswegen so gern im freien Schweden, weil die Landesfarben Blau und Gelb sind?* Und heute spielen Zitronen in meinem Leben eine gewisse Rolle als Vitaminspender ... lach.) ☺

* Erst dieser Tage stellte ich fest, daß die Wappenfarben meiner Geburtsstadt Oppeln in Oberschlesien Gold (das wie Gelb wirkt) und Blau sind, ebenso wie die Farben von Oberschlesien!

Gelb und Blau machen mich bis heute fröhlich, gehören zur (angestrebten) Leichtigkeit des Seins.

(Doch da waren noch die Farben des Grauens, des Hungers, Durstes und Frierens, der brutalen Schläge und des Mordens, erschossen von der SS wegen einer Nichtigkeit, erschlagen, zertreten, erhängt, vergast, verhungert, die Farben des Todes, die Menschen vor allem in deutschen Konzentrationslagern und Vernichtungslagern, aber auch in Zuchthäusern, Gefängnissen, Kinderheimen und Kliniken während der Diktatur bis zuletzt sahen, weil sie ihren religiösen Überzeugungen treu blieben, mit denen ich sehr viel später als Geschichtsforschender intensiv zu tun haben sollte, die aber das Blau und das Gelb, die Liebe, die Hoffnung und die Sehnsucht, nicht auslöschen dürfen, solange wir am Leben sind!)

Jedenfalls liebe ich bis heute das Meer – die Nordsee und die friesischen Inseln, mag das wärmere Mittelmeer und seine Gestaden und Strände, die ich damals bald kennenlernen sollte: Als Teenager in Spanien (Barcelona), als junger Mann in Italien (Venedig), als Erwachsener in Griechenland (Samos), Italien (Laigueglia) und Israel (Tel Aviv). Und als alter Mann in ... (Moment, noch ist es nicht ganz soweit.)

Richtig, hinzu kommen ja noch die Reisen, die mich an die Ostsee (Rügen, Bad Doberan, Danzig, St. Petersburg), den Kattegat (Hälsingborg / Hälsingör) oder zu den großen Ozeanen brachten – dem Pazifischen Ozean (San Franzisko) und Atlantischen Ozean bei Florida (Fort Lauderdale) und New York, an der Nordwestküste Afrikas bei Agadir (Marokko) oder an der Westküste Irlands und Südküste Englands, oder in die glitzernde Karibik (Puerto Rico und Virgin Islands) und an ein Nebenmeer des Indischen Ozeans – das Rote Meer (Elath). (Heute reise ich nicht mehr so weit. In den letzten Jahren kamen nur noch Kurztrips mit faszinierenden Meerblicken dazu, in Cala Ratjada/Mallorca, Bibione/Italien und Rovinj/Kroatien.)

Soweit so gut das Meer, das heißt ein weiterer MeerBLiCK soll noch erwähnt werden, bevor die Zeitreise wieder zurück an den Anfang geht, wo alles begann:

Vor allem begeisterte mich die ostfriesische Insel Wangerooge, die ich 1997 fast wie Christoph Columbus von der Seeseite aus (für mich) "entdecke". Und das kam so: Zusammen mit Onkel Fritz und seinem Kahn schipperte ich auf einer abenteuerlichen privaten Bootsfahrt von Hooksiel (bei Wilhelmshaven) entlang der Küste des Jadebusens in Richtung offenes Meer. Bei Ebbe fischten wir Granat, kochten und verputzen die Krabben gleich an Bord. Gegen Abend legten wir mit dem Boot an einer Kaimauer von Wangerooge (unerlaubterweise) an. Während "Kapitän Fritz" sicherheitshalber in der Kajüte blieb (wo wir dann übernachteten) kletterte ich auf die Kaimauer und eroberte mit den Augen auf Landgang vorerst ein kleines Stück der Dünenlandschaft unter dem Himmel der wunderschönen Insel Wangerooge.

Die Schönheit der Nordseeinsel beeindruckte mich so sehr, dass ich beschloss, bald auf dem Landweg und per Überfahrt auf der Fähre nach Wangerooge zurückzukehren. Was dann auch mehrmals gelang (1997 und 1998, 2005 und 2006). Inseln wie Wangerooge, ebenso wie Helgoland (1978), haben eine Bedeutung für meine Geschichte (worauf ich vielleicht einmal später eingehe). Erlebnis Naturbusen, quasi vom "Jadebusen" an der Nordsee (ich war noch oft in Wilhelmshaven) zum "Hexenbusen" in den Alpen (die Rotofentürme im Lattengebirge zwischen Untersberg und Staufen bilden die markante Silhouette einer liegenden, "schlafenden" Frau mit jugendlichem Brüsten), den ich heute täglich vor Augen habe, wenn ich aus der Tiefgarage oder aus dem Haus in Freilassing komme und in Richtung Süden zu den prächtigen Alpengebirgsmassiven blicke. Darüber auch am Schluss etwas.

Schüler und Bücherwurm

Im Mai 1961 bezieht die Familie Wrobel, die Eltern mit inzwischen drei Söhnen, eine größere, helle, freundliche West-Berliner Wohnung, dritter und letzter Stock, in der Kreuznacher Straße 70, Ecke Südwestkorso, die uns zugewiesen worden war.

Die recht dunkle Hinterhofwohnung in der Joachim-Friedrich-Straße am Kurfürstendamm ist nun Vergangenheit. Nur ein späterer Reim in Form eines Kindergedichts betitelt "Im Keller" (wir wohnten im zweiten Stock) erinnert mich heute noch daran:

Im Keller
(Berlin-Wilmersdorf, September 1969)

Der Morgen war endlich wieder da
Und die Sonne schien hell.

Ich lief hinunter die Treppen schnell,
Dort, wo die Kohle war.

Oh weh, hier war es dunkel und schwarz.
Da durchfuhr mich der Schreck:
Hier versteckt sich die Nacht – da hab' ich
Schnell die Tür zugemacht.

Am Abend ist die Nacht dann schließlich
Doch wieder gekommen –
Hat bestimmt die Tür aufbekommen!

Der neue helle Lebensmittelpunkt am Breitenbachplatz macht uns zufrieden und läßt uns erwartungsvoll in die Zukunft blicken! (Mein Vater war viele Jahre später, nach dem Tod meiner Mutter, ein zufriedener Mieter einer anderen schönen hellen Wohnung – in der in Deutschland einzigartigen Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße! Er verstarb in Berlin 2013 im Alter von 91 Jahren.)

Wir wohnten also inzwischen in der Kreuznacher Straße 70 im letzten Stock, mit einem fantastischen Blick auf den Breitenbachplatz (U-Bahnhof, (Foto) und am Himmel auf die ankommenden Flugzeuge in Richtung Flughafen Tempelhof. (Heute höre ich über mir einige der Flugzeuge beim Anflug auf den Airport Salzburg, aber Fluggeräusche machen mir wie damals nichts aus. Es ist ein schwarze Ruß, der sich bei geöffneten Fenstern in der Wohnung niederlässt und mich stört, der Feinstaub stammt sicherlich auch vom Straßenverkehr. Während der Corona-Pandemie, als der Airport Salzburg lahmgelegt war, verschwand der schwarze Staub aus der Wohnung.)

Den Breitenbachplatz zieren große schlanke Pappeln, die sich im Wind neigen, gut vom Kinderzimmer aus anzuschauen. Eines Tages verschwanden die schönen Bäume, was mich bewegte, den Prosatext "Der Platz" zu schreiben, und später dazu eine kleine, tiefsinnige Betrachtung über Leben und Tod:

DER PLATZ
(Berlin 33, den 17. Februar 1970)


DA IST EIN SCHÖNER PLATZ IN BERLIN.
– ER IST SEHR STOLZ.


DENN AUF IHM STEHEN WUNDERSCHÖNE PAPPELN,
UND IN DER MITTE LIEGT EIN GRÜNER RASEN,
DER IM SOMMER BLÜHT.
WENN VIELE LEUTE KOMMEN UND IHN BEWUNDERN,
DANN STRAHLT ER UND FÜHLT SICH GANZ GEHOBEN.

ABER DIE GROSSEN PAPPELN MACHEN SICH WIRKLICH
GUT AUF DEM RUNDEN PLATZ.
– ER IST SEHR EINGEBILDET.


WENN ES HOCH OBEN IN DEN KRONEN RAUSCHT, DANN
BLEIBEN DIE LEUTE STEHEN.
DIE PARKBÄNKE SIND IMMER GUT BESETZT, DOCH
WENN KINDER AUF DEM GEPFLEGTEN RASEN GEHEN,
DAS SIEHT ER GARNICHT GERN.

DAS MUSS MAN ANERKENNEN,
ER IST ERHABEN ÜBER ALLEN PLÄTZEN DER UMGEBUNG.
– JA, DIE SCHÖNEN PAPPELN.


WEISST DU, DASS SIE GESTERN VERMESSEN KAMEN?

DIE AUTOBAHN SOLL ÜBER DEN PLATZ.
– UND DER PLATZ?

ER WAR SEHR STOLZ.
VIELE LEUTE KAMEN
UND DIE PAPPELN WAREN HOCH UND MAJESTÄTISCH.


Auf meiner Seite "Poesie & Literarisches" habe ich dazu einmal folgendes notiert:
"Der Blick aus unserem Kinderzimmer in Berlin-Wilmersdorf ging hinaus auf den Breitenbachplatz (Foto), damals mit prächtigen Pappeln umsäumt – bis sie für die Stadtautobahn geopfert wurden [an anderer Stelle des Platzes blieben sie bis heute erhalten]. Das empfand ich als Verlust, wobei mir die Vergänglichkeit alles Seins (auch des Gewohnten) bewusst wurde, und was mir etwas vor Augen führte: Die Notwendigkeit von Bescheidenheit (was bedeutet, sich seiner Grenzen bewusst zu sein) und Demut (ohne Stolz, Sanftmut, sich Herabbeugen [d.h. bei Menschen das Niedriggesinntsein; vgl. die Demut Gottes laut Psalm 18,35, der sich gewissermaßen zu Menschen herabneigt], was eine Stärke ist). Mir kam außerdem eine bekannte Pop-Melodie in den Sinn, die ich aus dem Radio kannte: "Mein Freund der Baum | Ist tot | Er fiel im frühen Morgenrot" (1968, YouTube) von Alexandra. Noch ein anderer ihrer Verse begleitet mich: "Illusionen blüh'n im Sommerwind, treiben Blüten, die so schön, doch so vergänglich sind" (Quelle). Die Schlagersängerin selbst kam tragischerweise bei einem Autounfall einige Monate zuvor, im Juli 1969, ums Leben. (Sie ist unter ihrem Künstlernamen auf dem Westfriedhof in München begraben). Damals war für mich der Tod noch kein Thema, das mich berührte, sondern eher der Verlust durch Weggang oder Abschied."

(Der Bau der Breitenbachplatzbrücke, dem die Pappeln zum Opfer fielen, ist längst umstritten, und eine Bürgerinitiative setzt sich für die Wiederherstellung des Platzes ein.)

Besuch der Grundschule am Rüdesheimer Platz in West-Berlin, eine Schule zum Wohlfühlen in Pavillonbauweise für die Klassenräume, gleich daneben ein Sportplatz mit Turnhalle, etwas besonderes in der Stadt. Und ich habe Klassenkameraden, aus denen später "was geworden" ist – Beamte, Ärzte, Künstlerinnen ... (ob sie auch glücklich geworden sind, weiß ich nicht).

Neben meiner Grundschule und dem Sportplatz liegt eine öffentliche Jugendbücherei, die zu meinen liebsten Aufenthaltsorten damals als Kind gehörte. (Neben dem Berliner Grunewald – ab ins Grüne mit einem alten Damenfahrrad!) Ob die Bücherei damals schon "Eberhard-Alexander-Burgh-Bibliothek" hieß (benannt nach dem Berliner Jugendbuchautor), entzieht sich meiner Erinnerung.

Meine Mutter (ob mein Vater dabei war, weiß ich nicht mehr) besuchte eine Familie in Friedenau und hatte mich mitgenommen. Jetzt saßen wir um den Küchentisch herum. Alle plauderten. Ich saß stumm daneben, wusste nichts zu sagen, langweilte mich, und da entdeckte ich über mir auf dem Bücherregal ein gebundenes Buch mit dem Titel Durch die Wüste. Griff es mir, begann zu lesen, und ich war für die nächsten Jahre gefesselt – von Karl May. So sehr, dass mir mein Mutter später verbot, diese Bücher weiter aus der Jugendbücherei nach Hause mitzubringen. Über die Faszination an seinen Reisegeschichten im Wilden Westen, in Südamerika oder sonstwo auf der Welt konnte ich alles andere um mich herum vergessen!

Also las ich heimlich Karl May's Werke in der Jugendbücherei. (Natürlich las ich dort nicht nur Karl May, Enid Blyton, Pippi Langstrumpf und manch anderes. Ich stöberte auch in vielen Sachbüchern über das Universum, die Erde, Tiere und Pflanzen, Weltgeschichte und Themen mehr.) Eines Tages musste ich leider enttäuscht feststellen – Karl Mays Reiseabenteuer waren "nur" erfunden, Reiseerzählungen eben. Und dennoch – die Lust an Reiseabenteuern und sein Appell an das Gute und Edle im Menschen selbst unter widrigen Umständen durch seine Romanfiguren wie Kara Ben Nemsi/Old Shatterhand, Winnetou, Old Firehand und Old Surehand sowie andere heldenhafte Begleiter, das hatte mich bereits irgendwie im Herzen positiv geprägt. (Danke, Herr May!)

Auf jeden Fall – Bücher, ihre Inhalte und ihre Herstellung faszinierten mich. (Was mein späteres Leben viele Jahre lang ziemlich entscheidend beeinflussen sollte!)

Mein erstes "Buch" hatte ich viel sehr früher, am 12. Mai 1960, auf der recht langen Busfahrt mit vielen Kindern von West-Berlin nach Schleswig Holstein, das Ziel war Wyk auf der nordfriesischen Insel Föhr, durch eine neben mir sitzende Betreuerin geschenkt erhalten. Vielleicht hatte sie mich gefragt, was ich denn haben möchte, weil mir die Zeit lang wurde, und ich sagte: ein Buch. Sie hatte nur ein kleines, in weißen Kunststoff eingebundenes Büchlein eines Arzneimittelherstellers bei sich (ich glaube, es war von der Firma Bayer, die das Asperin herstellt), das sie mir schenkte, damit ich darin malen konnte, wohl kaum "lesen" (ich war Erstklässler). Außerdem verstand ich fast kein Wort in dem fachmedizinischen Katalog, auch wenn ich mir noch so viel Mühe gab, die fremden Wörter und Namen von Medikamenten und Produkten zu entziffern, ... schade. Das war ziemlich frustrierend. (Naja, später ging's bei den ursprachlichen Wörtern der Bibel, die ich für die Beantwortung von "Leserfragen" und für Artikel anhand altgriechischer und althebräischer Fachwörterbücher untersuchte, zumindest etwas leichter beim Entziffern!)

Als Kind war ich stolz auf eine eigene Büchersammlung, und ich erfasste jedes Buch meiner "Bücherei" mit einem Kinderstempel und schrieb meinem Namen daneben. (Viele Jahre später sollte ich solche Arbeiten etwas professioneller in einer großen Bibliothek verrichten.)

Unter Künstlern

Unser Wohnhaus, Kreuznacher Straße 70, liegt parallel zum Südwestkorso und ist Teil der legendären, zeithistorischen "Künstlerkolonie Berlin" in Wilmersdorf, die noch eine ganz besondere Rolle für mich spielen sollte. Bei unserem Häuserblock befinden sich Einkaufsgeschäfte; darüber steht: "Läden der Künstler." Viele unserer Nachbarn hatten beruflich etwas mit Kunst, Bühne, Rundfunk, Fernsehen, Film oder Bildung zu tun oder waren inzwischen pensioniert.

Professor Wolfgang Benz von der TU Berlin wohnte nur einige Häuserblocks entfernt im Südwestkorso. Er war dort Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung. Viele Jahre später (1996) warf ich ihm meine Anfrage in den Briefkasten (möglicherweise hatte ich vorher geklingelt, ich weiß es nicht mehr), ob wir in seinem Zentrum die Premiere der "Standhaft"-Videodokumentation durchführen dürften (auf das Video gehe ich ebenfalls unten näher ein) – aber ich möchte jetzt nicht vorgreifen. Noch folgendes: Gleich neben uns, im Nachbarhaus Kreuznacher Straße 68, wohnte Dr. Gabriele Yonan, die sich für religiöse und ethnische Minderheiten engagierte, und die ich damals natürlich noch nicht kannte, aber viele Jahre später sollten wir gemeinsam referieren und publizieren!*

* Frau Dr. Yonan hatte an der FU Berlin über Thomas Mann promoviert, was später unter anderem ein Auslöser für ihr Interesse an der Verfolgungsgeschichte und der Haltung der Zeugen Jehovas oder Bibelforscher unter dem NS-Regime war. Denn es faszinierte sie, was der Nobelpreisträger darüber 1938 bewundernd in einem der Wissenschaft wenig bekannten Statement geschrieben hatte. (Darüber sollte ich Jahre später ebenfalls einen Fachartikel schreiben.) Sie kämpfte damals und sicher heute noch für benachteiligte Gruppen und auch ihre Assyrer. Nachdem ich mich 2008 zurückgezogen hatte, erreichte mich eines Tages ein Anruf von ihr als ich gerade mit dem Radl an der deutsch-österreichischen Grenze an der Saalach unterwegs war (meine Adresse und Telefonnummer standen damals im Telefonbuch), was mich freute; und wir sind auf "facebook" befreundet, aber ich verhalte mich nach 2008 ziemlich passiv im allgemeinen bei Kontakten – sorry, hatte einfach nicht die Zeit oder Ruhe für Kontaktpflege.

Im Nachbarhaus zum Südwestkorso hin (unsere Fenster im Häusereck direkt gegenüber, wir konnten uns zuwinken) wohnte ein süßes kleines Mädchen, meine Klassenkameradin in der Grundschule am Rüdesheimer Platz, Denise Gorzelanny. (Später wurde sie Sängerin, Künstlerin und Synchronsprecherin sowie Schauspielerin wie ihre Mutter Gitta Winter, die 1963 mit Rex Gildo, Heinz Erhardt u.a. Stars Filme drehte, was mir aber damals als Junge nicht bewusst war.) Ich mochte Denise wegen ihrer Heiterkeit (noch heute weiß ich einen Witz mit Klein Fritzchen und Klein Erna, den sie mir kichernd vor dem Haus erzählte). Mein heimlicher Schwarm aber waren Schulmädchen mit dem schönen Vornamen "Christine", der mir besonders gefiel.

Denise, meine Grundschulkameradin aus dem Nachbarhaus, nahm mich einmal zur Teilnahme an einem Fotoshooting in einem Studio in der Schloßstraße (Steglitz) für einen Kindermoden-Katalog mit. Wir posierten als Kindergruppe vor der Kamera (für welches Mode- oder Versandhaus weiß ich nicht mehr). "Entdeckt" wurde ich dabei nicht als Kindermodel, ich hatte auch nicht das Zeug und die Geduld dafür, glaube ich.

Als der Fotograf bei einer Szene plötzlich unentschlossen schien und überlegte, die Kinder anders anzuordnen, machte ich spontan den Vorschlag (obwohl ich sonst eigentlich schüchtern und still war), mich anders hinzustellen, also für einen geänderten Bildaufbau. Das behagte ihm nicht. Das konnte ich an seiner abweisenden Kopfbewegung sehen. Von Denise erfuhr ich, dass er danach gesagt hatte, sie braucht mich nicht mehr mitzubringen. Nein, ich war nicht enttäucht. In mir steckte aber etwas, was ich nicht erklären konnte. Den Eltern erschien mein Mundwerk "vorlaut", anderen erschien ich als "Besserwisser". Und war ich nicht oft ein "Fettnäpfchentreter", wenn ich schon mal den Mund aufmachte? (Sehr viel später sollte ich in Besprechungen, bevor überhaupt ausgeredet war, schon "Lösungen" für ein Problem präsentieren, ohne scheinbar überhaupt nachgedacht zu haben. Meine Gedanken eilten mir stets voraus, oder sprangen wie ein Gummiball, ein blitzschnelles Ahnen von Zusammenhängen, eine Intuition, auch für das Befinden anderer, ohne mir dessen bewusst zu sein oder gar zu wissen, was dahinter steckt. Das sollte ich erst rund 50 Jahre später anfangen zu entdecken – und langsam zu verstehen. Mit dem Thema Sensibilität bzw. Hochsensibilität habe ich vor, mich noch weiter zu beschäftigen.)

In der "Künstlerkolonie", wo wir im südlichen Zipfel in der Kreuznacherstraße Ecke Südwestkorso wohnten, haben Künstler und andere begabte Menschen gewohnt, deren Namen ich heute dank Wikipedia weiß, wie Ernst Bloch (Philosoph), Franz Cornelsen (Verleger), Lil Dagover (Schauspielerin), Sebastian Haffner (Publizist), Klaus Kinski (Schauspieler), Walter und Willi Kollo (Komponisten), Klaus Schütz (ehem. reg. Bürgermeister von West-Berlin) und viele weitere. Nicht, dass ich wie solche Menschen berühmt werden will (nein, ich wollte damals schon nicht berühmt, sondern glücklich werden). Mir imponierte einfach, und das bis heute, was Herz, Verstand und Begabung von Menschen leisten und zu erreichen vermögen. Eine wundervolle Gesangstimme zum Beispiel – Gänsehautfeeling (bei mir)!

Ich selbst schien als Kind überhaupt keine Begabung oder eine Neigung zu besitzen, sei es handwerklich (wie mein Vater oder Bruder), sei es für Musik (wie etwa meine späteren "Glaubensgenossen" Michael Jackson oder Prince, sonst hätte ich ausgesorgt, andererseits bin ich lieber quicklebendig). Noch für das Schauspiel (wie meine Namensvetterin Katrin Wrobel, bin auch nicht so hübsch wie sie, unsere "Miss Germany 2002"). Oder sei es für sonst etwas. Mir fiel auch nichts passendes zu wünschen ein. Stand quasi mit leeren Händen und meist mit einem leerem Kopf da, wusste mich nicht zu entscheiden, was Beruf oder Ausbildung betraf. Hatte nichts, dem ich mich widmen konnte. Was mich aber auszeichnete – das war perfekte Unentschlossenheit! (Erst viel später entwickelten sich persönliche Neigungen – in ganz andere Richtungen, wie oben beschrieben, also anders als Musik oder Schauspiel.)

Mission Impossible – Projekt "Lila Winkel"

In der West-Berliner Künstlerkolonie, wird an einigen Hauswänden mit Gedenktafeln der unter der Hitler-Diktatur politisch verfolgten und ermordeten einstigen Bewohner gedacht. So auch auf dem zentralen Laubenheimer Platz, der noch während meiner Kinderzeit, im für mich bedeutungsvollen Jahr 1963, in "Ludwig-Barnay-Platz" umbenannt wurde. (Ludwig Barnay war deutscher Schauspieler und später auch Theater-Intendant.) Auf dem Platz steht seit 1988 ein Mahnmal für die politisch Verfolgten (schon vordem, während meiner Zeit in West-Berlin, so meine ich mich zu erinnern, muss es dort bereits einen Hinweis auf politisch Verfolgte unter dem NS-Regime gegeben haben). Hier, auf dem Ludwig-Barnay-Platz, fasse ich anlässlich einer meiner späteren Berlinbesuche einen feierlichen Entschluss. (Das muss zwischen Ende 1985 und Frühjahr 1986 gewesen sein.) Ich setze mir zum Ziel, die bis dato allgemein fast unbekannte religiöse Verfolgungsgeschichte und Unbeugsamkeit der Angehörigen der Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen (Ernste Bibelforscher) unter den beiden deutschen Diktaturen nachhaltig und öffentlichkeitswirksam historisch aufzuarbeiten sowie für ihre Bewahrung etwas zu tun (siehe unten). Die Forschungsarbeit sollte vor allem die NS-Zeit betreffen. Doch viele Zeitzeugen dieser Epoche waren nicht mehr am Leben. Die Zeit drängte, das Thema war allgemein verpönt – was konnte man (ich) da schon ausrichten, dachte ich mir?

Das war damals die Geburt eines vertraulichen, sehr persönlichen Lebensprojekts, das noch verschwommen erschien, dem ich für mich den zielgerichteten Namen "Lila Winkel" gab, und später, als das Projekt reale, gigantische Formen annahm, den Label "jwhistory", um mich zu motivieren, darunter meine zahlreichen veröffentlichten Manuskripte und unveröffentlichten Texte zu sammeln mit dem Ziel, sie eines Tages zu Nachschlagezwecken zur Verfügung zu haben und zu stellen. (Ein Projekt, dem ich noch sehr viel, ja fast meine gesamte private Zeit von 1996 bis 2008 widmen sollte!)

Die Besonderheiten der Thematik: Lila Häftlingswinkel für Zeugen Jehovas (Bibelforscher) in den Konzentrationslagern des braunen Regimes (also eine eigene KZ-Häftlingskategorie, von denen es nicht viele gab), Hinrichtungen ihrer Kriegsdienstverweigerer ab 1939 (August Dickmann als erster und öffentlich im KZ Sachsenhausen erschossen, worüber sogar die New York Times vom 17. September 1939 berichtete), Verschleppung ihrer Kinder durch deutsche Behörden (zB bei der Familie Kusserow), die spektakuläre Untergrundtätigkeit der Gemeinschaft 1933 bis 1945 trotz Verbot und unmittelbarer Lebensgefahr (zwei landesweite Flugblatt-Aktionen, heimliche Vervielfältigung des Wachtturms) und anderes mehr. Also ein bemerkenswerter Widerstand während der NS-Diktatur – gewaltlos, aus christlicher Überzeugung!*

* Vgl. zur Gewichtung des Themas den späteren Artikel im Tagesspiegel von Philipp Lichterbeck. Oder mein zusammenfassendes Referat vor dem Beirat der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin am 19. Juli 2001.

Wie ich Bibel-Forschender werde

Der nichttrinitarischen Religionsgemeinschaft "Jehovas Zeugen" (Zeugen Jehovas, Gottesdienst; Jehovah's Witnesses) hatte ich mich als Kind durch meinen Vater Gerhard (27.05.1923 – 17.12.2013) und am 26. Juli 1963 in München durch die Wassertaufe für Erwachsene (obwohl ich noch Kind war, was ich nicht wahrhaben wollte) freiwillig, begeistert und etwas spontan angeschlossen, dort zusammen mit meiner Mutter Helga (21.06.1929 – 8.06.1993), beide sagten wir niemandem vorher Bescheid, was sonst üblich ist, worauf die Ortsgemeinde einen Blick auf die Taufbewerber wirft (das entfiel hier). Damals in München, auf dem internationalen einwöchigen open-air Wachtturm-Kongress auf der Theresienwiese mit rund 100.000 Anwesenden – eine unglaublich bunte Schar von Menschen aus vielen Nationen, die dort täglich perfekt organisiert nicht nur Bibelvorträge bei schönstem Sommerwetter hörten, sondern sogar vor Ort verköstigt wurden! (Vertreter der Bundeswehr seien gekommen, um sich die reibungslose perfekte Massenabfertigung im Cafeteria-Stil anzuschauen, hörte ich dort erzählen.)

Zuvor, also bis Ende der 1950er-Jahre, war ich als Kind meist sonntags katholischer Kirchgänger gewesen (während die Mutter das Sonntagsessen vorbereitete; Vater war nicht an dieser Kirche interessiert), allerdings gleichzeitig mit gelegentlichen Besuchen zusammen mit meinem Vater bei den Gottesdiensten der Mormonen (1960), deren amerikanische Missionarinnen bei uns zu Hause eines Tages geklingelt hatten (ein amerikanisches Mädel, die ich ganz nett fand, studierte mit mir das Buch Mormon; davon existiert noch ein Foto).

Um diese Zeit klingelten auch ein Ehepaar der Zeugen Jehovas an der Tür. Vater, geborener Katholik, dennoch Bibelleser und Wahrheitssucher, lud dann Vertreter beider Sondergemeinschaften zu einer Diskussion ein, worauf die Zeugen Jehovas aufgrund ihrer Bibelauslegung vor den Mormonen als Favoriten hervorgingen, und Vater wurde Ende 1962 ein getaufter Zeuge Jehovas (die Wassertaufe, die bei Jehovas Zeugen eine Gläubigentaufe ist und der daher eine Befragung oder Prüfung vorausgeht, sie wird übrigens durch vollständiges Untertauchen vollzogen, wurde mir versagt, weil ich dafür noch zu jung schien).

Mutter blieb zunächst "katholisch" bis zum erwähnten Massenkongress auf der Theresienwiese in München im Sommer 1963 – ein spontaner Entschluß unter dem Eindruck dieses phantastischen internationalen Kongresses und der dort gehörten Vorträge. Nach unserer Spontantaufe studierten wir noch weiterhin die Bibel mit dem kinderlosen Ehepaar, das uns regelmäßig besuchen kam, bis es Zeit wurde, dass mein Vater die Leitung unseres Familienbibelstudiums übernahm, was er zögerlich tat; er war zwar ein guter Leser, aber kein Redner.

Die Lehre der Zeugen sprach mich als jungen, freiheitsliebenden und opferbereiten Menschen sehr an (obowohl ich noch Kind war) – das heißt der biblische Glaube an die verheißene "kommende" (zu erwartende) gerechte, friedliche und brüderliche neue Weltordnung ohne Grenzen und Unterdrückung unter dem Königreich Gottes ("Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden", Matthäus 6,10), befreit von Krankheit, Altern und Tod (dort dann die irdische Auferstehung der Verstorbenen und ewiges Leben im erdenweiten "Paradies" für alle gehorsamen Menschen) – eine perfekte Welt mit perfekten Menschen (allerdings haben sie 1.000 Jahre Zeit zum weiteren Lernen, um bei der ebenfalls in der Heiligen Schrift, der Bibel, im letzte Buch "Offenbarung" prophezeiten Schlussprüfung nicht zu versagen). Ich lebte fortan bereits als Kind in unmittelbarer Naherwartung dieser "neuen Welt", nichts anderes schien mir wichtiger zu sein oder erste Priorität zu haben! Diese "Naherwartung" ist der Schlüssel, um meinen neuen Idealistmus und den darauf folgenden alternativen, altruistischen Lebensweg als junger Mensch zu verstehen – und das 36 Jahre lang.

Nach bzw. zu meiner Taufe 1963 erhielt ich von Gisela und Hans Voigt, die als Zeugen Jehovas mit unserer Familie die Bibel studierten (über unsere Taufabsicht hatten Mutter und ich sie allerdings nicht informiert, sie erfolgte wie oben erwähnt etwas spontan), eine Bibel geschenkt, was mich sehr freute. Das Ehepaar kümmerte sich auch sonst rührig um unsere Familie (blieb selbst aber kinderlos), packten handwerklich auch schon mal zu und setzen sogar unsere Sexualaufklärung bei den Eltern durch. (Das Thema Sexualität war sonst ein Tabuthema, quasi eine "lustfeindliche" familiäre Umgebung, wie das sicherlich allgemein in den katholischen Familien der Fall gewesen sein dürfte.)

Das Ehepaar Voigt schenkte mir also nach der Taufe eine texttreue Bibelübersetzung, die Elberfelder Bibel vom Brockhaus-Verlag, die in dieser Ausgabe durchweg das hebräische Tetragrammaton, den Gottesnamen JHWH nicht wie oft in Bibelübersetzungen üblich mit HERR, sondern mit "Jehova" wiedergibt. Diese Bibel sah eines Tages beinahe so zerlesen aus wie die Lutherbibel meines Vaters! (Heute kann man im Internet sekundenschnell Bibeltexte finden, wenn man weiß, wie es geht ..., vergleichend in unterschiedlichen deutschen Bibelübersetzungen online lesen, zB auf Webseiten der EKD, der Deutschen Bibelgesellschaft oder in zahlreichen Sprachen in der Online-Bibel der Watchtower Society.)

Die Bibel als Geschichts- und Offenbarungsbuch faszinierte mich, doch ich wollte Dingen auf den Grund gehen: Mich interessierten dabei Realitätsbezüge und authentische Orte, an denen die in der Bibel erwähnten Personen, wie Abraham (Stammvater Palästinas durch Ismael und Israels durch Isaak), Moses (Zehn Gebote als Basis für Ethik), König David (übrigens ebenso ein erfolgreicher Poet wie sein Sohn Salomo), Jesus von Nazareth (der Christus und verheißene Messias) oder der Apostel Paulus (sein hebräischer Name war Saulus, sein römischer Name Paulus, beide Namen waren damals in Gebrauch) wirklich gelebt hatten – ich wollte keine "Erfindungen" lesen und glauben wie einst bei den Erzählungen von Karl May. (Winnetou hat nie gelebt, aber die Protagonisten der Bibel, und sie haben sicherlich irgend welche Spuren hinterlassen, die ich suchen konnte – in Museen oder wenn möglich, am authentischen Ort im Nahen Osten, zum Beispiel die Pontius-Pilatus-Inschrift von Caesarea.)

Im Laufe der Jahre besichtigte ich archäologische Exponate und Artefakte, die mit dem Alten und Neuen Testament verknüpft sind (zB in Museen in Ost-Berlin, Paris, London, New York, Athen und Jerusalem), Ausgrabungsstätten (zB Ephesus/Türkei [Museum] und Cäsarea/Israel) und Schauplätze (zB viele Stätten in Israel oder besuchte die Insel Patmos/Griechenland, wo der Apostel Johannes die apokalyptischen Visionen im letzten Bibelbuch, der Offenbarung, erhalten hatte).

Bereits als Teenager begann ich Bibelübersetzungen und Bibelkommentare sowie althebräische und altgriechische Wörterbücher zu sammeln (also in den Ursprachen der Bibel), auch Konkordanzen, wo ich Wörter nachschlug, um ihre biblische Bedeutung besser zu verstehen. Neben der Elberfelder Bibel benutzte ich zum Beispiel das Konkordante Neue Testament. Mich interessierten einfach Fakten rund um die Bibel!

In der Oberschule las ich einmal freudig erstaunt, "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!" (Johann Wolfgang von Goethe). Ja, diese Aussage entsprach meinem Empfinden als Mensch, nicht nur als junger Zeuge Jehovas, und wurde schließlich eine Lebensmaxime! Ich suchte natürlich wie oben erwähnt meinen Bibelglauben mit der Realität, säkularem Wissen und meinen Erfahrungen zu vergleichen und zu kombinieren. (Gebe zu, dass ich trotzdem zunächst etwas weltfremd blieb, was ich heute aber nicht mehr behaupten würde!)

"Ich bin ein Berliner!"

Am 26. Juni 1963, einen Monat vor dem Massenkongressbesuch in München und meiner Taufe dort, stand ich als Steppke mit zahllosen jubelnden Berlinern in der Schloßstraße und sah den US-Präsidenten John F. Kennedy vorbeifahren – "Ich bin ein Berliner!", sein vom Radiosender RIAS direkt übertragener Ausruf vor dem Rathaus Schöneberg als Symbol für (politische und persönliche) Freiheit nahm später mehr Bedeutung (siehe Blogspot) für mich an.

Übrigens, die Eltern von Kennedys Amtsvorgänger, General Dwight D. Eisenhower, dem 34. US-Präsidenten von 1953 bis 1961, waren ebenfalls Zeugen Jehovas (Jehovah's Witnesses, Bible Students, Bibelforscher). Es war Eisenhower, der als Oberkommandierender der Alliierten an der Westfront dazu beigetragen hatte, den Zweiten Weltkrieg zu beenden und Zigtausende von Häftlingen und Arbeitssklaven, darunter die verfolgten Bibelforscher oder Zeugen Jehovas, seine ehemaligen Glaubensbrüder, aus ihrem Elend zu befreien.

Über die NS-Verfolgungsgeschichte sollte ich später viel mehr erfahren, obgleich ich zur gleichen Zeit, ab 1963, bereits etwas damit in Berührung kam. Denn jeden Dienstagabend besuchte ich eine Bibelstunde ("Versammlungsbuchstudium" genannt) in der Ahrweiler Straße in Wilmersdorf in der Wohnung von "Schwester Kluge" (Vorname Klara?), und diese ältere Zeugin Jehovas war wegen ihres Glaubens unter Hitler verfolgt und inhaftiert worden, sprach darüber jedoch so gut wie garnicht in dieser Runde. Wenn ich mich recht erinnere, hat sie nur einmal kurz über die Verfolgungszeit berichtet als wir sie einmal privat besuchten.

Damals war für mich in West-Berlin die weitere, nach 1945 einsetzende heftige staatliche Verfolgung der Zeugen Jehovas (Bibelforscher) in Deutschland, diesmal in der DDR des SED-Regimes, weitaus präsenter, und ich erinnere mich, wie ich bald bei einem Aufenthalt in Schweden danach gefragt wurde.

Erst sehr viel später, nach dem Lesen des Jahrbuchs der Zeugen Jehovas 1974, das einen ergreifenden, umfangreichen Verfolgungsbericht unter den Diktaturen in Deutschland enthält (anonym verfasst von Konrad Franke und gekürzt weltweit veröffentlicht durch die Redaktion in Brooklyn N.Y., USA, was die Gemeinschaft auf der ganzen Erde für das Thema sensibilisierte; siehe mehr Details zum Jahrbuchbericht unten), begann mich das Thema tiefer zu berühren. Und erst nach einer Besichtigung der KZ-Gedenkstätte Dachau anlässlich eines Münchenbesuchs begann auf einmal die Verfolgungsgeschichte durch den authentischen Ort des Grauens und des Todes für mich lebendig, ergreifbar, folglich "begreifbarer" zu werden, ohne zu ahnen, wie tief ich in der Zukunft in diese Materie eindringen sollte!


RÜCKBLiCKE, 1964 – 1967

Mehrere längere Sommerferienaufenthalte als Berliner Schüler bei Gastfamilien im Ausland, organisiert von der Abteilung "Jugend und Sport" der West-Berliner Senatsverwaltung. Die ausgewählten Berliner Jungen und Mädchen gingen unter Aufsicht auf Gruppenreise und das mit der Eisenbahn bis zum Zielort, wo sie nach Ankunft vor Ort dann von der jeweiligen Gastfamilie abgeholt wurden.

Drei Länder, vier Gastfamilien – meine Sommereltern in Schweden, Österreich und Spanien

Die erste Sommerferienreise ins Ausland fand wahrscheinlich bereits 1962 statt, und ich wohnte bei Familie Ruth und Carl Wallin und ihren Kindern Karin und Peter (Foto), mitten in der Stadt Lund, Trollebergsvägen 77b, Schweden. Dazu gehörte eine gemeinsame Familienreise mit ihnen nach Norrland; erst heute kehren einige Erinnerungen zurück – war damals wohl achteinhalb Jahre alt. (Der Kontakt riss nach der Rückkehr nach Berlin mit der Familie in Schweden ab, was meiner damaligen religiös bedingten Geschäftigkeit geschuldet ist, obwohl Gastvater Carl mir damals zwei liebe Briefe in ausgezeichnetem Deutsch schrieb. Schade eigentlich.)

Im Jahr 1964 dann bei Familie Stjernfält auf dem Land. Sie wohnten in einem abgelegenen Haus an einem Waldrand mit ihrer Schafherde in Stora Ekshus, Ekeby bei Hälsingborg (Schweden) und ihrer deutschen Schäferhündin "Pia", mit der ich gern herumtollte. Wundervolle schwedische Sommer. Immer draußen an der Luft, trotz der vielen Mücken, die es leider in Südschweden reichlich gibt, sicherlich wegen die vielen Binnengewässer dort. Wenn im Fernsehen "Bonanza" lief, war ich im Haus, um die Westernhelden anzuschauen. Die ruhige, ausgeglichene nordische Mentalität machte einen bleibenden guten Eindruck auf mich. (Später zog die Familie nach Skånes-Fagerhult, wo ich sie viele Jahre später einmal besuchte. Wir konnten uns nicht gut verständigen, da die Familie Sternfält – Asta, Henry und Lennart – kein Deutsch sprachen und ich kein Schwedisch.)

Pias munteres Bellen ist meinem Ohr schon lange entschwunden und vergessen. (Merkwürdig, nachdem ich viele Jahre danach auf der CD-ROM "Gegen das Vergessen. Eine Dokumentation des Holocaust" als stetes Hintergrundgeräusch das scharfe Bellen der wachsamen, beißenden SS-Schäferhunde hören musste – wie wohl einst Tag und Nacht die zahllosen Häftlinge und Todeskandidaten im deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, Oświęcim, Polen –, kehrt heute das schreckliche Bellen der Wachhunde in mein Ohr zurück, wann immer ich an das ehemalige Todeslager denken muss, das ich 2004 als Referent anläßlich einer Ausstellungseröffnung besuchte und kennenlernte.)

Als nächstes 1965 in Österreich auf dem Bergbauernhof von Familie Eichberger, mit einem Dutzend Kühe bei Rachau, Glein 33, Post Knittelfeld, Steiermark (damals wusste ich noch alle Namen ihrer Kühe im Stall auswendig!), wo ich das Landleben kennenlernte, auch schon mal mitmachte, die Tiere zur Weide oder zurück zu treiben. Einmal schlenderte ich zum Gastvater auf die Wiese (auf dem Weg in den Wald, um Pfifferlinge/Schwammerl zu sammeln) als er gerade beim Sensenmähen war, und als er mich sah, begann er zu Jodeln. "Wie jodelt man?", fragte ich gespannt. "Das steckt im Blut", erwiderte er, "das kann man einfach so!" Ich versuchte es, aber ich konnte nicht jodeln – fand ich schade!

Schließlich 1968 in Spanien bei Familie Gras in Pedralbes, Avenida Espasa, Barcelona, bei einer Familie mit Anwesen. Ferienzeit als Freizeit mit Müßiggang im warmen Mittelmeerklima! Doch ich studierte mein englisches Schulbuch und (heimlich) Wachtturm-Schriften (die Zeugen Jehovas waren damals in Spanien als Religionsgemeinschaft verboten), las jeden Abend vor dem Einschlafen in meiner Elberfelder Bibel, versuchte im großen Garten am Klavier im Musikpavillon ohne Noten kurze Melodien zu "komponieren" (klimpern) und entdeckte Zeichnen vorübergehend als persönliche Ausdrucksform.

Einmal kam das junge Zimmermädchen Sarita Losada zum Putzen herein (ich hatte das Zimmer von Alberto Gras bekommen), und sie sah mich ein Portrait zeichnen (aus meiner Phantasie) und forderte mich auf, sie zu zeichnen – was ich vehement ablehnte! Ich war viel zu schüchtern, ungeduldig und überhaupt nicht überzeugt von meinem Zeichentalent! (Schade, wäre vielleicht eine Möglichkeit gewesen, etwas zu probieren, egal wie es ausgeht. Ich hätte das Portrait probieren sollen, auch wenn es eine Karikatur oder "moderne Kunst" geworden wäre! So versäumt man Möglichkeiten.)

Im Musikpavillon, dort im weitläufigen vom Gärtner und Hausmeister Rafael Bueno Salas gepflegten mediterranen Garten der Familie Gras, ein kleines "Paradies", konnte ich nicht aufhören, die toll illustrierten Bände mit den Abenteuern von Tintin und Milou/Snowy (Tim und Struppi) anzuschauen. (War viele Jahre ein Fan von ihnen gewesen bis Comics in Vergessenheit geraten.) Mein Klavierspiel und Lesen unterbrochen vom Ruf der Köchin Carmen Morales Lora, doch endlich zum Mittagessen zu kommen – Paella Valenciana! (Mhm, lecker – leider bekam ich das Reisgericht anderswo nicht mehr so gut und lange in der Pfanne zubereitet wie bei der spanischen Familie! Ich habe Paella mit Huhn und Meeresfrüchten nur noch einmal in sehr guter Erinnerung, und das war bei einem Besuch mit Gene Smalley von der Watch Tower Redaktionsabteilung und seiner deutschen Frau in einem spanischen Restaurant in Manhattan, New York City, viele Jahre später!)

Wenn Javier Gras, der älteste Sohn der Familie, aus der Schule kam, verbrachten wir Zeit miteinander am Swimmingpool, hörten zusammen mit seinem Freund Pedro Verges (der ebenfalls in Pedralbes wohnte) Rockmusiker wie Jimi Hendrix, liefen zu Fuß zum Vergnügungspark Tibidabo, um dort Livekonzerte von bekannten Musikgruppen und Sängern wie Johnny Hallyday mitzuerleben. (Durch den regen Kontakt, wir sprachen nur Deutsch, erhielt Javier die Möglichkeit, seine Deutschkenntnisse und Schulnoten für den Deutschunterricht zu verbessern.) Ebenso war ich mit Alberto, dem jüngsten Sohn der Familie Gras, zusammen, und wir spielten gern und viel Tischtennis, wobei Pepin Coca, der Nachbarjunge, manchmal mitspielte – so lernte ich zumindest auf Spanisch zählen, zumindest bis 12! ☺

Peppins Familie bewohnte in Pedralbes gegenüber meiner Gastfamilie Gras in der Straße Montevideo ein riesiges verwildertes mediterranes Landareal mit einem verschlossenen, stillgelegten Stollen oder finsteren Brunnentunnel, wo wir "Abenteuer" bestanden. In dieser Wildnis hausten Eidechsen und Schlangen, auch die gefährlichen Skorpione, vor denen Pepin Coca mich warnte.

Pepin hatte zwei hübsche Schwestern, die etwas älter als wir waren, die manchmal zu uns zu Familie Gras herüberkamen, und mich dann am Swimmingpool verlegen machten durch ihre schon sichtbaren Busen oder Brüste – die eigentlich etwas ganz normales, natürlich weibliches, menschliches sind. Als eifriger Bibelleser war ich mit den geheimnisvollen Reizen der Weiblichkeit "theoretisch" vertraut, vgl. das Bibelbuch Hohelied 4,1-5 (zitiert laut Elberfelder Bibel 1905): "Meine Freundin, siehe, du bist schön: Deine Augen sind Tauben hinter deinem Schleier ... Deine beiden Brüste sind wie ein Zwillingspaar junger Gazellen, die unter den Lilien weiden."

Aber in der sozialen Praxis und Realität meiner damaligen Welt haperte es doch gewaltig – und um "nackte" Einblicke zu gewinnen, die es eigentlich schon umsonst am FKK-Strand oder in einer Sauna gibt, sollte man sich quasi auf eine Ehe einlassen, was jetzt nicht zu verallgemeinern oder gar auf eine Religionsgemeinschaft als Ursache zu projizieren ist – denn meine Situation war familiär und von der sozialen Herkunft bedingt. (Zu dem vor allem für junge Menschen interessanten Thema der geheimnisvollen Reize aus "männlicher" oder "weiblicher" Sicht, vor allem zum Thema Sex, dazu siehe unten einige Beobachtungen.)

Mit Pepins Schwestern hatte ich nichts im Sinn. Dagegen fühlte ich mich zu einem bereits älteren Mädchen hingezogen, Magdalena Clopes, die in der Nachbarschaft wohnte, einige Häuser weiter in der Straße Montevideo. Magdalena hatte schönes langes schwarzes Haar, und wir konnten uns ab und zu in Englisch vor ihrer Haustür brav unterhalten. Später schrieb mir Magdalena einen Brief in Spanisch nach Berlin, den ich nicht verstand. Ich gab ihren Brief einer Zeugin Jehovas, die aus Nicaragua stammte zum Übersetzen, worauf sie meine Mutter "informierte", die mir Vorhaltungen machte (übertriebener Verdacht auf Unmoral, eine sündige Tat; in solch einer Atmosphäre wuchs ich auf).

Ein vorbildlicher unverheirateter Zeuge Jehovas vermied es nämlich, eine weibliche Person überhaupt sinnlich anzusehen oder zu berühren. Daran hielt ich mich, war aber neugierig und fasziniert von dem "Geheimnis" Weiblichkeit. "Wie die Weiblichkeit einen Mann erfreuen kann, so kann die Männlichkeit eine Frau erfreuen", so oder ähnlich heißt es später in einem Aufklärungsbuch der Wachtturm-Gesellschaft für junge Leute. Feste Bekanntschaften ohne die Absicht zu heiraten, waren aber verpönt. Der Austausch von Zärtlichkeiten und Küssen war Paaren vorbehalten, die heirateten. Die Weiblichkeit an sich, der ich im Grunde mein Leben durch Zeugung und Geburt mit zu verdanken hatte, und die ich bewunderte, entschwand für mich als pubertierenden Jugendlichen in einen fernen romantisierten Raum unrealistischer Schwärmerei, die mit der Realität wenig zu tun hatte. (Ein echtes Hindernis für eine Beziehung.)

Ich weiß nicht (mehr), was in Magdalenas Brief stand – sicherlich nur harmlose Nettigkeiten! Ich hatte mich mit Magdalena lediglich mehrmals unterhalten; es war kein bewusster Flirt. Wir freie West-Berliner, von einer mit Schusswaffen bewachten Todesgrenze und Mauer eingeschlossen, dazu Verwandte im rigiden Osten Berlins und der DDR, hatten immer Gesprächsstoff im Ausland. (Natürlich wollte ich bereits damals, glaube ich, nicht zu früh eine Ehe eingehen oder Familie gründen.)

So lernte ich als Kind und Jugendlicher unterschiedliche soziale Lebens- und Verhaltensmuster in Familien in Schweden, Österreich und Spanien kennen. (Was mich als Weltbürger mit gepägt und zu einem diversen, pluralistischen Denken geführt hat, offen für andere Nationalitäten und Respekt vor Andersdenkenden, ohne ihre Ansichten akzeptieren zu müssen.)


RÜCKBLiCKE, 1968 – 1969

"Hoch am Berge, wo kein Halm noch Strauch, abseits – ja dort, dort setz ich mein' Fuß. Will die Stille hören, Einsamkeit und Ruh" (2. August 1967, Eisenärzt, mein erstes "Gedicht", ein Reim). Eigene lyrische Texte, lustige Reime und verträumte Fantasy-Gedichte gehören inzwischen zu meinem Leben, eigentlich "für mich" geschrieben, die Folge eines inneren Bedürfnisses, sich irgendwie auszudrücken. Dazu kommen als Ausdruck einige Tinten- und Buntzeichnungen (womit ich in Spanien begann, hoffe künftig hier mal einige zu zeigen, dauert noch ... [vgl. Link im folgenden Absatz]). So entdecke ich jetzt meine Liebe zur Poesie bzw. einen Hang zur Schriftstellerei, später zum kreativen Schreiben und journalistischen Texten.*

* Wen das Poetische interessiert, findet hier (hoffentlich) bald einen Link zu den Verschriftlichungen meiner Gedichte und Reime chronologisch nach Entstehung aufgereiht. Dauert noch ... [so schrieb ich hier seinerzeit – inzwischen hatte ich die Rubrik "Poesie & Literarisches" mit Textbeispielen meines bescheidenes "Schaffens" aus der Jugendzeit mit einfachen Mitteln online eingerichtet, dazu gehört das erste "Gedicht"]) ☺

Sehnsucht und Geheimnis

Neben dem Meer gehörte den Bergen meine verklärende Sehnsucht – und dem tiefen dunklem Wald, diesem geheimnisvollen und scheinbar mystischen Raum der Deutschen und ihrer Märchen, gesammelt durch die Gebrüder Grimm, die ich aufmerksam gelesen hatte.

Später waren für mich "märchenhafte" Wälder, ebenso wie schöne Gewässer, vor allem während der über dreißigjährigen Lebenszeit in Hessen, Kraftorte und Rückzugsgebiete zum Erholen, Nachsinnen und Beobachten (was mir heute in Bayern etwas fehlt [die Bemerkung bezieht sich auf die Zeit meiner Berufstätigkeit bis 2018]). Einige meiner Jugendgedichte entstanden durch idealisierte Walderlebnisse im Taunus. "Mein Herz war wie das Rehkitz dort. | Es lauscht und wartet hier. | Und wenn du kommst, | dann folgt es dir" (1. August 1973, Wiesbaden-Kohlheck, ein Reim).

Geheimnisse ziehen mich überhaupt in ihren Bann!

Zu gehört der geheimnisvolle Anfang, Sinn und schließlich das Ende allen Seins, und logischerweise – Gott! Das heißt – der Schöpfer, der Urheber, der Uhrmacher dieses unvorstellbar gigantischen genialen Weltall-Räderwerks, das kein Mensch wirklich richtig begreift. Das Schweigen Gottes irritiert mich. Aber über das eifrige Bibellesen gelangte ich damals zum "Wort" Gottes, das heißt ich "hörte" ihn (auch zu mir) reden; und ich WOLLTE an ihn glauben, so einfach kann Glaube sein.* (Einige Geheimnisse bleiben ein Leben lang unergründlich und werden nie gelüftet.)

* Ich bin bis heute nicht formell-religiös, dafür gläubig, und ich schätze weit mehr geistige als materielle Werte als "Idealist". Mit ein Grund für die radikale Zäsur in meinem frühen Leben, zu der ich mich als junger Mensch bald entschließen sollte, unter anderem deswegen, um nicht in die Tretmühle eines geldorientierten Materialismus zu geraten, der eine Verlockung war, wie ich das um mich herum beobachten konnte, vor allem in West-Berlin, dem "Schaufenster des Westens" – und so entwickelte sich meine Entscheidung nach der Schulzeit für eine unentgeltliche, gottesdienstliche Tätigkeit, die ich als "Idealist" dann jahrzehntelang ausüben sollte und die ich erst 2008 freiwillig aufgab und so ein anderes, zweites Leben begann.

In die Reihe der Geheimnisse gehört, wie erwähnt, für mich als Mann und Gegenpart, das schöne Geschlecht, eigentlich die Weiblichkeit per se, das "Mysterium Frau", und das bleibt (für mich, noch lange Zeit als junger Mensch) ein großes Geheimnis. Im Februar 1971 reime ich in meiner damaligen Heimatstadt als Junge: "Berlin ist eine tolle Stadt / die viele schöne Mädchen hat / Dunkle und Blonde / durch die Straßen geh'n / die oft alleine / in der U-Bahn steh'n. / Blaue Pupille / und warme Blicke / süße Idylle / doch kein wahres Glück. / Erleichtert steh ich / mittendrin. Nur gut / dass ich so schüchtern bin" (Gedicht).

Wie von der Natur, so habe ich (damals) vielleicht ein durchweg idealisiertes Bild vom anderen Geschlecht, was sich erst durch mehr Lebenserfahrung verändern wird. (Manche Geheimnisse bleiben ein Leben lang unergründlich, andere werden gelüftet.)

Durch den biblischen Glauben entdeckte ich damals für mich ein außergewöhnliches "Lebens(abschnitt)ziel", wobei eine "keusche", das heißt eine sittlich und moralisch reine Lebensweise im Sinne der Bibel die Bedingung für dessen Realisierung gewesen war. Auch wenn ich zugegebenermaßen als poetischer, also tiefe Emotionen empfindender Mensch ein Mädchen gern real geküsst oder entdeckt hätte, zudem das normale menschliche Grundbedürfnis "Zärtlichkeit" und "Berührung" habe (was keineswegs grenzwertig ist, auch wenn dieses Grundbedürfnis einigen Menschen irgendwie abhanden gekommen ist, nicht einmal in der Familie Nähe erfahren durften, manche Menschen sich selbst bei Begrüßung oder Verabschiedung ungern umarmen lassen, weil das angeblich nicht "üblich" bei ihnen wäre, sei es im familiären, sozialen oder religiösen Umfeld).

Bereits junge Zeugen Jehovas lernen beim Bibelstudium, dass Frau und Mann vor Gott als Menschen grundsätzlich gleich sind, zum Beispiel in der Schöpfunggeschichte, "männlich und weiblich erschuf er sie" (1. Mose 1,27, NWÜ) – jeweils anders und doch gleichwertig. (Etwas anders sieht es in der religiösen Gemeinschaft beim Lehramt in der Gemeinde aus oder laut biblischer Lehre in der Ehegemeinschaft, die eine Ehepartnerschaft sein soll, wobei es nicht zwei "Kapitäne" vor Gott geben kann; die Ehefrau könnte aber durchaus "Steuermann" werden ...)

Männliche Angehörige müssen dem anderen Geschlecht, Mädchen und Frauen, mit Anstand und Respekt begegnen und dürfen sie nicht als Sex-Objekt betrachten, also ihre menschliche und weibliche Würde achten. Dieser edle Standpunkt war für mich daher selbstverständlich. In der Religionsgemeinschaft werden sittliche Werte und Moral, "biblische Grundsätze" genannt, konsequent vertreten.

Natürlich sprach grundsätzlich für mich jungen Menschen damals überhaupt nichts dagegen, innerhalb der Religionsgemeinschaft zu heiraten, wie das um mich herum auch praktiziert wurde. Doch eine Bindung in einer Ehe hätte die Realisierung meines selbst gesteckten, außergewöhnlichen relativen "Lebens(abschnitt)ziels" (was so ganz anders als herkömmlich war, siehe nächste Unterüberschrift), das ich zu diesem Zeitpunkt nur als Single erreichen konnte, vereitelt oder ich hätte es aus den Augen verloren.*

* Dieser Tage hörte ich Eckart Axel von Hirschhausen in einem Radiointerview auf die Frage, was den Unterschied zwischen Verliebtheit und wahrer Liebe mache, trefflich antworten: "Verliebte schauen sich in die Augen, zwei sich Liebende in dieselbe Richtung" (2021).

Mein gefasstes Ziel durch die Lüftung dieses "Geheimnisses" aus den Augen zu verlieren, das wollte ich nicht riskieren, und daher verzichtete ich freiwillig auf eine frühe Bindung mit einer Person des anderen Geschlechts, allerdings gleichzeitig auf Erfahrungen und Bedürfnisse auf dem interessanten Gebiet – das andere Geschlecht blieb ein "Geheimnis"! (Vorweg bemerkt: Verzicht bedeutet Opfer, und mein persönliches Opfer in dieser Dimension war von Anfang an für mich tragbar, weil das selbst gesteckte "Lebens(abschnitt)ziel" ein relatives war, zeitlich durchaus überschaubar, nicht für die Ewigkeit bestimmt, und ich als freier Mensch selbst entscheiden konnte, wann ich einen neuen Lebensabschnitt in welchem Rahmen und mit welchen neuen Zielen antreten wollte. So empfand ich zumindest, und ich ahnte nicht, dass darüber rund vierzig Jahre vergehen sollten!)

Kein alltäglicher Lebensentwurf eines "Idealisten"

So entsteht wie beschrieben ein "Idealist", der laut Google-Definition eine Person ist, "die selbstlos, dabei aber auch die Wirklichkeit etwas außer Acht lassend, nach der Verwirklichung bestimmter Ideale strebt" (Definitionen von Oxfort Languages).

Mein persönlicher Lebensentwurf unterschied sich jetzt von herkömmlichen, allgemein vertrauten traditionellen Mustern – wie Geld verdienen, eine Familie gründen (möglichst mit Kindern), Vermögen schaffen, in Rente gehen, ein Testament machen und sein Begräbnis überdenken. Auf solche Erfahrungen wollte ich (zunächst) verzichten bzw. sie wären durch das bevorstehende Eintreffen der in der Bibel verheißenen "neuen Welt" (Wiederkunft und Millennium Christi, "Königreich Gottes" oder "Reich Gottes", das auf der Erde den Willen Gottes geschehen lässt), wie ich das als Kind gelernt hatte, ohnehin obsolet geworden.

Gemäß der Bibel (Neues Testament) hatte der auferstandene Christus gesagt: "Ich komme eilends [bald]" (Offenbarung 22,12). Und das vor über 2000 Jahren, perspektivisch gesehen eigentlich eine relativ kurze Zeit im Universum – richtig, es kommt auf die Sichtweise an. Das hatte ich damals noch nicht ganz verstanden. Für mich und sicher Millionen anderer Gläubiger war damals die Realisierung der "neuen Welt" durch das "Königreich Gottes", die Herrschaft Christi auf Erden, buchstäblich zum Greifen nahe! (Eigentlich wie das seit 2000 Jahren für alle Christen der Fall sein sollte, auch heute, also eine stete Naherwartung oder christliche Wachsamkeit im Gegensatz zu geistiger Schläfrigkeit und Unentschlossenheit.)

Und viel später lerne ich einen weiteren wichtigen Gesichtspunkt kennen, den Charles T. Russell (1852–1916), Hauptgründer und Präsident der Watch Tower Bible and Tract Society Society (kurz: Wachtturm-Gesellschaft, die Verlagsgesellschaft der Religionsgemeinschaft) einst geäußert hatte: "Wir leben als wenn das Ende schon morgen kommt, und wir planen als wenn das Ende erst in 100 Jahren kommt." (Ich kannte am Anfang nur den ersten Teil dieser Aussage und lebte und plante kurzfristig und nicht materialistisch. Durch meine spirituelle Denk- und Lebensweise sollte ich im Laufe der folgenden Lebensjahre aber keinen Schaden, sondern sehr viele glückliche Momente und bis heute innere Zufriedenheit haben.)


RÜCKBLiCKE, 1970 – 1972

Fortsetzung folgt ...




Soweit ein Auszug des Dokuments (ohne Fotos und durchgängige Verlinkungen). Das Originaldokument ist weiterhin offline und noch in der Überarbeitung.




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Rückblicke, Teil II (Zeitgeschichte oder Ein Idealist beobachtet die Welt) [Arbeitsmuster]

☞ Inhaltsverzeichnis, Teil I und II


Stephan Wrobel  😎
(Johannes Stephan Wrobel)


Stephan "Castellio" Wrobel

Freilassing/Salzburg - Berchtesgadener Land (BGL), mein Lebensraum seit 2011,
journalistisches Texten, Augenblicks­fotografie – Foto "Augen-Blicke" von "Stephan Castellio", Google Local Guide.


West-Berlin; Wiesbaden & Selters/Taunus (1972–2008),
researcher & writer since 1979, PR & historical publications 1996–2008 (heute im Ruhestand ;-)
jwhistory research & studies, 1996–2008, and present, is a private non-profit initiative
by Johannes Stephan Wrobel (jswrobel, jw).